Zeitung Heute : Geist ist geil

Leib und Seele sind zwei unterschiedliche Welten – dachte man lange. Aber sind sie wirklich so verschieden? / Von Bas Kast

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Im Jahr 1866 erschien im USMagazin „Atlantic Monthly“ die Geschichte eines Mannes, dessen Körper nur noch aus einem Rumpf besteht. Der Mann, George Dedlow genannt, ist Offizier im amerikanischen Bürgerkrieg. Ein Flintenschuss hat ihn so schwer verletzt, dass sein Arm amputiert werden muss. Nach der Rehabilitation kehrt er zurück an die Front, um nun seine beiden Beine zu verlieren – und dann auch noch den zweiten Arm auf Grund einer Infektion.

Autor der Geschichte ist Silas Weir Mitchell, einer der berühmtesten Neurologen des 19. Jahrhunderts. „Zu meinem Schrecken“, legt der Arzt seinem Helden in den Mund, „stellte ich fest, dass ich manchmal meiner selbst, meiner eigenen Existenz, weniger bewusst war als früher. Ich hätte am liebsten andauernd irgendjemand gefragt, ob ich wirklich George Dedlow war oder nicht. Es war – besser kann ich es nicht beschreiben – ein Fehlen der egoistischen Empfindung von Individualität.“

Weir Mitchells Geschichte ist als Fiktion angelegt. Doch vermutlich ist sie mehr als das: Der Arzt hatte während des amerikanischen Bürgerkriegs selbst amputierte Kriegsveteranen behandelt; höchstwahrscheinlich spiegelt seine Erzählung die Erfahrungen, die er während dieser Zeit mit den schwer verletzten Patienten gemacht hat.

Der Glaube versetzt Botenstoffe

Dafür spricht auch, dass inzwischen ähnliche Fälle dokumentiert sind. So beschreibt Oliver Sacks, Neurologe am „Albert Einstein College of Medicine“ in New York, in seinem Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ eine Patientin, die von einem auf den anderen Tag ihre Eigenwahrnehmung verliert. Sie spürt ihren Körper nicht mehr: von Kopf bis Fuß. Mit dem Verlust des Körpergefühls scheint sich auch, wie Sacks verblüfft feststellt, die Identität der Frau aufzulösen. Als der Neurologe ihr einen Film zeigt, auf dem sie, wenige Wochen vor der Nervenerkrankung, mit ihren Kindern zu sehen ist, ruft sie verzweifelt: „Ich kann mich mit dieser Frau nicht mehr identifizieren! Sie ist weg, ich kann mich an sie nicht erinnern, ich kann sie mir nicht einmal mehr vorstellen...“

Auf den ersten Blick sind solche Fallgeschichten einfach nur kurios. Bei genauerem Hinsehen aber werfen sie Licht auf einen Zusammenhang, den man seit eh und je zu verstehen versucht: die Verknüpfung von Körper und Geist, von Leib und Seele.

Lange galten Körper und Geist als zwei verschiedene, ja getrennte Welten. Für den griechischen Philosophen Platon war der Körper der Kerker der Seele, das Grab des Geistes. Stirbt der vergängliche Körper, verlässt ihn die unsterbliche Seele. Frühchristliche Sarkophage hatten eigens ein Loch im Sargdeckel, damit die luftige Seele dem verstorbenen Körper entweichen konnte.

René Descartes trieb die Trennung auf die Spitze: Der Körper, sagte der französische Philosoph des 17. Jahrhunderts, gleicht einem Automaten, der den Gesetzen der Newtonschen Mechanik folgt und sich also mit naturwissenschaftlichen Mitteln studieren lässt. Die Seele dagegen ist von einer anderen Welt, unkörperlich, immateriell, unfassbar. Diese Teilung von Körper und Seele in zwei verschiedene Welten bezeichnen Philosophen als „Dualismus“.

