Zeitung Heute : Gegen die Wölfe heulen

Der hält nicht lange durch, glaubten viele. Jetzt hat Rot-Rot Einjähriges, und Thilo Sarrazin ist noch immer im Amt. Der Finanzsenator hat Sparvorschläge gemacht, dass es Berlin den Atem verschlug – und am Ende doch gewonnen.

Ulrich Zawatka-Gerlach

Thilo Sarrazin malt einen schnurgeraden Strich aufs Papier. Darüber eine Wellenlinie. „Das ist die Parteilinie“, sagt er. Sarrazin ist Sozialdemokrat. Und die lange Gerade? „Das sind die Abweichler.“ Dann lacht der Berliner Finanzsenator ganz kurz; so, als hätte er keine Zeit, sich länger zu freuen. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass er die Rolle des Abweichlers liebt. Er ist einer, der geradlinig das Ziel anstrebt. Und er liebt es, die bittere Wahrheit als kleinen Scherz zu tarnen.

Sarrazin war noch nicht lange Senator, da lud er ein paar Journalisten nach Berlin-Mitte ins Restaurant Podewil ein, stellte einen Overheadprojektor auf und warf bunte Grafiken an die Wand. Sie machten den Ernst der Finanzlage deutlich. Anschließend erklärte er, was er unter Meinungsbildung versteht: „Wenn eine Herde Kühe auf die richtige Weide soll, müssen Sie nur die richtigen Gatter öffnen, und die Rindviecher denken, sie hätten den Weg dank eigener Entscheidungskraft gefunden.“ Aber bitte, so fügte Sarrazin damals hinzu, das mit den Rindviechern schreiben Sie bitte nicht. Das könnte falsch verstanden werden.

Seine Frau nennt ihn Chauvi

Seitdem der Diplom-Volkswirt, der seine Promotion 1973 in Bonn mit „magna cum laude“ abschloss, für die Finanzpolitik des Landes Berlin zuständig ist, wird er oft falsch verstanden. Dem ersten Missverständnis unterlagen einige Frauen in der SPD-Abgeordnetenhausfraktion. Sie nahmen es Sarrazin übel, dass er nicht weiblichen Geschlechts ist – wie seine Vorgängerin Christiane Krajewski. Bei der Senatswahl im Parlament, am 17. Januar 2002, schrammte der Kandidat knapp an einer Abstimmungsniederlage vorbei. Vielleicht hatten die Parteifreundinnen nicht ganz unrecht: Seine Frau nennt ihn manchmal einen Chauvi.

So etwas steckt Sarrazin weg, ohne mit dem Mundwinkel zu zucken. Nur die Augen blitzen vergnügt. Und wenn die Büroleiterin Claudia Zinke ihrem Chef mal wieder einen Konzert- oder Opernbesuch aus dem Terminkalender streicht, nickt der Finanzsenator meistens ergeben. Er ist zwar gutem Essen nicht abhold und besucht den Presseball oder das Sommerfest des Bundespräsidenten. Aber Dienst ist Dienst, und der geht vor. Spätestens um acht Uhr kommt er ins Amt. In jenen grauen Klotz in der Klosterstraße im alten Stadtzentrum, in dem die Senatsfinanzverwaltung untergebracht ist. Dann jagt eine Besprechung die andere; mal bis 18, mal bis 20 Uhr.

Abends kutschiert ihn der Chauffeur in die Urania, zum Wissenschaftszentrum oder zu einer Personalratsversammlung oder zum SPD-Ortsverein Lichterfelde-Süd. Steter Begleiter Sarrazins ist ein dicker Ordner mit Powerpoint-Folien. Wie eine Flammenschrift zucken bunte Kurven und Säulen über die Wand. Furchteinflößende Primärsalden und Zins-Steuer-Relationen sind das Menetekel. Eine letzte Warnung. „Wenn wir jetzt nicht sparen, droht öffentliche Armut“, paukt der SPD-Mann den Zuhörern ein. Die Lebensfähigkeit des Gemeinwesens sei in Gefahr. Sarrazin missioniert unentwegt. Seine Vorträge sind verständlich und lehrreich. Er gibt sich Mühe, die Köpfe zu erreichen.

