Zeitung Heute : Geheimnisse wahren

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Die Neugier war eine gute Voraussetzung für meine vor Jahren getroffene Entscheidung, Journalistin zu werden. Schon als Kind musste ich ständig irgendwo rumschnüffeln, wollte alles wissen, nichts verpassen. Mittagsschlaf hab ich damals grundsätzlich im Wohnzimmer gehalten. Es hätte dort irgendwas passieren können, was ich weit ab vom Schuss im Kinderzimmer bestimmt versäumt hätte. Die Hauptsaison für Neugierde war die Zeit vor dem Geburtstag und ganz besonders jene vor Weihnachten. Kein Geschenk war sicher, von mir nicht entdeckt zu werden.

So was mache ich natürlich nicht mehr. Päckchen kann man schon Wochen vor Weihnachten direkt vor meiner Nase im Wohnzimmer aufbauen. Nie im Leben würde ich sie vorher öffnen. Allenfalls mal ein bisschen dran rütteln – aber dabei bleibt’s. Wirklich. Als Journalistin kann, muss ich jeden Tag so neugierig sein, dass privat solche Kinkerlitzchen nicht nötig sind. Im Beruf erfahre ich sogar viele Sachen, die ich eigentlich nie wissen wollte.

In Sachen Erziehung verbietet es sich bisweilen sogar, neugierig zu sein. Ein absolutes Tabu für Mütter sind die kleinen Geheimnisse der Tochter. Es muss Bereiche geben, bei denen die Mutter nicht reinfunkt. Charlotte führt beispielsweise Tagebuch. Ich selber habe das ja nie gekonnt. Vor allem aus der Sorge heraus, dass alle Welt genauso neugierig ist wie ich und nur das eine Ziel kennt, meine Bekenntnisse zu lesen. Nein, wäre mir das peinlich gewesen. Charlotte hat diese Ängste nicht. Natürlich hat sie mir streng zu verstehen gegeben, dass jeder Blick in das Tagebuch verboten ist. Aber nötig wäre das nicht gewesen; ich kenne meine Grenzen. Außerdem ist das Tagebuch – eine Plastikmappe aus dem Hause Barbie – Hightech-gesichert. Geheimnisse sind ihm nur mit Zahlencode zu entlocken. Wer den richtig eingibt, hört vier Mal Pling und kann das Schloss öffnen. Sind die Zahlen falsch, macht es nur tuuuuut, und das Buch bleibt zu. Eigentlich ist das Ding unnötiger Schnickschnack. Aber ein normales Heft wäre kein Anreiz zum Schreiben und für meine Tochter nur halb so schön.

Jetzt sitzt sie also da und brütet über ihrem Buch. Am Tag drauf werden oft die ganzen Eintragungen wieder durchgestrichen. So viel immerhin lässt sie mich wissen. Denn nicht alles, was gestern richtig war, hat auch heute noch Gültigkeit. Selbst am hektischen Morgen, wenn ich mit immer schriller werdenden Stimme zur Eile mahne, ist das Tagebuch so wichtig, dass sie noch in Seelenruhe etwas einschreiben muss. Beleidigt kommt Charlotte, die ich eigentlich im Badezimmer wähnte, dann angetrottet: „Ich dachte, du findest es gut, wenn ich freiwillig schreibe.“

Was ihr so auf dem Herzen lag, welche Gedanken ihr durch den Kopf schossen, ob es die Erinnerung an einen schönen Traum war oder sie sich vielleicht über mich geärgert hat? Keine Ahnung. Interessieren würde es mich schon. Aber ich bin ja nicht neugierig.

Das Tagebuch von Barbie ist nicht mehr im Handel erhältlich. Über die Internetauktion bei ebay ( www.ebay.de )bekommt man’s aber noch.

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