Allmählich aber gerät diese Vorstellung ins Wanken. Die Trennung zwischen Leib und Seele hebt sich auf. Die beiden Fallgeschichten zeigen bereits, wie eng Körper und Geist auf einer psychologischen Ebene zusammenwirken. Oliver Sacks’ Patientin verliert mit der Körperwahrnehmung auch ihre Identität. Ähnlich geht es George Dedlow: Die Amputationen haben dem Mann nicht nur die Gliedmaßen genommen, sondern auch einen Teil seines Ichs, seiner „Empfindung von Individualität“. Mit dem Leib hat man ihm auch ein Stück seiner Seele genommen.

Diese enge Verbindung zwischen Körper und Geist zeigt sich nicht nur auf psychologischer, sondern, wie neuere Studien ergeben, auch auf physiologischer Ebene.

Kanada, Ende der 1990er Jahre. Unter Leitung des Neurologen Jon Stoessl von der Universität von British Columbia in Vancouver macht sich ein Forscherteam auf zu einem ungewöhnlichen Experiment. Sechs Parkinson-Patienten sollen ein Medikament bekommen, das ihre Symptome – das Zittern, die Muskelstarre, die Bewegungsstörungen – zurückdrängt. Währenddessen beobachtet man mit einem Hirnscanner, was dabei in ihrem Kopf passiert.

Bei der Parkinson-Krankheit kommt es zum Abbau von Nervenzellen, die an der Bewegungssteuerung beteiligt sind. Die Zellen benutzen einen Botenstoff namens Dopamin, mit dem sie ihre Informationen weiterleiten. Fehlt dieser „Neurotransmitter“, kommt es zu Übertragungsstörungen – und damit zu den typischen Symptomen der Krankheit. Mit Medikamenten versucht man, das Dopamin im Kopf wieder auf Trab zu bringen; die Symptome gehen zurück. Und tatsächlich beobachten die kanadischen Forscher, dass ein bestimmtes Mittel die Produktion des Botenstoffes ankurbelt. So weit, so gut.

Dann folgt der eigentliche Versuch: Für die Patienten ändert sich scheinbar nichts, sie werden weiterhin behandelt, das Mittel aber, das sie nun bekommen, besteht nicht aus einer aktiven Substanz, sondern aus Kochsalzlösung (injiziert), also einem Scheinmedikament, einem „Placebo“. Wieder legen die Forscher die Patienten in den Hirnscanner. Der Befund: Auch die Kochsalzlösung bringt das Dopamin im Kopf auf Trab. Das Scheinmedikament setzt Botenstoffe frei – und zwar in vergleichbarem Ausmaß wie die aktive Arznei.

Natürlich ist den Wissenschaftlern klar, dass auch Scheinbehandlungen einen heilenden Effekt entfalten können – wenn der Patient nur an ihre Wirkung glaubt. Der so genannte Placebo-Effekt ist ihnen gut vertraut. Aber nie zuvor hat man so deutlich den Glauben im Kopf dingfest gemacht. Der Glaube, diese geistige Eigenschaft, luftig wie die Seele selbst, versetzt Botenstoffe. Auch auf der molekularen Ebene rückt das Seelische damit in unmittelbare Nähe des Körperlichen.

Der Geist, der den Körper beeinflusst, das ist, genau genommen, keine revolutionär neue Idee: Wir sind es schließlich auch gewöhnt, mit unseren Gedanken unseren Körper in Bewegung zu setzen. Umgekehrt kann ein Schlaganfall oder eine Hirnerkrankung wie Alzheimer die Persönlichkeit dramatisch verändern. Es gibt also Wechselwirkungen zwischen den „Welten“. Das heißt aber noch nicht, dass es nicht doch zwei Welten gibt! Auch intuitiv denkt jeder von uns dualistisch wie Descartes: Eine Idee („Joggen ist gesund, und du solltest mal wieder was für deine Gesundheit tun“) kann zwar unsere Beine in Gang setzen. Die Ideen selbst aber fühlen sich ganz anders an als die Handlung, die aus den Gedanken folgt. So würde wohl auch jeder, der noch halbwegs bei Verstand ist, sagen, dass es zwei Paar Stiefel sind, ob man einen Gedanken fasst oder eine Hand.

