Zeitung Heute : Geld, Sex, Tod

KATRIN BETTINA MÜLLER

Wahrsager im Müll: Giò Di Sera im Kunstamt KreuzbergKATRIN BETTINA MÜLLERFeuer spuckende Vulkane, Pistolen und Geldscheine, Heiligen- und Pornobildchen, Hände, die an Gefängnisgittern rütteln, Hühner, die im Staub scharren - kein Zweifel, wir befinden uns in Neapel, zumindest in "Berlinapoli", wie Giò Di Sera seine Ausstellung nennt.Das klingt nicht nur zufällig nach dem Spiel Monopoli, geht es doch auch bei Di Sera um die Frage der Macht in der Stadt, um Geld, Sex und Tod. Er ist ein Wahrsager, der aus dem Müll zu lesen versucht.1985 kam Giò Di Sera aus Neapel nach Berlin.Seitdem schöpft er unverdrossen aus dem Potential der Brüche zwischen beiden Kulturen, ihren Klischees und Projektionen.Ornamente und farbenprächtige Krusten aus bunten Buchstabennudeln, Metallspänen und Plastikspielzeug überziehen seine Collagen und Objektkästen, die in ihrem Aufbau ebenso an Altäre wie Spielautomaten erinnern.Einem hölzernen Jesus, der sich die Brust aufreißt, hat er Spielzeugsoldaten neben das Herz implantiert, als ob jede Gewalt noch immer im Namen des Vaters und des Sohnes geschehe.Fabelwesen setzen sich in seinen Zeichnungen nicht nur aus Körperteilen von Mensch und Tier, sondern auch aus Panzerketten und Gewehrläufen zusammen.Steigt ein goldener Neptun aus dem Meer, so ist die Bildleiste aus jenem Treibgut von Turnschuhen, Plastikflaschen, Sonnenbrillen gebildet, die heute Strände und Meere verschmutzt.Di Seras gesellschaftskritische Botschaften sind einfach und unmißverständlich. Platt sind sie dennoch nicht.Denn mit den mythischen und sakralen Vorlagen thematisiert er zugleich den Boden, aus dem noch immer wieder die Sehnsucht nach Helden und Rettern erwächst.Mittels Fotografien und Selbstinszenierungen schlüpft er in diese Allmachtsphantasien, ohne je ihr Funktionieren wahrscheinlich zu machen.In der Materialfülle seiner Bilder schlägt sich aber auch eine Besitz-, eine Konsumlust nieder, die sich zugleich als Scheinbefriedigung zu erkennen gibt.Die Unvereinbarkeit von Wunschbild und Realität lierfert ihm endlosen Stoff. Mariannenplatz 2, bis 25.Januar; Dienstag bis Sonntag 12-18 Uhr.

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