Zeitung Heute : Gepanzertes Leben

„Kommt in Deutschland an, legt das Kopftuch ab!“ Das forderte Ekin Deligöz von den Musliminnen. Seitdem bekommt sie Morddrohungen – und muss lernen, was es heißt, ein Sicherheitsrisiko zu sein

Hans Monath

Auch hinter dem zentimeterdicken Sicherheitsglas einer gepanzerten Limousine sieht Berlin nicht anders aus als gewöhnlich. Es fühlt sich nur etwas anders an. Ekin Deligöz ist auf dem Weg zu Terminen in der Hauptstadt. Die Grünen-Abgeordnete, die in der Türkei geboren und 1997 in Deutschland eingebürgert wurde, will sich über gelungene Integrationsprojekte informieren und über Menschen, die Probleme von Zuwanderern lösen wollen.

Das schwere Sicherheitsfahrzeug, das die 35-Jährige an diesem Tag vor einem Modellkindergarten in Charlottenburg und vor der Fachhochschule Hellersdorf absetzt, braucht beim Beschleunigen und Bremsen deutlich länger als ein Durchschnittswagen. Seit die Deutsch-Türkin mit Wahlkreis in Neu-Ulm in der Kopftuchdebatte zum Objekt von Drohungen und Beschimpfungen wurde, hat das Bundeskriminalamt (BKA) sie als gefährdet eingestuft und ihr Personenschützer zugeteilt, die rund um die Uhr auf sie aufpassen. Wer bislang an ein solches BKA-Fahrzeug nicht gewöhnt war, muss beim Aussteigen erst lernen, dass die schwere Tür sich nicht einfach durch einen kleinen Klapps ins Schloss werfen lässt, sondern richtig Kraft verlangt. Wie kann man sich an die Dauerpräsenz der Kriminaler gewöhnen, deren Augen bei jedem Termin die Neuankömmlinge aufmerksam mustern? „Überhaupt nicht“, sagt die Abgeordnete lakonisch.

„Kommt im Heute an, kommt in Deutschland an“, hatte Deligöz in einer deutschen Boulevardzeitung die Musliminnen in Deutschland aufgefordert: „Ihr lebt hier, also legt das Kopftuch ab.“ Auch sie selbst war überrascht, als in fundamentalistischen türkischen Zeitungen eine Hetzkampagne losbrach und anonyme Moslems aggressiv reagierten – mit Schmähungen und Morddrohungen. Ein türkischer Moderator versicherte ihr, die gleiche Kampagne gegen Kopftücher provoziere auf einem Dorf in der türkischen Provinz weit weniger aufgeregte Reaktionen als im politischen Berlin.

Doch einschüchtern lassen, das hat Ekin Deligöz schnell deutlich gemacht, will sie sich keineswegs: „Angst habe ich nicht“, versichert sie. „Ich kämpfe hier um das Recht auf Meinungsfreiheit.“ Tatsächlich sucht sie schon nach neuen Foren, in denen sie für ihre These werben kann, wonach die große Mehrheit der muslimischen Frauen in Deutschland das Kopftuch nicht freiwillig, sondern nur auf Druck ihrer Männer oder Verwandten trägt. Ein „Symbol der Frauenunterdrückung“ nennt sie deshalb das Stück Tuch. Für sich hat sie die Lehre gezogen: „Das Phänomen Parallelgesellschaft ist mitten unter uns.“

Die vor acht Jahren in den Bundestag gewählte Mutter eines Sohnes, die im Hauptstadtbetrieb vor allem als Expertin für Familienpolitik bekannt war, wurde mit einem Mal in die raue Welt einer öffentlichen Existenz katapultiert. Ein Dutzend Kamerateams rangelte um die beste Plätze, als die Fraktionsführung der Grünen und Deligöz im November islamische Verbände einluden. Als Deligöz in einem anderen Raum ein Interview geben wollte, verfolgten sie die Kameraleute. Die meist männlichen Vertreter der islamischen Verbände schimpften zwar wortreich und gefühlvoll über die Aufforderung der Abgeordneten. Sie distanzierten sich aber immerhin von den Drohungen und bekannten sich zur Meinungsfreiheit.

Auch beim Besuch des Kinder- und Familienzentrums in der Charlottenburger Schillerstraße holt das Thema Patriarchat und abhängige Frauen die Abgeordnete wieder ein. Die Leiterin erzählt davon, wie türkische und libanesische Mütter ihre Söhne so sehr umsorgen, dass die völlig unselbstständig werden: „Sie sind als Kinder Machos, und sie werden auch als Machos gehalten.“ Deligöz nickt, als die Lehrerin stocksteif dastehende Fünfjährige nachmacht, die sich von ihren Müttern jeden Mantel und jede Jacke anziehen lassen. „Die Jungs leiden auch“, sagt die Leiterin: „Sie kommen oft mit der Allmachtsrolle nicht zurecht.“ Einen Weg, die Fehlentwicklung von außen aufzubrechen, hat sie aber bis heute nicht gefunden. Genau danach hatte Deligöz gefragt. Draußen im Vorraum sitzt der BKA-Beamte und passt auf.

Die Personenschützer waren auch dabei, als die Abgeordnete den Grünen-Bundesparteitag in Köln besuchte. Freilich hielten sie sich dezent im Hintergrund und beobachteten das Objekt ihrer Aufmerksamkeit dezent aus dem Abstand von mehreren Metern, damit die Politikerin ihren Geschäften nachgehen konnte, ohne dass die Gesprächspartner abgeschreckt wurden.

Ein bisschen hat sich Ekin Deligöz in Köln dann aber doch gewundert – allerdings nicht über die freundlichen BKA-Beamten, sondern darüber, wie der Parteitag mit den Drohungen gegen sie umging. Die Führung der Grünen nämlich hatte weder eine Solidaritätserklärung angesetzt, noch fand sie sonst vom Podium ein Wort des Beistands für sie. Zu groß war offenbar die Furcht davor, dass im parteiinternen Streit über den richtigen Kurs in der Kopftuchdebatte ein unkalkulierbares und von der Spitze ungewolltes Ergebnis die Schlagzeilen bestimmen könnte. Denn die Grünen, von denen manche Immigranten gerne als Opfer sehen, sind in der heiklen Frage uneins.

Noch während der Parteitag lief, fuhr die Abgeordnete von Köln mit einem der gepanzerten Wagen gleich nach Frankfurt weiter, wo sie vom Türkisch-Deutschen Klub mit einer Auszeichnung für ihren Kampf gegen das Kopftuch geehrt wurde. „Frau Deligöz hatte den Mut, offen auszusprechen, was die Vorurteile besonders gegen Muslime verstärkt und Integration erschwert“, erklärte Ezhar Cezairli, der Vorsitzende der Vereinigung, die seit mehr als 20 Jahren für Toleranz und Verständigung zwischen Deutschen und Türken wirbt.

Das hat Ekin Deligöz gefreut – und auch ermuntert, ihren Standpunkt auch im neuen Jahr offensiv vorzutragen und dafür Verbündete zu gewinnen: „Meine Botschaft zum Kopftuch steht und wird sich nicht ändern“, sagt sie. Und will die Debatte weiter führen.

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