Wie sich jedoch herausstellt, ist dieser Unterschied gar nicht so groß: Gedanken beispielsweise können nicht nur den Körper in Bewegung setzen – Gedanken sind womöglich selbst eine Form von Bewegung.

Beispiel Vorstellungsvermögen. Stellen Sie sich vor, Sie sehen zwei Fotografien, auf denen jeweils eine Kaffeetasse abgebildet ist. Die Tassen sind aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommen. Sie müssen entscheiden, ob die Bilder die gleiche Tasse zeigen oder ob es sich um zwei verschiedene Tassen handelt.

Um diese Aufgabe zu lösen, müssen Sie eine der beiden Tassen vor Ihrem geistigen Auge so drehen, dass sie in die gleiche Perspektive rückt wie die andere. Wenn man mit einem Hirnscanner beobachtet, was dabei in Ihrem Kopf passiert, zeigt sich etwas Erstaunliches: Bei solchen „mentalen Rotationen“ wird das Hirngebiet aktiv, das normalerweise Bewegungen plant. Es ist, als würden Sie die Tasse nicht mit dem Geist, sondern tatsächlich mit der Hand drehen!

In diesem Fall hat das Vorstellungsvermögen also durchaus Ähnlichkeiten mit einer Hand-lung, einer Handlung im Kopf. Vielleicht, spekulieren Forscher, ist auch das, was wir „Denken“ nennen, letztlich eine Bewegung, die wir nicht ausführen. Wenn es sich tatsächlich so verhält, würde das der Wendung von der „Beweglichkeit im Kopf“ eine ganz neue Bedeutung geben.

Beispiel Sprache. Nach wie vor rätseln Linguisten darüber, wie es möglich war, dass unsere Sprache so rasch und unvermittelt in der Evolution auftauchte. Kein Affe kann sprechen – jeder Mensch kann es. Wie also, fragt man sich, kam diese komplexe Fähigkeit so urplötzlich in unseren Kopf? Eine mögliche Lösung lautet: Auch die Sprache gleicht einer Handlung im Kopf – und baut auf Bewegungen, genauer: auf die Körpersteuerung.

Nehmen wir an, jemand will einen Schluck Kaffee aus der Tasse nehmen, die vor ihm steht. Dazu muss er eine Bewegung machen, die aus verschiedenen „Einheiten“ besteht. Außerdem muss er diese Einheiten in die richtige Reihenfolge bringen: zuerst die Hand nach vorne steuern – eine Bewegungseinheit, die man nicht nur braucht, um eine Tasse zu greifen, sondern auch für ganz andere Handlungen, etwa wenn man jemandem die Hand geben will. Die nächste Bewegungseinheit besteht aus dem Greifen. Auch das ist eine eigenständige Einheit, die man für alles Mögliche benutzen kann (etwa, um eine Faust zu machen). Übernächste Bewegung: die Tasse zum Mund zu führen, usw.

Die Ähnlichkeiten mit der Sprache sind verblüffend: Auch hier geht es darum, Einheiten in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, nämlich Wörter. So, wie man gleiche Bewegungseinheiten für unterschiedliche Handlungen einsetzen kann, so lassen sich mit identischen Wörtern verschiedene Sätze bilden. Und auch Sätze bestehen ja letztlich aus Bewegungen – nur dass in diesem Fall nicht der Arm, sondern der Kehlkopf, der Mund und die Zunge bewegt werden müssen.

Man könnte auch umgekehrt sagen: Bereits unsere Körperbewegungen besitzen eine Art von Grammatik. Eine Grammatik, die sich unsere Sprache vielleicht zu Nutze gemacht hat.

