Zeitung Heute : Gemeinsam einsam

CHRISTINA TILMANN

Rummelplatz in München: Federleicht springen zwei Kinder per Trampolin in den weißblauen bayerischen Himmel, wieder und wieder, die Kamera folgt ihren Blicken in alle Richtungen, schwenkt und dreht - die erste Szene ein Sinnbild für den Film? Denn daß Caroline Links Neuverfilmung von Erich Kästners "Pünktchen und Anton" ebenso federleicht den Sprung in die Jetztzeit schafft, wünscht man sich beim ersten Blick in Elea Geisslers Stupsgesicht mit den Knopfaugen und der wilden Lockenmähne, und zweifelt gleichzeitig daran mit Blick auf den blassen, scheuen Max Felder als Anton.

"Pünktchen und Anton", Kästners erfolgreiches Kinderbuch, ist ein Roman über Kinder, die bessere Erwachsene sind.Ein (recht ernsthaft moralischer) Roman darüber, daß Reichtum nicht glücklich macht und Armut manchmal klug.Und ein (widerspenstig-rebellischer) Roman darüber, daß Vorschriften nicht alles sind, und wer frech ist, gewinnt.Themen, die streckenweise etwas an Brisanz verloren haben im Zeitalter anti-autoritärer Erziehung, gleichzeitig aber gewonnen in Zeiten, in denen die Kinder mehr denn je alleingelassen werden von den Eltern.

Nur konsequent bei der Verlagerung des Interesses, daß die Wohlstandswelt der Familie Pogge, die ihrer Tochter Luise, genannt Pünktchen, jeden Wunsch gewährt, nur nicht den nach Liebe und Zeit, in Caroline Links Film authentischer, überzeugender wirkt als das Krankenlager der Frau Gast.In die Münchener Schickeria-Welt der 90er Jahre paßt sich die Bogenhausener Villa mit Swimmingpool, der Vater als vielbeschäftigter Herzchirurg, die Mutter als weltreisende Botschafterin in Sachen Menschenrechte, und ein reizendes französisches Au-Pair-Girl als Kinderfrau bruchlos ein.Juliane Köhler, die gerade als "Aimée" zeigen konnte, welche Kraft zur Selbstentäußerung in ihr steckt, ist als Pünktchens Mutter eine schöne Larve mit Marlene-Dietrich-Gesicht, eine Porzellanfigur, nur mit Samthandschuhen anzufassen.So oberflächlich wie der Emanzipationskonflikt zwischen ihr und ihrem vielbeschäftigten Mann, der am Ende natürlich im Harmonie-Pool landet.

Schwieriger gerät dem Film die Armutswelt, im Buch von 1931 stark geprägt von Depression und sozialer Ungesichertheit: Meret Becker als lungenkranke Zirkusartistin, der gefährdete Arbeitsplatz im Eissalon, das hat noch etwas vom Flair der Wirtschaftswunderzeit - heute wäre eher ein Kulturkonflikt angesagt gewesen, Anton als junger Türke vielleicht.Caroline Link wählt statt dessen die Differenz zwischen Berlin und München zur Unterscheidung der Welten - stand nicht auch Kästner zwischen beiden Städten? Die Münchener Regisseurin macht aus der Vorliebe zu ihrer sauber-schönen Heimatstadt mit Isar, englischem Garten und Theatinerkirche keinen Hehl.Berlin, das ist die Welt der geschiedenen Väter, die den Unterhalt für ihre Kinder nicht zahlen.Wenn Anton im gestohlenen VW-Bus aufbricht zur Vatersuche, dann ist das eine Fahrt, die schon einmal ein Kind in einem Caroline-Link-Film unternahm.Nur endet die Fahrt hier im Kornfeld, und die Versöhnung mit einer Reise an die Nordsee.

Versöhnlich ist Caroline Links Film vielleicht zu sehr, zu glatt, auch für einen Kinderfilm.Und etwas lang.Wenn er trotzdem gewinnt, dann vor allem deshalb, weil Links Aktualisierung Kästners penetrantes Gut-Böse-Schema aushebelt.Denn statt des verklemmten Fräulein Andacht, die Pünktchen als Streichholzmädchen betteln schickt, besetzt die Regisseurin die Rolle des Kindermädchens mit ihrem "Jenseits-der-Stille"-Star Sylvie Testud.Die junge Französin mit ihrem reizenden Akzent ist das Au-pair-Mädchen Laurence, das sich, leichtsinnig und lebenslustig, mit dem smarten Eisverkäufer Carlos (Benno Fürmann) einläßt, der nur am Geld der Pogges interessiert ist.Gemeinsam mit der dicken Berta ist sie diejenige, die Pünktchen Liebe, Witz und Aufmerksamkeit schenkt.Wenn am Ende der Einbruch im Hause Pogge vereitelt wird, gibt es nicht nur ein glückliches Pünktchen im Kreise der Familie, sondern auch ein einsames, unglückliches (Noch-)Kind: Die erste Liebe, die für Laurence in Deutschland als Enttäuschung endet, macht sie für einen Moment zur heimlichen Hauptfigur.

Heute 14 Uhr (Zoo-Palast) und 20 Uhr (International)

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