Zeitung Heute : Geliebte Stadt

ULF MEYER

Und noch einmal: Eine Tagung zum Thema Architektur und GeschichteWenn man heute in Berlin über Architektur und Geschichte spricht, kommt man scheinbar nicht umhin, die gesamte jüngere Planungsgeschichte noch einmal zu diskutieren.Das bewies die Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin, die zu der Fragestellung "Macht Geschichte Architektur oder macht Architektur Geschichte?"geladen hatte.Es war ein Versuch, über Geschichte und Architektur nachzudenken.Und weil das an den Berliner Planungen für Reichstag, Pariser Platz, Friedrichstraße und Bundesbauten so plastisch wird, werden alle Kontroversen kräftig ausgelebt. Der Architektursoziologe Werner Sewing polarisierte als erster Referent auf der Stelle:
Schon am ersten Punkt, dem Pariser Platz, prallte die Debatte um Günter Behnischs Entwurf für die Akademie der Künste auf die Wünsche des Vereins der Freunde des historischen Berlins nach gebauten Geschichtsbildern - ohne Rücksicht darauf, daß die Fassaden potemkinsch wirken, weil sie mit dem zeitgenössischen Raumprogramm und moderner Bautechnologie nicht zusammenpassen.War der Umgang mit Geschichte in der Postmoderne noch ironisch gebrochen, hier wird er bierernst.Sewings Vorschlag: den Platz der Disney-Company zur Errichtung eines Preußen-Themenparks inklusive Arbeitsloser in Pickelhauben zu überlassen.Im Publikum fand sich hingegen die Meinung, moderne Architektur am Pariser Platz sei "ein später Triumph Lenins".Geschichte als RosinenkuchenDie Frage welchen historischen Zustand es wiederherzustellen gelte, ist für Stadtschloß und Dresdner Frauenkirche kaum zu beantworten.Denn erstens "war es immer anders, als wir denken", und zweitens will man das eine vergessen, um an das andere zu erinnern.Man kann schwerlich einen historischen Zustand wie eine Rosine herauspicken, ohne bauliche Wunden zu zeigen.Die Wahl eines Geschichtsbildes macht seinerseits Geschichte.
Auch die Planungen für die Bundesbauten sind historisch, bevor die Gebäude stehen.Daß man schon heute einiges anders machen würde, bestätigte Peter Conradi.Der Kontrast zwischen Sehnsucht nach einem steinernen Geschichtsbild nach Wahl und dem Unvermögen im Umgang mit der jüngeren Geschichte ist eklatant.Die Geschichtsbilder sind also auch eine Frage der Generationen. Ob Geschichte überhaupt gemacht wird oder das genaue Gegenteil von Planung ist, dazu gab es unterschiedliche Theorien.Der Architekt Axel Schultes konnte ein "...denn sie wissen nicht, was sie tun" für seine Arbeit nicht gelten lassen.Dennoch gibt es intendiertes Handeln mit nicht intendierten Folgen.Schultes interessiert der Raum - der Stil nicht, denn er befand, daß sich Architektur in einem seltsam geschichtsleeren Raum bewegt, wo die Hagia Sophia ebenso inspirierend sein kann wie Louis Kahns Werk.Mies van der Rohe hat zwar gesagt, daß "der Teufel im Detail steckt", aber der Gedanke, man könne mit einem Gebäudeabriß seinen "bösen Geist" mitabreißen, grenzt an Voodoozauber.Das gilt für das Hess-Gefängnis genauso wie für "die Massakrierung des Reichstages, um Bismarck zu besiegen", die Dieter Hoffmann-Axthelm attackierte.Daß es eine Wahl zwischen verschiedenen gleichzeitigen Stilen gibt, ist zwar seit der französischen Revolution ein Phänomen, daß es aber jemanden gibt, der ein bestimmtes Geschichtsbild bauen könnte, bezweifelt nicht nur Hoffmann-Axthelm.Das Kapital, das die Städte zunehmend prägt, kommt dafür nicht in Frage.Berlin ist zwar "angerempelt worden" (Schultes), eine "Global City" ist Berlin aber nicht, eher eine mittlere östliche Armutsmetropole (Sewing).Bonns Frische für BerlinDie Architekturdebatte ist ein Ersatzkriegsschauplatz.Eine "architecture parlant der deutschen Geschichte" muß wohl überfordert sein, zumindest wenn der entsprechende gesellschaftliche Diskurs fehlt.Daß Architektur also Geschichte macht, wollte kaum jemand bejahen, Baugeschichte zu schreiben, das traut man ihr zu.Der Historiker Heinz Kittsteiner wünschte sich eine "Stadt als Sediment" und statt ewiger geschichtlicher Hommagen lieber Denkmalpflege und qualitätvolle Moderne.Was das aber genau sei? Schweigen.
Die Moderne, die sich selbst als geschichtslos verstand, ist Geschichte.Soll sie vor den Abrißorgien, die sie selbst schuf, verschont bleiben? Die zeitgenössische Architektur hat dagegen in den Augen des Architekten Hans Kollhoff das Problem, gar nicht geschichtsfähig zu sein, aus purem Mangel an Solidität, über den auch die berühmten Steintapeten nicht hinwegtäuschen können. Peter Conradi möchte die Frische und Gelassenheit der Architektur der Bonner Republik in die Berliner hinüberretten.Sein vernichtender Vorwurf an die "Deutonik" der neueren Berliner Architektur ging direkt an Kollhofs Adresse.Eine Hauptstadtarchitektur, die die ganze Nation repräsentiert, hält er ob der föderalen Struktur Deutschlands nicht für nötig.Die Bonner Bundesbauten sind zwar architektonisch qualitätvoll, stehen aber in der Rheinaue "wie die Kühe auf der Weide".Darum geht es aber Kollhoff, den nicht Conradis geliebter Solitär, sondern die Stadthaustypologie interessiert.Eine Stadt braucht seiner Meinung nach keine großartige Architektur, weil der Erfolg der städtebaulichen Struktur entscheidet.Sein Verweis, daß die Tagung abermals die Probleme der Stadt, die Verschlimmbesserung der Plattenbauten, die mangelnden Wohnraumkonzepte ignorierte, macht das nicht wertlos.Sein deprimierendes Resümee der Tagung lautete, daß "wir die Stadt, die wir lieben, einfach nicht mehr bauen können".ULF MEYER

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