Zeitung Heute : Geisel frei – und wieder entführt

In Afghanistan verschleppter Bauingenieur und vier Rot-Kreuz-Mitarbeiter in der Hand der Taliban?

Sven Lemkemeyer

Berlin - Im Fall des in Afghanistan entführten Deutschen Rudolf B. haben sich die Ereignisse überschlagen. Nach übereinstimmenden Berichten verschiedener Nachrichtenagenturen ist eine Freilassung des Bauingenieurs knapp gescheitert. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) war der herzkranke 62-Jährige sogar kurzzeitig auf freiem Fuß, sei dann aber wieder von den Taliban verschleppt worden. Über die genauen Abläufe gab es bis zum Donnerstagabend widersprüchliche Angaben.

Wie dpa unter Berufung auf Behörden in der Provinz Wardak in Zentralafghanistan und aus den Reihen der Aufständischen berichtete, hat eine Operation des afghanischen Geheimdienstes gegen die Entführer dazu geführt, dass Rudolf B. und vier im Juli mit ihm entführte afghanische Geiseln kurz nach ihrer Freilassung wieder verschleppt worden seien. Ein hochrangiger Behördenvertreter erklärte nach Angaben der Agentur: „Alle fünf Geiseln wurden übergeben.“ Dann sei es zu einem Zugriff von Mitarbeitern des Geheimdienstes gekommen, die vier der Geiselnehmer festgenommen hätten, die zuvor in einer Bank in Kabul Lösegeld empfangen hätten.

Zeitgleich wurden auch vier Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) verschleppt. Es handelt sich um einen mazedonischen, einen birmanischen und zwei afghanische Staatsbürger. Das teilte ein Sprecher des IKRK am Donnerstagabend in Genf mit. Die vier Männer seien allein auf dem Weg nach Kabul gewesen, als sie überfallen und verschleppt wurden. Zwar hätten sie den Auftrag gehabt, einen entführten Deutschen und die mit ihm verschleppten Afghanen aus der Provinz Wardak abzuholen. Zum Zeitpunkt des Überfalls seien sie aber allein auf dem Rückweg von ihrer Mission gewesen, sagte der Sprecher. Weitere Einzelheiten nannte er nicht.

Unklar blieb, ob die Kidnapper mit denen von Rudolf B. identisch sind. Auch das Auswärtige Amt äußerte sich nicht zu der Frage, ob es sich um Deutsche handele. Die Agentur AFP berichtete, bei den Entführern handele es sich um Kriminelle. Ein Gouverneur im Süden Afghanistans habe erklärt, die Entführer, „bewaffnete Diebe“, seien bereits „von der Polizei, der afghanischen Armee und den internationalen Kräften eingekreist“ worden, die Befreiung sei nur noch eine Frage von Stunden. Auch ein Talibansprecher bestätigte demnach, dass die islamistischen Rebellen keine Mitarbeiter des IKRK festhielten.

Rudolf B. war mit seinem Kollegen Rüdiger D. am 18. Juli verschleppt worden. Sicherheitsexperten vermuten, dass es sich bei den Entführern um Kriminelle handelte, die die Geiseln dann an die Taliban übergaben. Der 43-jährige Rüdiger D. erlitt in der Gefangenschaft einen Schwächeanfall und wurde erschossen. Ebenfalls im Juli entführten die Taliban 23 Südkoreaner. Zwei der Geiseln wurden ermordet. Nach Verhandlungen, an denen das IKRK beteiligt war, kamen die Entführten Ende August frei.

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