Zeitung Heute : Gefunden, was zu entdecken war

MICHAEL PILZ

Der Saxophonist Steve Coleman beschließt das diesjährige "Jazz Across the Border" Am Sonntagabend sind sie noch immer da: Versprengte Raver hupfen über den Rasen vor dem Tempodrom.Aus dem Zelt dringt der kubanische Pop der "Heimatklänge".Umsonst und draußen pegelt ein DJ seine Platten ein auf den Rhythmus des Salsa.Der Glockenturm im Tiergarten klongelt.All das mündet in einen wunderbaren Soundtrack, das unentwegte Häuflein tanzt dazu.Und auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt bemüht sich derweil "Jazz Across the Border".Der Franzose François Verly spielt Marimba- oder Vibraphon zu lyrischem Piano.Ein Quartett um den Vietnamesen Lê Quan Ninh interagiert eine lange Stunde in wirren, akustisch und elektronisch erzeugten Rhythmen.Bis das Finale das Programm dieses Festivals erfüllt: Ein halbes Jahr war der New Yorker Saxophonist Steve Coleman in Kuba.Dort hatte er über Embargo-Grenzen hinweg seine Mystic Rhythm Society mit der Gruppe Afrocuba de Matanzas vereint und gefunden, was er zu entdecken beabsichtigte: gemeinsame Wurzeln.Nun ist er unterwegs mit dieser Truppe, beginnt verhalten zu blasen zu Tanz und Percussion.Wie ein Sänger, dessen Stimme sich allmählich von der Nervosität befreit, kräftigt sich auch der Alt seines Saxophons.Knappe Phrasen schwingen sich aus zu weiten Bögen.Der Chorgesang des Orchesters übernimmt den Chorus.Colemans Band und diese Afrocuba de Matanzas, sie finden zueinander.Zu einer Musik in der Schwebe zwischen Son und HipHop, Salsa, Funk und Jazz. Im verflixten siebten Jahr sieht sich das "Jazz Across the Border" zu seinem Abschluß im üblichen Zwiespalt.Der Wille zum Experiment ist da.Die Resonanz der Medien ist geschwunden."Sticks!", das Motto, galt über das eigentliche Schlagwerk hinaus.Die Veranstalter verzichteten auf zugkräftig populären Ethnojazz und seine Rasselbanden.Statt dessen brachten sie mit dem Londoner Project 23 Drum & Bass und zeitgemäße Tanzmusik auf die Bühne.Oder es trafen sich der DJ Soul Slinger und der Gitarrist Derek Bailey wegen Regens im Saal zum interessantesten Festival-Beitrag.Bailey kratzte reglos im freien Spiel über die Saiten und schien sich wenig zu scheren um den DJ zu seiner Linken.Soul Slinger stöberte hippelnd in den Plattenkisten, drehte an Reglern, zog an Tonbändern.Er schickte ein babylonisches Gewirr aus Werbesprüchen und Nachrichten ins Gestühl, Samples von Roland Kirk und den Beatles, alles im Knattertakt des Jungle, in dessen Gründe sich Bailey nur selten begab. Das Großartige blieb der Kontrast, jener Bruch zwischen dem völlig Freien in der Improvisation und dem an Klänge und Rhythmen gebundenen Set des DJs.Mancher Jazzfan floh.Und Ulf Drechsel vom Rundfunk moderierte erklärend, auch Schönberg habe einst polarisiert. Zurück zum Ende: Steve Colemans interkulturelles learning by doing hingegen erklärt sich aus sich selbst.Die kubanischen Bläser lassen sich ein auf Colemans alte "M-Base"-Taktik: Darin gibt der durchgeschlagene Beat seiner Rhythm Society den Ausflügen der Stimmen halt.Da verläßt Terry Cabrera, ein Tenorsaxophonist aus Havanna, seine Heimatklänge, setzt an zu einem Solo, das dem Star die Schau stiehlt, ihn, across the border, zu einem furiosen Konzert jazzt - und dem Festival einen glücklichen Ausklang beschert.MICHAEL PILZ

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