Aber aus dem Bauch heraus haben nicht nur Lehrer und Opernintendanten ein Problem mit Sarrazin. Als er sich über die „bleichen und übel riechenden Beamten“ in seiner Finanzverwaltung lustig machte, nahmen ihm das die eigenen Mitarbeiter ziemlich übel. Das war nicht böse gemeint, verteidigte sich der Senator hinterher. Er habe doch nur sagen wollen, wie sehr die Arbeit an seinen Beamten nage. Von jedem, der für ihn arbeitet, verlangt Sarrazin viel. Er kann ganz schön ruppig werden, wenn es nicht nach seinen Vorstellungen geht. Dann verkriecht sich der Schalk, der ihm sonst im Nacken sitzt. Einem Referatsleiter, der ihm Material zur Wohnungsbauförderung aufarbeiten sollte, aber stattdessen das gesamte Archivmaterial der Finanzverwaltung ins Amtszimmer bringen ließ, hat er die Akten vor die Füße geknallt und ihn so zusammengestaucht, dass sich der Mann krankmeldete. Der junge Stellvertreter lieferte dann zügig die gewünschte Vorlage.

Sarrazin ist ungeduldig und stur. Notfalls greift er selbst zum Taschenrechner. Ins diplomatische Korps gehört er nicht. Als ihn am Dienstag 1200 Personalräte mit einem gellenden Pfeifkonzert am Reden hinderten, wartete er ein paar Minuten und sagte dann: „Ich hoffe, Sie haben sich jetzt ein bisschen ausgetobt und die Ruhe, mir zuzuhören.“ Er mag es überhaupt nicht, wenn sich Menschen nicht einigermaßen korrekt benehmen. Und kann es heute noch nicht fassen, dass in Berlin so viele Leute in Trainingsanzügen auf der Straße herumlaufen. „Viele Menschen lassen sich zu sehr gehen“, sagt er. Sarrazin trägt schwarze oder graue Anzüge. Die übliche Businesskleidung, ohne jeden Schnickschnack. 16 Jahre saß Sarrazin im Bundesfinanzministerium, bereitete dort die deutsch-deutsche Währungsreform vor und schrieb ein Buch über den Euro. 1991 ging er als Finanz-Staatssekretär nach Rheinland-Pfalz, dann in die Geschäftsführung der Treuhandliegenschaftsgesellschaft, dann in den Vorstand der Deutschen Bahn. Mit deren Chef Hartmut Mehdorn lag er bald so über Kreuz, dass man sich von Sarrazin im Dezember 2001 wieder trennte. Die angebotene Abfindung lehnte er ab und klagte auf Fortzahlung des Gehalts. Das Land Berlin kam so in den Genuss eines „One-Euro-Man“, der auf das Senatorensalär verzichtete. Jedenfalls bis zum Sommer 2002, als er den Rechtsstreit gegen die Bahn vor dem Verwaltungsgericht in Frankfurt/Main verlor.

Nun steht Sarrazin also doch auf der Gehaltsliste der Hauptstadt. Wie lange noch? Einer seiner Amtsvorgänger, der junge CDU-Politiker Peter Kurth, verdrehte vor einem Jahr die Augen, als die Rede auf Sarrazin kam. „Der hält höchstens ein Jahr durch“, raunte er Parteifreunden Anfang Februar auf einer CDU-Veranstaltung im Rathaus Mitte zu. Sarrazin sei unfähig, im Team zu arbeiten. „Ein Autist“, legt CDU-Landesgeschäftsführer Matthias Wambach noch eine Kohle drauf. Manche Spitzengewerkschafter und Bezirksbürgermeister, die ihn als Verhandlungspartner kennen gelernt haben, halten Sarrazin für arrogant und rechthaberisch. Aber erst nach den Sommerferien 2002, als eine „Giftliste“ mit Sparvorschlägen aus der Finanzverwaltung sickerte und Berlin den Atem verschlug, probten auch die SPD-Parteifreunde den Aufstand.