Schiwas kosmischer Tanz

Neue Entdeckungen bestätigen diese Theorie. Der Hirnforscher Michael Graziano von der Princeton University in New Jersey stimulierte bei Affen die Hirnregion, die bei uns dem Sprachareal entspricht. Was passierte? Nun, der Affe fing zwar nicht an zu sprechen, tat aber trotzdem etwas Interessantes: Die Stimulation setzte den Arm des Affen in Bewegung. Reizte der Forscher eine bestimmte Hirnstelle, schloss der Affe seine Finger und führte die geschlossene Hand zum Mund. Das heißt: Die Hirnregion, die uns zum Sprechen bringt, ist beim Affen für komplexe Bewegungsabläufe zuständig. Bewegungsabläufe, die sich beim Menschen auf die Sprache ausgeweitet haben.

Dass der Geist in hohem Maße auf das Körperliche angewiesen ist – das hat auch eine andere Forschungsdisziplin für sich entdeckt: die Künstliche Intelligenz, KI. Anfangs dachte kein KI-Experte daran, seine Zeit damit zu verschwenden, Maschinen einen „Körper“ zu geben. Es ging darum, intelligente Systeme zu schaffen, und „Denken“, tja, das galt als etwas ganz anderes, als einen geistlosen Körper durch die Gegend zu steuern.

Diese Situation hat sich inzwischen stark verändert. Heute basteln KI-Experten auf der ganzen Welt an „humanoiden“, also menschenähnlichen Maschinen – und das nicht etwa, weil die Forscher sich plötzlich für Körper interessieren, sondern in der Überzeugung, dass Intelligenz mehr mit einem Körper zu tun hat, als man lange angenommen hat.

Der „reine Geist“ erweist sich als Fiktion. Der Körper ragt tief in unseren Geist hinein. Die Seele ist offenbar auf das Stoffliche angewiesen.

Vielleicht ist die Seele am Ende selbst stofflich? Womöglich gibt es nicht zwei Welten, vielleicht hat Descartes sich geirrt, und es existiert nur eine Welt, aus der sowohl der Körper als auch unsere Seele bestehen? Das würde zwar offen lassen, warum sich Körperliches und Geistiges so verschieden „anfühlen“. Auf der anderen Seite würde es erklären, wieso Leib und Seele so eng zusammenhängen: weil sie aus dem selben Stoff geschnitzt sind. Körper und Geist wären zwei Seiten einer Medaille.

Wenn das so ist, dann wäre auch unser Ich nicht anders geartet als der Rest des Universums. Was würde das für uns bedeuten? Wäre es eine Kränkung für unser Ich, für unser Selbstbild, wenn sich herausstellen sollte, dass unser Innerstes, der Kosmos im Kopf, letztlich aus dem gleichen Stoff ist, wie der Kosmos über uns? Wäre das eine Demütigung?

Ja, vielleicht. Dass man es auch anders sehen kann, zeigt der aus Indien stammende Neurologe Vilayanur Ramachandran, den das US-Magazin „Newsweek“ zu den 100 einflussreichsten Menschen des neuen Jahrtausends zählt. „Tatsächlich bedeutet dieser Gedanke keine Abwertung menschlichen Tuns“, schreibt der Neurologe in seinem Buch „Die blinde Frau, die sehen kann“. „Die Naturwissenschaften teilen uns mit, dass wir keine Sonderstellung im Universum inne haben und dass unser Gefühl, wir hätten eine private, nichtstoffliche Seele, die die Welt beobachtet, in Wirklichkeit eine Illusion ist.“

Sobald uns erst bewusst wird, dass wir nicht anders sind als der Rest, sondern Teil des Ganzen, der Natur, dann, meint Ramachandran, könnte diese Erkenntnis sogar befreiend wirken: „Wenn ich mich als Teil von Schiwas großem kosmischen Tanz begreife und nicht als bloßen Zuschauer, dann muss ich meinen unausweichlichen Tod nicht mehr als Tragödie ansehen, sondern kann ihn als glückliche Vereinigung mit der Natur verstehen.“

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