Zeitung Heute : Gegen jeden Terror

Die israelischen Strategen sind im Einsatz, das Verteidigungsministerium plant. Denn bei einem Krieg ist das Land besonders gefährdet. Wenn Saddam Hussein angreift, setzt Ariel Scharon auf Abwehr. Aber wenn der Irak mit Biowaffen kämpft, will Israel ihn zerstören.

Robert von Rimscha[Tel Aviv]

Von Robert von Rimscha,

Tel Aviv

Vor zwölf Jahren, beim ersten Feldzug gegen Saddam Hussein, schlugen 42 irakische Scud-Raketen in Israel ein. Drei explodierten nicht. Mehrere waren mit Zement gefüllt, andere trugen leere Sprengköpfe. Vor allem die hohlen wurden in Israel als Warnung verstanden: Hierin könnten beim nächsten Mal chemische oder biologische Massenvernichtungswaffen stecken.

Bagdad hatte seine Scuds 1991 auf einen Antennenturm im Süden von Tel Aviv ausgerichtet. Dort liegt das weitläufige Areal des israelischen Verteidigungsministeriums. Hier wird erklärt, warum Israels Haltung zum Irak-Krieg so paradox erscheinen muss. Warum das besonders verwundbare Land zugleich der kräftigste Befürworter des US-Kurses ist. Warum Saddams entschiedenster Gegner in der Region zugleich jener Staat ist, der sich äußerste Zurückhaltung auferlegt hat. Warum das Land, das B- und C-Waffen am meisten fürchtet, sich wünscht, dass es endlich losgeht.

Was im fernen Washington als Chance zur Demokratisierung der arabischen Welt verkauft wird, dient aus israelischer Sicht praktischeren Erwägungen. Tel Aviv möchte, dass ein Post-Saddam-Irak direkt und indirekt dazu führt, jenen Terrorgruppen den Geld- und den Waffennachschub zu unterbinden, die Israels Sicherheit bedrohen. Den USA mag es um mehrfachen „regime change“ gehen – Israel geht es um multiple Terrorabwehr.

Doch bis es soweit ist, muss erst einmal Saddam besiegt sein. Und es muss ausbleiben, was als Horrorszenario gilt: Saddam, der nichts mehr zu verlieren hat, will als jener in die Geschichte eingehen, der so viele Juden wie möglich mit ins Verderben reißt; er greift Israel mit Massenvernichtungswaffen an; Israel schlägt nuklear zurück.

Ein General sitzt im zwölften Stock eines flachen Bürotrakts, dessen blau lackierte Türrahmen eher an eine Jugendherberge denn an die mächtigste Militärmaschinerie der Region denken lassen. „Seit Februar 2002 sind wir davon überzeugt, dass die USA entschlossen sind, Saddam auszuschalten“, sagt er. Worüber die Welt erregt debattiert, hält Israel für die abgeschlossene Vorgeschichte des Feldzugs. Alle Risiken der Operation werden indes „wesentlich höher“ eingestuft als in den USA. Die Einheit Iraks, die Nachfolgefrage, wirtschaftliches Chaos, Flüchtlingsheere und Folgen für die Region: Bei jedem Punkt ist die israelische Prognose düsterer als die Washingtons.

Aber beim entscheidenden Punkt, ob nämlich Saddam Raketen mit Massenvernichtungswaffen gen Israel abschießt, sind die Generäle hoffnungsvoll. Sie gehen von einer „sehr geringen Wahrscheinlichkeit“ aus und begründen dies mit fünf Argumenten. Fraglich sei, ob der Irak überhaupt noch intakte Abschussrampen habe. Zweitens denkt man in Israel, dass Saddams Kalkül im Jahr 2003 sich von dem des Jahres 1991 unterscheidet: Der Diktator wisse, dass der Einsatz von B- oder C-Waffen, vor allem bei einem Präventivschlag gegen Israel, Amerikas Glaubwürdigkeit stärke und ihn selbst vor ein Kriegsverbrechertribunal bringen könnte. Saddam müsse also alles tun, um die Front gegen ihn zu schwächen, und dies schließe einen Schlag nahezu aus. Drittens wird spekuliert, dass es für einen irakischen Angriff auf Israel zu spät sein wird, falls Saddam seine Meinung ändert und es sich statt um einen Präventivschlag um eine Reaktion auf einen Angriff handelt. „Die Amerikaner haben uns gesagt, dass sie sich um den Westirak kümmern, dass wir uns keine Sorge zu machen brauchen“, sagt einer aus der obersten Führung. 1991 schafften es die USA nicht, in der ersten Angriffswelle auch nur eine einzige Abschussrampe für Scuds zu zerstören – diesmal werde es anders sein.

Viertens geht man in Tel Aviv davon aus, dass die irakische Kommandostruktur rasch zusammenbricht. Selbst wenn ein Befehl Saddams käme, Israel anzugreifen, sei es fraglich, ob der dann auch ausgeführt werde. Zu deutlich sei allen Offizieren Saddams von den USA bereits signalisiert worden, dass auch ihr Überleben davon abhängt, dass keine B- oder C-Waffen nach Westen abgefeuert werden. Und fünftens vertraut Israel auf seine eigene Raketenabwehr namens Arrow.

„Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Die Folgen, falls es doch passiert, wären allerdings enorm“, sagt ein General. Israel hat Spielraum, auf einen Angriff zu reagieren. Zentral sei dabei „die Interpretation unserer Antwort durch unsere Nachbarn“. Kein Kompromiss käme in Frage, wenn es um die Glaubwürdigkeit von Israels Abschreckung geht. Im Süden Libanons sitzt die Hisbollah mit mindestens 5000 Kämpfern und über 12000 Raketen, von denen etliche eine Reichweite von 90 Kilometern haben. Was, so fragt man in Tel Aviv, verhindert, dass die Hisbollah den Norden des Landes verwüstet? Nur eins: Die Geldgeber in Teheran und Damaskus wissen, dass Israel gegen Iran und Syrien Vergeltungsschläge führen würde, falls die Hisbollah zuschlägt. Diese Gleichung muss weiter gelten, damit der Hisbollah ein Minimum an Mäßigung abgetrotzt werden kann. Also muss Israels Drohung glaubhaft bleiben. Griffe nun Saddam an und bliebe dies ohne Folgen, dann hätten Damaskus und Teheran kein Eigeninteresse mehr daran, die Hisbollah zu bremsen.

„Unsere Reaktion auf einen irakischen Angriff mit Massenvernichtungswaffen würde Regeln dafür aufstellen, was man uns gegenüber ungestraft tun darf“, sagt ein anderer General. Die Abschreckung bleibe „Israels wichtigstes Pfund“. Das bedeutet auch: In Tel Aviv weiß man, dass ein Interessenkonflikt mit den Amerikanern droht. Während die den Irak rasch wieder aufbauen wollen, müsste Israel ihn gegebenenfalls zerstören. „Das ist ein Dilemma. Und wir wissen nur: Reden allein hilft nicht!“

Manchmal spekulieren israelische Militärs, dass selbst bei einem B- oder C-Waffen-Angriff nicht unbedingt vergolten werden müsse. Wenn die betreffende Scud im Mittelmeer landet. Was 1991 auch geschah. Damals ohne B- oder C-Sprengkopf.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben