Zeitung Heute : Gegen das Leben

Die Anschläge in Bombay heizen den Jahrzehnte andauernden Konflikt zwischen Hindus und Muslimen aufs Neue an. Und die muslimischen Extremisten wollen noch mehr: ein wichtiger Partner der Terroristen von Al Qaida sein.

Frank Jansen

BOMBENTERROR IN INDIEN

Von Frank Jansen

Sie kamen kurz vor Mittag, mit Sirenengeheul und rotierendem Rotlicht auf dem Wagendach. In dem gestohlenen Fahrzeug saßen fünf Mann, bewaffnet mit Schnellfeuergewehren und Handgranaten. Einer hatte sich Sprengstoff um den Bauch geschnallt. Das Selbstmordkommando raste in den Vorhof des Parlaments. Im Unterhaus debattierten gerade 300 Abgeordnete. Da begann das Inferno. Terroristen und Wachleute lieferten sich ein wildes Feuergefecht, Handgranaten explodierten und der Mann mit dem explosiven Gürtel am Bauch sprengte sich in die Luft. Es dauerte 30 Minuten, bis die Wachen den Angriff abgewehrt hatten – und auch der letzte Terrorist tot am Boden lag.

Das war der 13. Dezember 2001, Indien stand unter Schock. Der Angriff auf das Parlament in Neu-Delhi hatte nicht nur acht Wachmänner und einen Gärtner das Leben gekostet, das Herz der indischen Demokratie war getroffen. Das Land schien bereit für einen Atomkrieg gegen den Erzfeind Pakistan. Die indische Öffentlichkeit hatte keinen Zweifel, dass Pakistan die Angreifer geschickt oder zumindest gerüstet hatte. Nur mit Mühe gelang es den USA, den Konflikt halbwegs zu entschärfen. Doch die Terrorgefahr nimmt nicht ab. Die gestrigen Anschläge in Bombay sind wahrscheinlich nur vorerst die letzte Folge einer langen Serie.

Wer steckt dahinter? Die indischen Behörden nennen die mit Al Qaida verbündete, etwa 300 Inder und Pakistanis zählende Terrorgruppe „Lashkar-e-Toiba“, zu deutsch: Armee der Reinen. Sie soll, mit einer weiteren Gruppe, die Attentäter für den Sturm auf das Parlament gestellt haben. Und für weitere spektakuläre Anschläge in Indien verantwortlich sein, mit dem vordergründigen Ziel: „Befreiung“ des indischen Teils Kaschmirs. Lashkar-e-Toiba entstand 1993 und wurde nach dem Angriff auf das Unterhaus verboten – in Indien und Pakistan. Die Gruppe hat zahlreiche Massaker verübt. Einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Im Juni 1998 töteten mutmaßliche Mitglieder der Lashkar-e-Toiba im nordindischen Doda 25 Gäste einer Hochzeitsfeier, im März 2000 wurden 35 Menschen in Chattisinghpora massakriert, im Januar 2001 stürmten sechs Männer den Flughafen von Srinagar – zehn Tote. Juli 2002: 27 Tote bei einer Handgranatenattacke in Jammu, November 2002: elf Menschen starben bei einem Angriff auf den Ragunath-Tempel in Kaschmir. Und dann begann die Schreckensserie in Bombay.

Bei den Angriffen auf Busse, ein McDonald’s-Lokal und einen Zug brachten Terroristen zwischen Dezember 2002 und Juli 2003 insgesamt 16 Menschen um, mehr als 60 wurden verletzt. Dass die indische Polizei Lashkar-e-Toiba verantwortlich macht, bezeichnen internationale Sicherheitskreise, trotz einer unklaren Beweislage, als plausibel. Die Gruppe verfüge über „Strukturen“ in Bombay. Es könne auch sein, dass sie zusammen mit dem nicht minder fanatischen „Students Islamic Movement of India (Simi)“ Anschläge verübt. Dennoch stellt sich die Frage: Was wollen die Terroristen in der Zwölf-Millionen-Stadt, tausende Kilometer von Kaschmir entfernt?

Bombay gilt als Hochburg extremistischer Hindus. Die Vereinigung „Shiv Sena“ (Armee Shivas), hat die Stadt jahrelang regiert und mit dafür gesorgt, dass sie 1995 in Mumbai umbenannt wurde, nach der Göttin Mumba Devi. In der Nähe eines ihrer Tempel ist am Montag eine der Bomben explodiert. Da ist eine zynische Strategie zu erkennen: Den Konflikt zwischen Hindus und Muslimen in Indien, der sich auch immer wieder am Streit um die von Hindus abgerissene Babri-Moschee in Ayodhya entzündet, kann man kaum stärker anheizen als mit gezielten Anschlägen in Bombay. Wo die selbst ernannte Avantgarde der Hindu-Fundis, die Shiv Sena, Pogrome angezettelt hat, bei denen hunderte Muslime ums Leben kamen. Inspirieren ließ sich Shiv Sena-Anführer Balasaheb Thackeray offenbar durch die Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“.

Die Strategie der Lashkar-e-Toiba, Spannungen noch zu verschärfen, ist wahrscheinlich das Resultat einer zunehmenden Radikalisierung der Gruppe. Die Befreiung Kaschmirs ist nur noch der Prolog einer Vision vom Gottesstaat, der den ganzen Subkontinent umfasst. In ihrem Größenwahn trifft sich Lashkar-e-Toiba mit Al Qaida. Experten berichten von Hilfsdiensten: Lashkar-e-Toiba habe flüchtende Al-Qaida-Kämpfer durch Pakistan geleitet, als die Amerikaner Afghanistan attackierten. Und einen Al-Qaida-Anführer, Abu Zubaydah, nahmen Sicherheitskräfte im März 2002 in einem Unterschlupf der Lashkar-e-Toiba in Ostpakistan fest.

Experten schließen nicht aus, dass Lashkare-Toiba und andere pakistanische Gruppen im Auftrag von Al Qaida weltweit aktiv werden. Ein Indiz: Mitte August nahm die kanadische Polizei 19 Pakistanis fest. Fast alle stammen aus dem Punjab, hier rekrutiert unter anderem Lashkar-e-Toiba Kämpfer. Die 19 Männer wollten womöglich den 11. September übertreffen – mit dem Absturz eines gekaperten Flugzeugs auf ein Atomkraftwerk nahe Toronto, der größten Stadt Kanadas.

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