Zeitung Heute : Gegensprechen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Dem Neu-Berliner widerfährt Wunderbares, als er, wie meistens, vor dem Fernseher in seinem Ohrensessel sitzt – und es klingelt. „Hallo“, spricht er in die Muschel. „Hallo“, kommt es postwendend zurück – an sich der übliche Beginn einer Haustürtelefonkonversation. Aber das Merkwürdige: Es kommt nichts weiter. Nur das „Hallo“. Also Nachfrage: „Wer ist denn da?“ – „Hier ist K., aber mit wem spreche ich?“, so die Stimme am Haustelefon, es ist der Freund und Nachbar aus der Wohnung gegenüber. Verwirrung stellt sich bei dem Neu-Berliner ein und offenbar auch beim Kommunikationspartner K. „Du sprichst mit mir, äh, also mit M.“ – (dem Neu-Berliner) – „möchtest du vielleicht hochkommen?“ „Wieso hochkommen? Ich bin schon oben! Du bist doch unten, oder?“ Pause (Sammlung). „Wo genau bist Du?“ – „Na in meiner Wohnung am Haustürtelefon.“ – „Ich auch.“

Gemeinsam analysieren und rekonstruieren nun Nachbar K. und der Neu-Berliner den kommunikativen Ausnahmezustand, der schwächere Geister als Nachbar K. und Neu-Berliner es sind, gewiss in die Schizophrenie getrieben hätte. Entweder hat irgendein Anonymus bei beiden gleichzeitig geklingelt und ist dann stumm seiner Wege gegangen. Oder es handelt sich um eine Laune der Hauselektronik. Jedenfalls haben beide jetzt die Entdeckung gemacht, dass man über das Klingeltelefon hausintern kommunizieren kann, kostenlos, so lange man will.

Und da jetzt geklärt ist, dass sie bei klarem Verstand sind, lassen sich der Neu-Berliner und Nachbar K. diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen. Der Neu-Berliner macht den Fernseher aus, holt sich einen Küchenstuhl an die Haustür (der Ohrensessel passt da leider nicht hin), sowie Utensilien zum Rauchen. Nachbar K. besorgt sich ein Kissen und ein Glas Wein. So lässt sich’s prächtig plaudern. Nachbar K., Historiker, beschäftigt sich gerade mit dem Schmalkaldischen Krieg (1546/47). Es beruhigt ungemein, sich in Krisenzeiten mit der über Jahrtausenden schwebenden Gelassenheit von Alt-Europäern an der Gegensprechanlage über längst vergangene Schrecken zu verständigen: Kaiser Karl V. setzte im Konflikt mit den protestantischen Fürsten des Schmalkaldischen Bundes bis zuletzt auf die Drohkulisse der geballten politisch-diplomatischen Aktion Habsburgs, vergeblich. Als der Nachmittag sich neigt, hängen der Neu-Berliner und sein Nachbar K. die Hörer ein und beenden die Kommunikation mit einem Händedruck auf dem Hausflur, wie um sich noch einmal der Wirklichkeit zu versichern.

Wieder in seinem Ohrensessel, denkt der Neu-Berliner, dass das Gespräch über die Sprechanlage von der Straße aus womöglich mitzuhören war. Vielleicht handelte es sich gar um einen Konversations-Voyeur (also eigentlich einen Konversations-Auditeur) der gezielt Wohnparteien über die Sprechanlage miteinander ins Gespräch bringt, um sich dann an Debatten wie der über den Schmalkaldischen Krieg zu erfreuen. Eine absolut tolerable Perversion, denkt der Neu-Berliner und schaltet den Fernseher ein.

Probieren Sie es aus! Schicken Sie eine Person Ihres Vertrauens zu den Haustürklingeln und nehmen Sie Kontakt zu Ihren Nachbarn auf.

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