Zeitung Heute : Genet in Splittern

INGO BACH

"Zofen unter Aufsicht" in der Berliner Akademie der KünsteEin sinnvoller Knopf, diese HI-LITE-Taste auf dem CD-Player: jeder Titel wird genau zehn Sekunden angespielt.Doch weiß man dann alles über die CD? Joachim Stargard vom Theater Reißverschluß dachte es sich wohl so, als er Themen und Texte von Jean Genet zusammensuchte, um aus ihnen eine Performance zu machen."Zofen unter Aufsicht": da wird Genet an-, aber nie ausgespielt; länger als zehn Sekunden zwar, aber genausowenig aussagekräftig.Man erkennt Szenen aus den Romanen "Tagebuch eines Diebes" und "Notre Dame des Fleurs", dann zitiert Stargard aus den "Zofen": Genet als Waise auf der Suche nach den Eltern, als Blütenträumer, als tuntige Herrin und intrigante Zofe, Genet als Dieb ... Er habe mit seinen vier Schauspielern die Facetten der Person Genets darstellen wollen, sagt Stargard."Eigentlich hätte das Ensemble noch viel größer sein können, denn in Genet finden sich unglaublich viele Persönlichkeiten." So erlebt der Regisseur das aus dem Zusammenhang gerissene Zitat zum Prinzip.Wer mit Genets Leben und Werk nicht vertraut ist, versteht nichts, und wer es ist, erfährt nichts Neues.Nicht Genet mal vier ist das Ergebnis, sondern eher Genet durch vier: nichts Halbes und nichts Ganzes.Daß da mehr Potential hätte sein können, zeigt sich in den raren Augenblicken, wenn es der "kleinen" Inszenierung tatsächlich gelingt, an der Figur zu rühren, weil der Zuschauer gerührt wird.Zu Beginn kriechen, nein rollen die Darsteller auf die Bühne, zum Schluß verlassen sie sie auf die gleiche Weise."Ich will zu den Gedemütigten gehören, die ständig auf dem Boden kriechen", sagt Genet 2 (Felix Knyphausen) und meint damit sein Leben und vor allem sein Werk, das sich immer mit denen "ganz unten" beschäftigte.Hier blitzt kurz auf, was Stargard wohl im Sinn hatte: ein Zugang zur Persönlichkeit des Jean Genet.INGO BACH Wieder am 17.und 18.Juli, 20 Uhr, in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10.

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