Zeitung Heute : Geld lebt von Vertrauen

HEIK AFHELDT

Das muß die Bevölkerung in den Euro erst bekommen, denn Scheiden tut weh - auch wenn es um Münzen geht.VON HEIK AFHELDTGroßvater, was war das, eine D-Mark" werden unsere Enkel uns einmal fragen.Kurz nach ihrem 50.Geburtstag wird dieses stolze deutsche Symbol wiedergewonnener Stärke und internationalen Ansehens in den Ruhestand geschickt.Für viele ein voreiliger Akt, für manchen eine glatte Fehlentscheidung.Sie hätten die Deutsche Mark gerne behalten.Ist sie nicht mit dem Wirtschaftswunder in der alten Bundesrepublik untrennbar verbunden? Hat sie nicht dank ihrer magischen Anziehungskraft den Zerfall der DDR beschleunigt? Sie ist internationale Leit- und Reservewährung und in vielen Ländern zu einer Art Parallelwährung aufgestiegen.Die Basis hierfür: Die hohe Wertschätzung ihrer Stabilität.Wer in D-Mark angelegt hat, der war vor Geldwertschwund recht sicher.Trotz Phasen hoher Inflation war sie im Vergleich zu einst "weichen" Währungen wie der Lira oder der Peseta beinhart.Und so konnten die D-Mark Besitzer immer auch auf Aufwertungseffekte hoffen.Geld lebt von Vertrauen.So einfach ist das. Nun hat der Bundestag gestern mit beeindruckender Mehrheit sein Jawort einer großen Unbekannten gegeben, deren Namen Euro und deren Aussehen wir zwar schon kennen, nicht aber ihre Eigenschaften und späteren Qualitäten.Die großen Baumeister Europas haben sich mit ihren Visionen und ihrem politischen Willen durchgesetzt, gegen Bedenken aus den Wirtschaftswissenschaften, gegen die Verfechter nationaler Wirtschaftspolitik und gegen nationalistische Eiferer - und letztlich auch gegen das Volk, das seine Meinung nur den Demoskopen offenbaren durfte.Ein Zeichen für Politikversagen? Im Gegenteil, hier dokumentiert sich ein ganz starker politischer Wille zur Gestaltung und eine beeindruckende Gestaltungsfähigkeit - quer durch die Parteien.Ein Freudentag also? Der Primat der Politik gegenüber der übermächtigen globalen Wirtschaft, von vielen schon für verloren geglaubt, funktioniert.Ein Festanlaß für Deutschland vor allem.Bei dem unverhohlenen und verständlichen Versuch der Europäischen Nachbarn, den wirtschaftlichen Riesen Deutschland in einem Europäischen Wirtschafts- und Währungssystem einzufangen, erweisen sich die Fesseln als "Made in Germany".Die deutsche Stabilitätskultur und die dazugehörige Geldpolitik mit ihrer weltweit hochgeachteten Hüterin, der Bundesbank, haben die Nachbarn so beeindruckt, daß das neue Europäische Währungssystem in seinen beschlossenen Schnittmustern, von guter deutscher Qualität ist. Warum geht dann kein Freudengesang durch die Lande, sondern wehen die Fahnen eher auf Halbmast? Weil dieses Jahrhunderprojekt eben nicht von den Völkern gewollt und von ihnen getragen ist.So bleibt es eher unheimlich, unverstanden.Es schmerzt der Abschied von einem langjährigen, zuverlässigen und bewundertem Begleiter.Scheiden tut weh - auch wenn es um Münzen geht. Aber mehr noch irritiert die unsicherere Zukunft des Euro, die Risiken am Wege.Es sind weniger die Zweifel an der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank.Es sind die noch offenen Fragen an das künftige politische System in Europa.Wieweit kann und soll die Haushaltsdisziplin von oben "verordnet", das Grundrecht der Parlamente eingeschränkt werden.Wieviel politische Union braucht es in Europa? Müssen wirklich Steuern, Sozialabgaben und Umweltnormen harmonisiert werden oder bringt ein gewisser Konditionenwettbewerb innerhalb Europas nicht mehr, mehr Bürgernähe aber auch mehr ausgeglichenen Wohlstand - und weniger Bürokratie? Antworten hierauf braucht es bald, damit unsere Urenkel nicht übermorgen fragen: Was war das, ein Euro?

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