Zeitung Heute : Geist der Seidenstraße nur auf dem Basar

Miodrag Soric

Auch wer noch nie in Zentralasien war, verbindet mit Namen wie "Samarkand" oder "Buchara" orientalischen Zauber und Exotik. Auch wer die Reisebeschreibungen von Marco Polo nicht gelesen hat, den befällt eine merkwürdige Sehnsucht bei dem Wort "Seidenstraße". Erinnerungen aus Kindertagen, aus den "Märchen aus 1000 und einer Nacht" werden wach.

Die Wirklichkeit hat mit den Legenden und Sagen wenig gemein. In der kasachischen Millionenstadt Almaty ist keine orientalische Metropole zu entdecken, hier präsentiert sich vielmehr eine typische sowjetische Stadt: mit aus dem Boden gestampften Plattenbauten, mit breiten und geraden Straßen, wo russische, koreanische, europäische und japanische Autos stinken. Jeder in der Stadt kennt den Ort, wo vor dem Zerfall der UdSSR 1991 die kommunistische Partei-Nomenklatura aus Anlass der so genannten Oktoberrevolution die Paraden der Panzer und der Soldaten im Stechschritt abnahm. Touristen, die hier nach Kamelen oder Eseln Ausschau halten, entdecken sie allenfalls als Aufdruck auf einer Zigarettenschachtel oder als Schriftzug bei einer ungarischen Salami.

Der Geist der Seidenstraße, die ja vor allem eine Handelsstraße war, weht vornehmlich auf dem Basar. Rosinen werden dort in riesigen Säcken angeboten, Berge von Melonen warten darauf, abgetragen zu werden. Safran und andere Gewürze, die der Gast aus Europa nicht alle kennt, werden zu Spottpreisen verkauft. Eine Imkerin mit Goldzähnen hält dem Fremden ein Stück Pappe mit Honigaufstrich unter die Nase und ruft auf Russisch: "Probieren Sie doch mal!" Noch leben die fünf Hühner, die im Käfig hocken. Das Blut des frisch geschlachteten und jetzt aufgehängten Hammels tropft auf den Boden und bildet dort eine unappetitliche Lache, die allerdings niemanden zu stören scheint.

Basare mit Hunderten von Händlern gibt es in fast allen größeren Städten Zentralasiens. Auch im usbekischen Samarkand, einer Stadt mit einer jahrhundertealten persischen Geschichte. Die Prachtbauten der Stadt sind zumeist in der Zeit seit dem 14. Jahrhundert errichtet worden. Die Horden von Dschingis Khan hatten die Stadt verwüstet, wie so viele andere. Der Herrscher Amur Timur, der zumindest in Europa auch "der Schreckliche" genannt wird, beschloss Samarkand zur Hauptstadt seines Reiches zu machen. In seinem Auftrag errichteten Bauleute aus ganz Asien Koranschulen ("Medresen") von atemberaubender Schönheit. In der Sonne spiegeln sich ihre türkisfarbenen Kacheln mit Ornamenten und Fayencemosaiken. Wer einmal den "Rigestan", also den "Sandplatz" mit seinen drei Medresen betreten hat, wird diesen mystischen Ort gewiss nicht vergessen.

Als mittelalterlicher Kriegsherr, der große Teile Asiens eroberte, mag Timur auf seine Art "erfolgreich" gewesen sein. Jetzt will Usbekistans Präsident Karimow aus ihm ein Vorbild für die usbekische Bevölkerung machen. Der russische Lenin taugt dafür nicht mehr. Und so blickt auf vielen Denkmälern in der usbekischen Hauptstadt Taschkent Amur Timur mit gezogenem Schwert und lederner Rüstung mit strengem Blick in die Ferne. Böse Zungen behaupten, dass sich die Gesichtszüge von Timur und Lenin irgendwie ähneln.

Pauschaltouristen können sich, Tadschikistan einmal ausgenommen, in allen zentralasiatischen GUS-Staaten sicher fühlen. Viele Hotels entsprechen dem westlichen Standard. Das Alltagsleben hat sich in Usbekistan, Kasachstan oder in Kirgisistan durch den Krieg im benachbarten Afghanistan kaum geändert.

Miodrag Soric ist Leiter der Mittel- und Osteuroparedaktion von Deutsche Welle Radio.

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