Zeitung Heute : Gelbe Karte für die Berliner Direktorenriege

NIKOLAUS BERNAU

Der Landesdenkmalrat übt scharfe Kritik am Umgang mit dem Neuen Museum: Eintragung in die Unesco-Liste gefährdetVON NIKOLAUS BERNAUSchon der Ort der Veranstaltung war demonstrativ gewählt: Da sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz weigerte, das Neue Museum auf der Museumsinsel für die Pressekonferenz des Berliner Landesdenkmalrates zur Verfügung zu stellen, traf man sich im Berliner Abgeordnetenhaus, dem Ort der Volksvertretung.Der Landesdenkmalrat setzt sich zusammen aus zwölf vom Stadtentwicklungssenator berufenen Fachleuten sowie an Denkmalpflege, Geschichte und Architektur interessierten Bürgern, die ehrenamtlich und weisungsungebunden arbeiten.Er ist also das höchste demokratisch legitimierte Beratungsgremium für Denkmalpflege in der Stadt, ein kulturpolitisches Schwergewicht.Das hinderte den Präsidenten der Stiftung, Werner Knopp, nicht, dem Landesdenkmalrat Überschreitung seiner Kompetenzen vorzuwerfen.Knopp hatte zwar in letzter Minute vor der Pressekonferenz noch ein "klärendes Gespräch" angeboten, doch der Landesdenkmalrat sah darin keinen Sinn, da alle vorherigen Gespräche ohne sichtbare Wirkung gewesen seien. Die Ortsverweigerung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wurde vollends nachvollziehbar, als der Vorsitzende des Landesdenkmalrates, Adrian von Buttlar, umfassende Kritik an den Staatlichen Museen, ihrem Generaldirektor und seinen Kollegen, der Stiftung insgesamt übte: "Der Umgang mit der Museumsinsel und dem Neuen Museum gibt Anlaß zu allergrößter Sorge." Zur Debatte steht der Wiederaufbau und die Ergänzung des 1944 schwer beschädigten und seither - trotz vieler Mühen der Ost-Berliner Museumsbeamten - bis in die späten Jahre der DDR immer mehr verfallenen Neuen Museums.Dennoch ist der 1841 begonnene Bau, wie der Ingenieurshistoriker Werner Lorenz und die Kunsthistorikerin Sibylle Badstübner-Gröger zeigten, immer noch ein international einzigartiges Kompendium der Dekorations-, Konstruktions- und Museumsgeschichte des 19.Jahrhunderts.Eine Preziose, wie es wenige sonst in Berlin gibt. Den Wettbewerb für die Ergänzung und den Wiederaufbau des Neuen Museums gewann 1994 der Italiener Giorgio Grassi.Gegen den Willen der Museumsdirektoren, wie bereits damals bei der Vorstellung des Wettbewerbsergebnisses deutlich wurde, als Generaldirektor Wolf-Dieter Dube demonstrativ ihren Favoriten hervorhob, den Amerikaner Frank Gehry.Dieser hatte nur den vierten Preis bekommen.Wie Gehry nun neben dem damals Zweitplazierten David Chipperfield aus London dennoch bis heute im Rennen um den prestigeträchtigen Auftrag bleiben konnte, während Grassi "begraben wurde", das ist für den Züricher Architekturhistoriker Georg Mörsch "aus dreißig Jahren Jurytätigkeit nicht erinnerlich". Auch Mörsch ging die Staatlichen Museen hart an: "Man wird europaweit kein Beispiel finden, wo Direktoren für ein neues Museumskonzept so grob mit dem historischen Haus umgehen." Nicht einmal der denkmalpflegerische Minimalstandard, die vorhandene Substanz zu bewahren und die etwa 2000 fürsorglich ausgebauten Fragmente der Dekoration wieder an ihren Herkunftsort zu bringen, seien in den Planungen garantiert.Das Neue Museum, der "bedeutendste und fortschrittlichste Bau seiner Zeit" (Buttlar), verdiene jedoch eine vorsichtige Reparatur, die Proportionen, Gliederung und Grundriß des Gebäudes wiederherstelle, insbesondere die Fassadenstruktur und die alte Erschließung mit dem zentralen Treppenhaus sowie dem Rundgangsystem. David Chipperfield kommt in seinem überarbeiteten Entwurf diesen Forderungen sehr nahe, wie aus Skizzen deutlich wurde, die dem Landesdenkmalrat Anfang September vom Landeskonservator vorgestellt wurden.Frank Gehrys Entwurf hingegen, für den es immer noch eine eindeutige Präferenz der Museumsdirektoren gäbe, "zeichne eine alarmierende Entwicklung ab", wie von Buttlar erklärte.Gehry will das Treppenhaus zugunsten einer neuen Erschließung aufgeben, das noch "fast vollständig erhaltene" alte Vestibül abreißen, die Erdgeschoßfassade zum Kupfergraben hin mit Türen anstelle der Fenster öffnen.Und in die zerstörte Nordwestecke soll ein großer, nach oben "zeltartig zusammenlaufender" dreigeschossiger Saal mit geschlossener Fassade gebaut werden."Gehry will den verbliebenen Rest des Neuen Museums gegen den Strich bürsten", so Buttlar.Die Museumsdirektoren nähmen weitere Zerstörungen in Kauf, die Stiftung glaube, ihr denkmalpflegerisches Soll mit der Erhaltung der besterhaltenen Räume getan zu haben. Wie wenig allerdings in Berlins Kulturpolitik das Bewußtsein für die Belange der Museen entwickelt ist, zeigte sich nicht nur Anfang der neunziger Jahre.Damals ignorierten Kultursenator Roloff-Momin und das Abgeordnetenhaus die internationale Kritik an den Museumskonzepten, die heute die Probleme verursachen.Und auch der Kulturausschuß hielt es in seiner jüngsten Sitzung noch für richtig, trotz Zeitdruck - nächste Woche soll die Jury der Staatlichen Museen einen Vorschlag benennen - das Thema Neues Museum zu verschieben. Dabei werden die Planungen außerhalb Berlins genau verfolgt.Georg Mörsch klärte über die drohende Blamage auf: Die vom Senat, den Museen und der Denkmalpflege betriebene Eintragung der Museumsinsel in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes hätte bei solchem Umgang mit der historischen Substanz keine Chance.Ginge es doch bei dieser vor allem um die historischen Gebäude und ihre Ausstattung, weniger um die darin gezeigten Kunstwerke.Und von Buttlar warnte: "Museumskonzepte und Museumsdirektoren kommen und gehen.Die einmal zerstörten Häuser aber sind nicht wiederherstellbar."

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