Zeitung Heute : Geister am Himmel

LENNART PAUL

"Picture of Light", eine Reise zum PolarlichtLENNART PAULEin Film über ein Naturereignis.Über ein Licht, hoch oben am Himmel.Über ein Mysterium, ein Wunder.Oder schlicht über eine starke elektrische Ladung.Ein Kamerateam macht sich auf den Weg, fährt mit der Bahn in Kanadas arktische Dunkelheit.Eis und Wind.Verkrüppelte Bäume, Stille, Einsamkeit.Churchill, eine kleine Stadt am Weltenrand unter meterhohem Schnee.Ein Film über das Warten.Das Nordlicht versteckt sich hinter Wolken, Schneestürme machen jeden Schritt vor die Tür des Motels undenkbar.Fernsehen statt Himmelsstudium.Der Zivilisation bleibt als letzte Zuflucht nur das Motelzimmer.Doch auch hier wird sie vertrieben.Das Filmteam schießt ein Loch in die Wand, damit die Außenwelt eindringt.Jetzt kann der Wind hineinblasen, kann eine Schneewehe quer durch das Zimmer formen.Der Versuch scheitert, der enttäuschte Wissenschaftler greift ein, formt die Wehe nach, erkennt dennoch den Unterschied zwischen echt und technisch erzeugt. Vor allem und erst recht: ein Dokumentarfilm.Keiner von der lauen Feature-Sorte, der Wirklichkeit penibel abbildet und sie an den Rändern bildschirmgerecht beschneidet.Einer, der seinen eigenen Rhythmus entwickelt, der Naturgewalt in Kunstgewalt verwandelt.Und so in einen Zwiespalt gerät."Es ist gut möglich, daß sich Natur nicht filmen läßt", spricht Filmemacher Peter Mettler aus dem Off.Er sieht sich als Scheinheiligen, der mit jedem Bild das Naturerlebnis als sinnliche Erfahrung predigt, die durch nichts ersetzt werden kann.Und der doch mit jedem Bild die Natur virtualisiert, sie ungewollt auf zwei Dimensionen zurechtstutzt: Länge und Breite der Leinwand. Wissenschaftler haben ausgerechnet, daß Menschen in Industrieländern einen Sonnenuntergang häufiger in der künstlichen Welt der Werbeplakate, der Fototapeten und des Fernsehens erleben als am echten Horizont.Jetzt also auch das Polarlicht, scheint Peter Mettler schuldbewußt zu sagen, wissend aber auch um die Macht seiner Bilder."Friert ihr schon?" fragt er, um uns für Sekunden aus der Arktis in den Kinosessel zurückzuholen.Ja, da ist eine Gänsehaut. Ein Film, der ein Geheimnis bewahrt.Lexika erklären, warum in der Polarnacht das Licht über den Himmel zieht.Sie erzählen von solarer Korpuskularstrahlung, von ionisierten Atomen.Die wissenschaftliche Erklärung lassen wir genauso gelten wie die des alten Inuit, für den das Polarlicht den Gruß der Verstorbenen birgt.Der Kokon der Wintermelancholie, in den wir eingesponnen werden, ist aufzubrechen: Mehrmals wöchentlich mit geschlossenen Augen vor eine starke Lampe setzen, raten die Ärzte.Einmal in "Picture of Light" gehen, rät der Kritiker.

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