Zeitung Heute : Geldbote des Todes?

Erster Gerichtsprozess zum 11. September in Deutschland

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Er lächelt unsicher, trägt einen schwarzen Vollbart und läuft der Kamera davon – so hat die Öffentlichkeit den Marokkaner Mounir AlMotassadeq vor Augen. Der Mann auf den Fernsehbildern, gefilmt im Herbst vergangenen Jahres, wirkt harmlos. Nach Ansicht von Generalbundesanwalt Kay Nehm ist das Gegenteil richtig: Der 28 Jahre alte Motassadeq soll die Terrorpiloten des 11. September unterstützt haben und sei deshalb mitschuldig am Tod von mindestens 3116 Menschen.

Am Dienstag beginnt nun am Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg der Prozess gegen den mutmaßlichen Al-Qaida-Mann, der seit November 2001 in einer Einzelzelle der Justizvollzugsanstalt Wuppertal sitzt. Diese Hauptverhandlung ist die erste, die in der Bundesrepublik gegen einen möglichen Mittäter des Terrorangriffs auf die USA geführt wird.

Entsprechend spektakulär verläuft das Vorspiel: Der größte Saal des Oberlandesgerichts wurde für 20 000 Euro umgebaut, die Polizei hat „schärfste Sicherheitsvorkehrungen“ angekündigt, zahllose Journalisten aus dem In- und Ausland wollen nach Hamburg kommen und werden sich um die Presseplätze balgen. Das Auswärtige Amt hat Motassadeqs Vater die Einreise verwehrt, nur die Schwester des Angeklagten bekam ein Visum und kann am Prozess teilnehmen.

Das Oberlandesgericht hat bis Ende Januar 37 Verhandlungstage angesetzt. Der Generalbundesanwalt hat in der Anklage 161 Zeugen benannt, es könnten auch weitere hinzukommen. Zum Beispiel der im September in Pakistan verhaftete Ramzi Binalshibh, der zur Hamburger Gruppe um die Terrorflieger Mohammed Atta, Marwan Al Shehhi und Ziad Jarrah gehörte. Einer ihrer Finanzverwalter soll Motassadeq gewesen sein.

Der 1993 in Deutschland eingereiste Marokkaner habe Ende Juli 1998 von Al Shehhi eine Generalvollmacht für dessen Konto bei der Dresdener Bank in Hamburg-Harburg und die dazugehörige EC-Karte erhalten, sagen die Ermittler. Als Al Shehhi Ende 1999 nach Afghanistan reiste, um mit der Al-Qaida-Spitze die Anschläge des 11. September zu planen, soll Motassadeq unter anderem die Miete und andere laufende Kosten Al Shehhis überwiesen haben. Außerdem sei mit Hilfe Motassadeqs von Al Shehhis Konto dessen Flugtraining in den USA finanziert worden. Motassadeq, der auch in Afghanistan gewesen sein soll, bestreitet jeden Vorwurf. Seine Version: Er habe von den Terrorplänen nichts gewusst. Hilfe bei Finanztransfers sei unter Muslimen üblich. fan

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