Zeitung Heute : Gemeißelte Melodien

JÖRG KÖNIGSDORF

Nachwuchspianist Olli Mustonen lockte in die Klettwitzer DorfkircheJÖRG KÖNIGSDORFAn Olli Mustonen scheiden sich die Geister der Pianomanen: Die einen sehen in ihm den würdigen Erben der genialischen Klavierkauzigkeit Glenn Goulds, für die anderen sind die exzentrischen Tastenkünste des Finnen nur eine Ansammlung brillant exekutierter Manierismen.Ungewöhnlich war allein schon das Programm, mit dem der Nachwuchsstar in die entlegene Klettwitzer Dorfkirche gelockt hatte: Reiner Beethoven zwar, doch fast ausschließlich Raritäten, Variationen, Albumblätter und Bagatellen, die kaum je als konzertwürdig erachtet werden.Schon die einleitende kurze Allemande in A-Dur zeigt, daß Mustonen diese Kleinwerke ernst nimmt, mit weit ausgefahrener Konzertflügel-Dynamik mißt er Bedeutungsschwere zu, holt einzelne Formteile wie mit einem Zoom-Objektiv heran, kümmert sich herzlich wenig um die Idee klassischen Gleichmaßes, der Harmonie von Form und Inhalt.Ein Beethoven, der auf die Moderne schielt, schon an die radikalisierten Minimalstücke Weberns denken läßt.Auch die Variationssammlung opus 107 wird einer mikroskopischen Detailschau unterzogen, die schlichten Volksliedthemen schon vor ihrer kompositorischen Variierung einem Belastungstest des Interpreten unterzogen: In fast enervierendem Dauerstaccato meißelt Mustonen die Melodielinien heraus, bringt jedes Sforzato zur krachenden Detonation, lädt jede Note mit Bedeutung auf, dehnt die Motive wie Strudelteig.Das nimmt zuerst gefangen, nicht zuletzt aufgrund einer phänomenalen Technik, die es ihm ermöglicht, selbst brillanteste Passagen ohne Pedal zu spielen.Spätestens bei den Bagatellen opus 119 erschöpfen Mustonens beständige Ausrufezeichen den Hörer, werden Kunstpausen und Phrasierungen vorhersehbar, stellt sich dankbares Durchatmen ein, wenn einmal eine Melodie wie die des Andante cantabile in A-Dur ungeschoren bleibt und Ansätze von Legatospiel erkennen läßt. Der Tiefpunkt des Konzertes ist mit der "Wut über den verlorenen Groschen" markiert, die im Sperrfeuer jenseits der Hackgrenze jeden Charme, jede Keckheit verliert.Überhaupt zeigt Mustonens Spiel bei aller Exzentrizität erstaunlich wenig Humor.Noch fehlt ihm die Gelassenheit für verhaltenere Töne, übermächtig scheint der Drang, alles Gefundene auch gleich mitzuteilen.Nicht grundlos setzt Mustonen das opus 77 an den Schluß: Hier geht sein kalkuliert improvisatorischer Gestus auf, die suchenden Skalen des Beginns, das unruhige Austesten von motivischen Einfällen wirken ganz unaufgesetzt spontan, in der größeren freien Form der Fantasie findet er endlich das richtige Feld für seinen rastlosen Mitschöpferdrang.

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