Gegen Geld : Ecuador verzichtet auf Ölförderung im Urwald

Mindestens die Hälfte des entgangenen Umsatzes sollen Industrieländer aufbringen. TU-Alumnus unterstützt das Vorhaben.

Christiane Petersen
Öl aus dem Dschungel. Die Förderung birgt große Umweltgefahren. Foto: p-a/dpa
Öl aus dem Dschungel. Die Förderung birgt große Umweltgefahren. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Wen fasziniert der Dschungel nicht? Er ist ein Ort, der alle Sinne anspricht, mit seinen Gerüchen, Geräuschen, Formen und Farben, ein Ort der Sehnsucht und der Geheimnisse, zumal für Europäer. Aber gibt es ihn überhaupt noch, den unberührten tropischen Regenwald?

Im nordöstlichen Teil des Amazonasbeckens in Ecuador liegt eines der letzten großen Dschungelgebiete der Erde, dessen ungeheure Artenvielfalt weitgehend erhalten geblieben ist. Im Yasuní-Nationalpark findet sich auf einem einzigen Hektar Wald eine Biodiversität, die so umfassend ist wie die Mexikos, der USA und Kanadas zusammen. 1989 wurde das Gebiet von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt.

Das Paradies, in dem fernab der Zivilisation zwei indigene Völker leben, die Tagaeri und die Taromenane, ist unmittelbar bedroht. Denn in der Erde des Yasuní-Nationalparks lagern rund 850 Millionen Barrel Erdöl, etwa 20 Prozent der gesamten Erdölreserven Ecuadors mit einem Wert von mehr als sieben Milliarden Dollar. Geld, das in dem Entwicklungsland Ecuador unter anderem für Schulen, das Gesundheitssystem und den Aufbau der Infrastruktur ausgegeben werden könnte. Allerdings: Die Gewinnung des Erdöls würde eines der wenigen intakten Ökosysteme der Erde gefährden.

2007 startete die ecuadorianische Regierung unter Präsident Rafael Correa eine einzigartige Initiative. Sie will die Ölvorkommen unberührt lassen – wenn die Industrienationen dem lateinamerikanischen Land die entgangenen Gewinne teilweise ausgleichen. Mindestens die Hälfte des entgangenen Umsatzes sollen die Staaten in einen internationalen Fonds einzahlen. Die Idee: Die Industrieländer würden somit bezüglich des globalen Kohlendioxidausstoßes in die Pflicht genommen. Zugleich würde ein Land dafür belohnt, dass es seinen Urwald einschließlich des vielfältigen Lebens darin nicht der Zerstörung preisgibt, sondern erhält. Anfang August 2010 unterzeichneten die Regierung von Ecuador und das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) den Vertrag zur Gründung des Yasuní-ITT-Treuhandfonds.

Einer, der die Yasuní-Initiative zu seinem persönlichen Anliegen gemacht hat, ist der ecuadorianische Botschafter in Deutschland, Jorge Jurado. Sein Studium der Energie- und Verfahrenstechnik an der TU Berlin in den siebziger Jahren hat ihn schon früh für Umweltthemen sensibilisiert. Damals wurde angesichts des sauren Regens, des Waldsterbens und der Verschmutzung vieler Flüsse und Seen in Deutschland intensiv über Umweltschutz diskutiert. Auch an der TU Berlin begann ein Umdenken, das den schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen als einen wichtigen Bestandteil der Forschung und Lehre betrachtete.

Diese Haltung machte sich der TU-Alumnus Jurado zu eigen. Als er in den 1980er-Jahren nach Quito zurückkehrte, engagierte er sich vorrangig für die Lösung der drängenden Umweltfragen des Landes. Als ehemaliger Minister für Wasserwirtschaft kennt er die Schwierigkeiten, die einer verantwortungsvollen und klimaschonenden Wirtschafts- und Energiepolitik im Wege stehen, genau.

Für Jurado verfolgt die Yasuní-Initiative fünf Ziele: Erstens soll durch den Verzicht des Abbaus der Erdölvorkommen der Erdatmosphäre die Emission von 407 Millionen Tonnen Kohlendioxid erspart bleiben: Das ist etwa so viel, wie in Brasilien in einem Jahr produziert werden. Zudem kompensiert der Erhalt des Urwalds geschätzte 500 Millionen Tonnen an Kohlendioxid-Emissionen jährlich. Zweitens wird eines der größten Reservoire biologischer Vielfalt erhalten. Drittens dient die Initiative dem Schutz des gewohnten Lebensraumes von 400 Ureinwohnern, die in diesem Gebiet in selbst gewählter Isolation leben. Viertens sollen mit den Mitteln des Treuhandfonds, der von der Uno verwaltet wird, weitere Umweltprojekte gestartet werden. In den Regionen des Amazonas, in denen die Erdölförderung vor 40 Jahren begann, sind hohe Investitionen nötig, um die schlimmsten Schäden zu beheben. Der fünfte und wichtigste Punkt für Jurado ist jedoch, dass Ecuador eine Energiewende braucht. Die Regierung sei bestrebt, den Wandel hin zu einer Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen zu vollziehen, sagt der Botschafter. Vor allem die Wasserkraft soll genutzt werden.

Insgesamt wurden in den Treuhandfonds von staatlichen und privaten Spendern bereits 200 Millionen Dollar eingezahlt.

Ob das Land der Verlockung der Petrodollars, vor allem in Zeiten steigernder Ölpreise, dauerhaft widerstehen kann, muss sich allerdings noch zeigen. Christiane Petersen

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