Zeitung Heute : Gehaltspoker: Geld ist nicht alles

Regina-C. Henkel

High-Potentials haben es gut. Im "war for talents" können sie sich Arbeitgeber und Arbeitsort aussuchen. Besser noch: Sie können ihre besonders ausgeprägten "Soft Skills" in bare Münze umsetzen. Ihre Fähigkeit zum interdisziplinären Denken, ihr überdurchschnittliches Problemlösungsverhalten und ihr Führungspotenzial wird mit attraktiven Gehältern honoriert. Branchenabhängig sind die Unternehmen bereit, bis zu 28 Prozent mehr als für einen Durchschnittskandidaten zu bezahlen. Internationalität und überdurchschnittliche Sozialkompetenz katapultieren nach der "High Potentials 2000"-Studie von Kienbaum Management Consultants manche Berufseinsteiger über die 100 000 Mark-Jahresgehalts-Grenze hinaus.

Grund zur Freude für die so genannten Goldfische. Doch letztlich stehen die besonders umworbenen "Überflieger" vor genau dem selben Problem wie alle anderen Absolventen auch: Sie müssen sich in den Gehaltspoker begeben und sich so gut - also so teuer - wie möglich verkaufen. Das Verhandlungsgespräch bleibt allerdings so lange eine reine Stilübung, wie das Optimum des Erreichbaren unbekannt ist. Will sagen: Wer sich keinen Marktüberblick verschafft, verschenkt ganz schnell bares Geld. Möglicherweise sogar noch viel mehr: Lebensqualität, Gesundheit und Zukunftschancen. "Das Jahreseinkommen", räumt sogar Vergütungsexperte Bernd Kuhnert bei Kienbaum Management Consultants ein, "ist nur eine Kenngröße unter vielen." Und selbst diese setzt sich immer häufiger aus einem Grundgehalt und variablen Vergütungsanteilen zusammen. "In der ersten Verantwortungsebene", berichtet Kuhnert, "liegt der Verbreitungsgrad bereits bei 70 bis 90 Prozent, wobei der variable Anteil 15 bis 20 Prozent an den Gesamtbezügen ausmacht."

Doch die meisten Hochschulabsolventen sind weder High-Potentials noch bietet die New Economy - bei der das Zauberwort Aktienoptionen heißt - unbegrenzt Arbeitsplätze. Das Gros der Berufseinsteiger spricht bei Unternehmen der Old Economy vor. Und dort kann es nützlich sein, den Tarifvertrag der anvisierten Branche zu kennen. Reinhard Dombre, Tarifexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB): "Damit hat man wenigstens eine Rahmenvorgabe." Besonders nützlich ist diese Rahmenvorgabe für Bewerber, die ein Unternehmen ohne Bindung an die Regelungen der Tarifpartner ins Auge gefasst haben. Sie können sich an den Daten für Tarifangestellte orientieren. Diese können sich schon im Vorfeld fast auf den Pfennig genau ausrechnen, welche Beträge am ersten Zahltag auf dem Gehaltsstreifen stehen werden. Der Grund: In der Tarifpartnerschaft sind für die verschiedenen Branchen komplexe Verträge erarbeitet worden, in denen fast alles bis ins Detail geregelt ist.

Die wichtigsten Informationen gibt es kostenfrei als Broschüren und selbstverständlich auch im Internet. Wer sich etwa unter www.igmetall.de , www.tarifvertrag.de oder www.bma.de einloggt, wird hervorragend bedient. Der Wermutstropfen: Die Tarifverträge lesen sich nicht gerade wie ein Krimi. Und wie so oft liegt auch hier die Tücke im Detail. Allein die IG Metall hat 3000 verschiedene Tarifverträge ausgehandelt, insgesamt sind rund 51 500 Tarifverträge ins Tarifregister eingetragen. Mitunter unterscheiden sie sich nicht nur im Detail. Überstunden können mit Zuschlägen von 60 oder auch 20 Prozent vergütet werden, als 13. Monats-Sonderzahlung gibt es im ersten Berufsjahr mal 20 und mal 30 Prozent eines Monatsverdienstes und auch beim Urlaub gibt es ganz unterschiedliche Regelungen. Reinhard Dombre: "Ein höheres Monatsgehalt kann schnell verpuffen, wenn die Wochenarbeitszeit 60 Stunden beträgt und kein Urlaubsgeld bezahlt wird." Oft lohnt es sich auch, die so genannten geldwerten Vorteile anzusprechen: Dienstwagen, Direktversicherung oder Pensionszusagen. Bei manchem Extra kann der Arbeitgeber sogar Steuern sparen. Auch Weiterbildung sollte ein Thema sein. Fachseminare kosten oft mehrere tausend Mark. Wenn der Arbeitgeber Teilnehmergebühr und Arbeitsausfall zu übernehmen verspricht, kann es sich lohnen, nicht um 500 Mark mehr beim Jahresgehalt zu feilschen.

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