Zeitung Heute : Gehen ohne Ziel

MANUEL BRUG

Wandern mit den Philharmonischen Orchester, Abbado - und Midori

MANUEL BRUG

Das Kulturforum nicht als Stätte behaglicher Bild- und Tondefilées, als Ort des Protestes.Da ist der Scharoun-Freundeskreis, der einem Unterschriftslisten für das nur als Luftschloß existierende Gästehaus anstelle von zu beparkender Kieswüste entgegenstreckt.Und da sind jetzt auch die Studenten, die ihren Protest gegen die pekuniäre Vernachlässigung vehement zum Ausdruck bringen.Dem Ort gemäß geschieht dies als Sprechfuge von den Chorbänken aus, kaum hat Konzertmeister Kolja Blacher Philharmoniker und Publikum auf den Kammerton a eingestimmt.Mancher sah sich plötzlich um die ungetrübte Verrichtung sein freitagabendlichen Musikbedürfnisses gebracht.Hausherr Elmar Weingarten beobachtete versonnen den wellenschlagenden Argumenteaustausch.Wußte er nämlich: Es war die letzte der Verstörungen nicht. Wartete doch Claudio Abbado, auf das diesjährliche Motto "Der Wanderer" ausgerichtet, mit einem heterogenen, doch schlüssigen Programm auf, das innere wie äußere Fortbewegung als Voranschreiten und Abschweifen, sich Klarwerden und sich Verlieren begriff.Seelen- und Naturlandschaften wurden durchmessen, Ausschnitt und Panorama gezeigt.Obwohl der Abend in dem auftrumpfenden Weltenbummler und kiebigen Flaneur Till Eulenspiegel dank Richard Strauss einen selbstgewiß sich rundenden, wenn auch um die Schlußpointe gebrachten Abschluß fand, führte er auf kein Ziel zu.Offenbarte stattdessen immer wieder ratloslassende Leere. So wie als vokaler Ausdruck romantischer Aufbruchsstimmung bis hin zum Tode der dieser Tage vielfach vorgeführte Bariton fungiert, so mag als klassisches Medium eines Gehens in Tönen der auf- und abschwellende Klang der Geige herhalten.Luigi Nono hat dies in einem mit der eigenen Tonspur dialogisierenden, Raum ausmessenden und im so gesponnenen Klangnetz umherirrenden Stück mit dem treffenden Titel "La Lontananza Nostalgica Utopica Futura" prototypisch vorgeführt.Claudio Abbado hatte sich diesmal aber für seines Freundes "No hay Caminos, hay que Caminar ...Andrej Tarkowskij" entschieden.Sich auf den russischen Filmvisionär, auch er Wanderer zwischen Welten, wie auf eine spanische Inschrift beziehend, folgen hier sieben im Raum verteilte Orchestergruppen der Losung "Es gibt keine Wege, doch wir müssen gehen..." Das ist später, spröder Nono, tonal eng umgrenzt, durch Elektronik und Überlagerungen, Überblasen, Haltetönen sich ins Dreidimensionale ausweitend.Zart, leise, verletzlich ist diese Musik, jeder massive Akkord wirkt wie ein Paukenschlag.Die Philharmoniker spielten klangschön und leidenschaftlich, doch immer wieder zerbarst dieses Gespinst unter dem schweren Bronchialgeschütz angreifender Zuhörer. Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" sind robuster, obwohl auch hier Herz und Gemüt als "Lieb und Leid! Und Welt und Traum!" bloßliegen.Abbado geriet das als spätromantische Maladie du Siècle zu langezogen, ja sentimental, damit als kalkuliert erfahrbar.Auch der etwas intonationsunsichere, zu unspezifisch mit seinem weichen Bariton verfahrende Holländer Peter Mattei konnte dem nicht gegensteuern.Hinterließ aber im - eine kleine Gegegenheitsuraufführung - von Wolfgang Rihm ganz aus dem Geist der Tradition und dunkel instrumentierten Schubert-Lied "Der Wanderer" einen günstigeren Eindruck.So blieb als früher Höhepunkt Midoris wirklich sensationell gute, hochkonzentriert intelligente, technisch sowieso glänzende Interperation des 1.Violinkonzerts von Dmitri Schostakowitsch.Eine Burleske, bitterbös und abgründig ironisch.Dazwischen gespannte Trauer, gefaßte Elegie.Eine Suchen in umschlossenen Bahnen, das sich in der wild auffahrenden, spät einsetzenden Kadenz entschlossen Wege schafft.Quälerei und Tröstung.Ein subversives, auch agressives Wandern, ein Kampf durchaus, zwischen großartig sportiven, wendig parierenden, ebenbürtigen Partnern.Eine philharmonische Sternstunde. 





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