Zeitung Heute : Gehetzt und umgekommen

WALTHER STÜTZLE

Zu spät.Diana, Princess of Wales, ist tot.Umgekommen im Gewitter von Sensationslust und Bilder-Gier.VON WALTHER STÜTZLEDas Tempo, mit dem sie verfolgt wurde, hat ihrem Leben ein Ende gesetzt.Zurück bleibt eine Welt, die fassungslos und geschockt ist.Trauer hat das Vereinigte Königreich erfaßt, und eine mitfühlende Welt kleidet ihre Sprachlosigkeit in Worte tiefempfundener Mittrauer.Präsidenten und Regierungschefs, Weggefährten im In- und Ausland suchen ihren Schock durch Anteilnahme an einem unwiederbringlichen Verlust zu lösen.Ausgezogen war Diana Frances Spencer, um in der Moderne unserer technisch-wissenschaftlichen Welt ein Märchen zu leben.Doch das Märchen verfing sich im Räderwerk einer unerbittlich wirklichen Welt.Vor den gnadenlosen Augen elektronischer Dauerbelauschung, geschützt durch keine Entfernung und keinen Abstand, zerbrach, was keinen Bestand haben durfte. Von Jahr zu Jahr, von Messe zu Messe hat sich das hohe Auflösungsvermögen modernster Kameratechnik verfeinert; doch zerbrochen ist die Fähigkeit, Trennlinien zwischen Chronistenpflicht und Sensationsgier zu respektieren.Statt die Masse zu unterweisen, daß auch ein Leben in der Öffentlichkeit keines ist, in dem schonungslos öffentlich herumgeblättert werden darf, operiert Massenpresse immer intensiver an der Nahtstelle zwischen Tod und Leben.Möglichst noch beim Sterben dabei zu sein, gilt als Ausweis von Aktualität - ungeachtet der Gefahr, daß die Sucht nach Sensation zur Todesursache selbst werden könnte.Bei Diana hat sich dieser Verfall von Sitte und Regel zum tödlichen Ausgang verkettet.Doch die Voyeure verlassen sich auf die An- und Weiterverkäufer ihrer Produkte, und die wissen: Auf den Nervenkitzel und die moralische Schwäche ihrer Kunden ist Verlaß.Blutiger Ernst erzeugt Auflage.Dem Run auf das Opfer folgt die Jagd nach dem Report vom Ort des Geschehens. Zu spät.Der Irrsinn hat seinen Tribut gefordert.Zurück bleibt die bange Frage: Gibt der erlebte und mit dem Leben von drei Menschen teuer bezahlte Wahnsinn - mit Diana starben ihr Begleiter und ihr Chauffeur - endlich den Weg frei für eine zerknirschte Ein- und Umkehr? Vorsicht ist geboten, denn Erfahrung zeigt, daß Hoffnung auf Einsicht auf wackligen Boden gründet.Die Neugier auf farbige, möglichst nackte Oberfläche schlägt das Interesse an Inhalt und Hintergrund aus dem Feld.Diana war Glied und Figur der britischen Monarchie.Aber weder war sie nur Außenhaut, noch war sie die Monarchie.Auch war nicht sie die Krise, in der sich das englische Königshaus seit langem befindet.Vielmehr war Diana Teil einer komplizierten Geschichte, mit der sich zu beschäftigen durchaus lohnt, - die Bereitschaft vorausgesetzt, sich mit Historie und Tradition vertraut zu machen, sich auseinanderzusetzen mit dem politischen und kulturellen Erbe des benachbarten Landes. Wer diese Anstrengung nicht scheut, wird finden, daß konstitutionelle Monarchie mühselig ist für die, die sie ernsthaft zu verkörpern suchen, daß die Last der Pflichten weitaus größer ist als die Lust an Glanz und Glamour. Zu finden ist auch, daß es Monarchien und Monarchen in unseren Breitengraden kaum anders ergeht als Republiken bundesdeutscher oder französischer Mach- und Lebensart: Das komplizierte Regelwerk, dem sie folgen und dem sie sich beugen müssen, wird wenig verstanden und nur selten zureichend erklärt.Die Neigung, sich auf Gesichter zu stürzen, statt zu fragen, was in den Köpfen vor sich geht, die Versuchung, Konflikte zu personalisieren, statt Hintergrund und Inhalt auszuleuchten und aufzuhellen, die Leichtigkeit, mit der über Fehler berichtet, aber Leistungen verschwiegen werden - unter diesem mächtigen Trend zur Oberflächlichkeit verkümmert die Einsicht in Zusammenhänge und blüht die Neigung zu schnellem Urteil.Oder ist jedermann geläufig, daß die Mehrzahl der mit uns in der Europäischen Union zusammengeschlossenen Länder Monarchien sind? Daß sie von Menschen gewünscht und geliebt werden, die nicht nach Farbe Ausschau halten, sondern nach Orientierung? Diana ist tot.Aber ihre Leistung bleibt.Heute beginnt in Oslo, der Hauptstadt des Königreichs Norwegen, die Internationale Konferenz zur Verbannung von Landminen.Rastlos hat Diana auf diesen Tag hingearbeitet.Zu spät für sie, aber ein königliches Vermächtnis.

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