Zeitung Heute : „Gehenkt, weil wir zusammen dachten“

Freya Gräfin von Moltke starb 98-jährig in den USA

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Leben im Widerstand. Freya Gräfin von Moltke auf einem Bild von 2004. Foto: dpaZentralbild

Sie war eine Frau mit einem unbeugsamen Willen und ein Mensch, der bis zu seinem Tod den einmal als richtig erkannten Überzeugungen treu blieb. Zu diesen Fundamenten in Wesen, Denken und Charakter von Freya Gräfin von Moltke gehörte die Gewissheit, dass man sich Tyrannen nicht beugen darf, dass man etwas gegen sie unternehmen muss. Zusammen mit ihrem Mann, dem am 23. Januar 1945 von den Nazis in Berlin-Plötzensee umgebrachten Widerstandskämpfer, initiierte sie den „Kreisauer Kreis“, in dem sich Gegner des Nationalsozialismus der verschiedensten politischen Überzeugungen regelmäßig trafen und über die demokratischen Strukturen eines befreiten Nachkriegsdeutschlands berieten. Am 1. Januar ist Freya Gräfin von Moltke im Alter von 98 Jahren im US-Bundesstaat Vermont gestorben.

Freya Deichmann, 1911 in Berlin geboren, studierte in ihrer Heimatstadt Jura und wurde 1935 promoviert. Bereits 1931 hatte sie Helmuth James Graf von Moltke, Jurist wie sie, geheiratet. Moltkes Eltern gehörten zu den Mitbegründern der „Christian Science“ in Deutschland. Das Ehepaar engagierte sich mit Gleichgesinnten idealistisch, um mit jungen Arbeitslosen, Landwirten und Studenten über staatsbürgerliche Verantwortung zu diskutieren. Moltke stellte Teile seines niederschlesischen Besitzes in Kreisau für unbemittelte Existenzgründer in der Landwirtschaft zur Verfügung und zog dadurch massive Kritik benachbarter Großgrundbesitzer auf sich.

Freya von Moltke unterstützte ihren Mann nicht nur in seiner altruistischen Grundeinstellung, sondern ermutigte ihn auch, nach dem Beginn des Krieges einen Kreis Gleichgesinnter zu bilden, die sich Gedanken über die Struktur eines deutschen Staates nach dem Ende des Nationalsozialismus machten. Dieser „Kreisauer Kreis“ war keine festgefügte Gruppe. Seine Mitglieder trafen sich in kleiner Zahl von nicht mehr als drei oder vier Personen in Privathaushalten. Sozialdemokraten wie Julius Leber und Adolf Reichwein gehörten dazu wie der Jesuitenpater Alfred Delp und Protestanten wie Eugen Gerstenmaier. Einen Überblick über die Namen der Mitglieder des Kreises hatten nur Helmuth James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg und Adam von Trott zu Solz.

Freya von Moltke wusste von Anfang an von allen Plänen ihres Mannes. Wenige Jahre vor ihrem Tod sagte sie, sie habe ihn nie gebeten aufzuhören. Sie sei fest davon überzeugt gewesen, dass dies der richtige Weg gewesen sei, sein Leben zu erfüllen. Helmuth James von Moltke wurde bereits vor dem Hitlerattentat, im Januar 1944, verhaftet, weil die Geheime Staatspolizei ihm auf die Spur gekommen war. Eine Verbindung zu den Verschwörern um Claus Schenk von Stauffenberg konnte ihm nie nachgewiesen werden. Bevor er am 23. Januar 1945 hingerichtet wurde, schrieb er in einem Brief aus dem Gefängnis, „wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben“.

Seine Witwe konnte mit den beiden Söhnen zunächst nach Südafrika flüchten. Ab 1960 lebte sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Rechtshistoriker und Sozialwissenschaftler Eugen Rosenstock- Huessy, in den USA. Das Gut der Moltkes wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhanges auch auf Wunsch der Witwe zu einer deutsch-polnischen Begegnungsstätte ausgebaut. Am 12. November 1989, drei Tage nach der Maueröffnung in Berlin, feierte der polnische Erzbischof Alfons Nossol in Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki und des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl auf Kreisau eine Dankesmesse. Freya von Moltke war zum 60. Jahrestag des Attentates im Jahre 2004 noch einmal in Kreisau. Ein berührendes Foto zeigt sie dort, zusammen mit Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder.

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