Er sei „not amused“, richtete SPD-Landeschef Peter Strieder dem Genossen Sarrazin aus. „Instinktlos“ sei dessen Verhalten, schimpfte der sozialdemokratische Schulsenator Klaus Böger. Ein Abgeordneter vom linken Parteiflügel kam zu der Überzeugung: „Da werkelt ein Wahnsinniger.“ Stadträte der eigenen Partei warfen Sarrazin Realitätsverlust vor, und die Opposition verbreitete eilfertig das Gerücht, der Finanzsenator werde schon bald nicht mehr im Amt sein. Sollte sich Kurths Prophezeiung doch erfüllen? Dem Berliner CDU-Parteichef Christoph Stölzl, der den eigensinnig-intellektuellen Sarrazin gut leiden kann, hat dieser damals zugeflüstert: Rauswerfen lasse er sich nicht. Sollte er dem Senat vorzeitig den Rücken kehren, dann aus eigener, freier Entscheidung.

Aber das Blatt wendete sich. Nicht nur der sorgfältig vorbereitete Senatsbeschluss, den Bund auf Sanierungshilfen vor dem Verfassungsgericht zu verklagen und der eskalierende Konflikt mit den Gewerkschaften über die Personalkosten des öffentlichen Dienstes haben Sarrazin zu einem unentbehrlichen Mitstreiter in der Koalition gemacht. „Lasst die doch streiken“, ist seine Parole. „Jeder Streik geht mal zu Ende.“ Da ist er sich einig mit Wowereit. Der weiß: Wenn die rot-rote Koalition einen Streik nicht durchsteht, kann sie einpacken. Wowereit achtet aber darauf, dass Sarrazin ab und zu den Fuß vom Gaspedal nimmt. „Thilo, Gang raus, rollen lassen“, bekommt der Finanzsenator dann zu hören.

Senatoren rollen die Augen

Sarrazin akzeptiert das. Vom Regierenden lässt er sich zurückpfeifen. Vom Senatskollegen Strieder nicht. Seine Folien für den Overheadprojektor bringt Sarrazin manchmal in die Senatssitzungen mit. Es ist ihm schnurzpiepe, wenn die Kollegen dann mit den Augen rollen. Sie mögen ihn trotzdem gern und müssen lachen, wenn er sich, ohne eine Miene zu verziehen, in die Operndiskussion einmischt. „Also, ich hätte auch ein Konzept, aber befürchte, dass es nicht mehrheitsfähig ist.“ Sarrazin will zwei von drei Opern schließen. Sofort. Da zeigt ihm auch Wowereit einen Vogel. „Finanzpolitik als schöpferische Zerstörung.“ So hat der Finanzsenator 1996 einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift betitelt. Das ist wohl seine Philosophie.

Und seine Botschaft ist: Berlin hat nicht zu wenig Geld, sondern die Stadt lebt über ihre Verhältnisse. „Wir können uns nicht überall mehr leisten als andere“, hat er auf der Internetseite von Sabine Christiansen verbreitet. Im Chat mit Azubis des öffentlichen Dienstes. Er selbst kauft bei Aldi ein, das Bier bei Getränke-Hoffmann und bucht den Urlaub auch schon mal „last minute“. Bücher lesen, das gönnt er sich. Auch Krimis. Wenn der Winter vorbei ist, kümmert sich der Senator um seinen Garten. Und wenn es ihm die Büroleiterin ausnahmsweise gönnt, geht er doch ins Theater. Sarrazins Lieblingsoper ist der „Freischütz“. Eine teuflische Geschichte mit Happye nd. In die Wolfsschlucht mit den Bösewichten!

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