Zeitung Heute : Gefühlte Wirtschaft

Vielen Bürgern ist wegen der neuen Sparpläne mulmig zumute – die Kauflust muss das aber nicht bremsen

Bernd Hops

Ein Blick auf den Konsumklimaindex zeigt: Es gibt Hoffnung. Die Deutschen sehen der großen Koalition positiv entgegen. Ist das in Anbetracht der Kürzungen gerechtfertigt?

Kauflaune ist ein sehr flüchtiges Gefühl. Es hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der Überzeugung, dass man auch das Geld hat, um sich den gewünschten Konsum zu leisten. Kaum jemand rechnet das allerdings trocken durch. Auch Geldangelegenheiten sind für die meisten Deutschen reine Gefühlssache. Und bei vielen Maßnahmen, über die Union und SPD in den Koalitionsverhandlungen sprechen, dürfte es den Verbrauchern mulmig werden. Die zuletzt bessere Stimmung könnte sich also sehr schnell wieder eintrüben.

Es geht um höhere Steuern und niedrigere Transferleistungen. Besonders symbolträchtig ist die Mehrwertsteuer. Dabei ist auch hier weniger das tatsächliche Ausmaß einer Anhebung entscheidend, als das reine Gefühl, dass „alles“ dadurch teurer wird. Ein großer Teil der Waren aber, die jeder täglich braucht, wie Lebensmittel, ist mit einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz belegt – und wird durch eine Steuererhöhung nicht teurer werden. Die Idee, statt einer Mehrwertsteuererhöhung eine zusätzliche Solidaritätsabgabe auf Einkommen- und Körperschaftsteuer einzuführen, wäre nicht wirklich besser. Den Menschen wird die Kaufkraft genauso entzogen – gut nur für die SPD, weil sie die Abgabe als sozial gerechter verkaufen kann.

Ähnlich sieht es mit der Streichung der Eigenheimzulage aus. Für den Privatmann bedeutet die Maßnahme von vornherein nämlich: Der Hausbau wird teurer. Also lässt man den Gedanken fallen. Da ist es egal, dass das Niveau der Bauzinsen derzeit auf einem historischen Tiefststand ist und das Baugeld also zu einem deutlich günstigeren Preis zu erhalten ist als noch vor wenigen Jahren. Die Bauwirtschaft rechnet bei einer Streichung der Zulage mit sehr viel weniger Aufträgen für private Eigenheime. Diffuser ist das Bild bei der Pendlerpauschale. Da wissen zwar die Betroffenen, dass ihnen etwas gestrichen wird. Doch die Kosten fürs Pendeln, die jetzt anfallen, würden ohnehin nur mit monatelanger Verzögerung über den Lohnsteuerausgleich teilweise zurückfließen. Bei einer Streichung der Pauschale würde also das verfügbare Einkommen in einem Jahr zwar insgesamt geschmälert, aber nicht sofort im Alltag spürbar. Die Chancen, dass deshalb die Konsumfreude zunächst nicht leiden müsste, sind also gut.

Überhaupt ist noch lange nicht ausgemacht, ob die zusätzlichen Belastungen für die Bürger sich tatsächlich unterm Strich negativ auswirken werden. Denn Geld für deutlich mehr Konsum gibt es über die Gesamtbevölkerung gerechnet durchaus. Die Frage ist nur, ob die Menschen diese Mittel tatsächlich für ihre heutigen Bedürfnisse angreifen wollen. Was eine optimistische Sicht auf die Zukunft bewirken kann, haben die britischen und amerikanischen Verbraucher in den vergangenen Jahren gezeigt. Sie haben kaum noch etwas zur Seite gelegt, weil sie auf die weitere Wertsteigerung zum Beispiel ihrer Eigenheime setzten. Die Deutschen heben dagegen jeden zehnten Euro, den sie einnehmen, für später auf. Vor allem aber dem guten Gefühl der Verbraucher verdankten die USA und Großbritannien die robuste konjunkturelle Entwicklung.

Insofern könnten sogar die Grausamkeiten einer großen Koalition etwas Positives bewirken, wenn die Menschen davon überzeugt werden, dass dadurch tatsächlich die aktuelle Stagnation überwunden wird. Foto: Ullstein/Joker/Lohmeyer / Montage: Mika

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