Zeitung Heute : Gerhard Schröder?
„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Gerhard Schröder (SPD) könnte nach der Wahl vielleicht wieder Bundeskanzler werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.
AMT: Eine gute Nachricht? Fragt sich zunächst für wen. Für Schröder? Eigentlich nicht. Ein bisschen wäre das so, als wenn man einem Marathonläufer, der sich eigentlich am Ziel wähnt, zuruft: Es sind noch mal zehn Kilometer! Für das Land? Moment, dies ist nicht der Leitartikel. Für Stoiber und Koch und Wulff? Für die schon eher. Es wäre jedenfalls die Nachricht.
Es wäre der Coup. Es wäre der ultimative Beweis, dass sich Geschichte wiederholen lässt, und zwar gegen jede Wahrscheinlichkeit, auf Knopfdruck, wenn man nur ganz feste will. Zudem, und hier nähern wir uns dem belastbaren Fundament der Wirkungsforschung, wäre es der bisher historisch eindrucksvollste Beleg für die These, dass sich Politik ohnehin zunehmend personalisiert. Immerhin: In dieser Hinsicht sieht es gegenwärtig so schlecht nicht aus für Gerhard Schröder. Der Kanzler führt im direkten Vergleich mit seiner Herausforderin mit 47:33. Symphatischer sei er, führungsstärker und tatkräftiger als Angela Merkel, lautet das jüngste Urteil aus dem von ARD und Tagesspiegel in Auftrag gegebenen „Deutschlandtrend“. Doch, der Amtsbonus, er zählt noch was in diesem Lande.
AMBITIONEN: Die sind eindeutig. Ein Kapitel im Geschichtsbuch sollte es schon sein. Gerhard Schröder würde den Deutschen gerne als Reformkanzler in Erinnerung bleiben. Nur – dafür ist nicht unbedingt eine Verlängerungsrunde nötig. Wie es aussieht, gilt sogar eher das Gegenteil. Es reicht also, wenn andere in seinen Fußstapfen wandeln und die SPD wandelt – wenigstens einigermaßen erhobenen Hauptes – hinterdrein. Das weiß er. Dafür kämpft er. Das hat er Franz Müntefering in die Hand versprochen – und so wie die Dinge liegen, hält er sich auch daran. Selbst treue Weggefährten wie sein Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier sind überrascht, wie sehr er sich noch mal motivieren kann, nachdem er, nach der NRW-Wahl, in tiefste Tiefen gerutscht war. Nun aber ist Wahlkampf und da hört einer wie Schröder noch einmal die Musik und dann trabt er los wie ein alter Zirkusgaul.
Man sollte das im Übrigen nicht zu gering schätzen. So wie er es versteht, ist das sein Dienst an seiner Partei, der SPD, deren Vorsitzender er schließlich mal war. Als etwas „ganz Besonderes“ hat er diesen Vorsitz empfunden, und als er ihn hat niederlegen müssen, da stand auch der Gedanke Pate, eben beides retten zu können: Die Identität der SPD und den Reformkurs der Agenda 2010, seinen Reformkurs. Es gehört durchaus zu den bitteren Erkenntnissen des Gerhard Schröder, dass beides nicht zu haben war – und wenn, dann nur um den Preis einer erodierenden SPD, die sich nur deshalb mühsam auf Agenda-Linie halten lässt, weil da am linken Rand eine neue „Brandmauer“ entstanden ist, wie Franz Müntefering es einschätzt. Eine „Brandmauer“, errichtet vom Maurermeister Lafontaine. Der trat vor sechs Jahren die Flucht ins Private an – wer dem Kanzler böse will, und es ist Wahlkampf, der bastelt daraus eine schmerzhafte Analogie. Andererseits: Das späte Vaterglück ist mehr als pure Koketterie. Und dass sich auch im Reihenendhaus in Hannover etwas fürs Seelenheil der Partei tun lässt, dieser Beweis ist längst erbracht: Adoptivtöchterlein Viktoria hat er unlängst den Refrain eines Arbeiterliedes beigebracht – auch so was freut den „Münte“.
AUSSICHTEN: Auf was? Kanzler von Rot-Grün fällt aus, rein rechnerisch – und auch, weil die ganze Chose dann wieder von vorne losgehen würde und das Urteil Schröders doch eigentlich gefällt ist, dass Rot-Grün „zu der gesellschaftlichen Situation, die wir haben“ nicht so recht gepasst habe. Eigentlich all die Jahre nicht. Und Rot-Rot-Grün? Bitte, das ist noch absurder, als Kahn und Lehmann gleichzeitig ins Tor stellen zu wollen – selbst Stoiber gibt das zu. Und als oberster Groß-Koalitionär? Ja, das wäre ein Triumph. Die SPD vor die Union geführt zu haben, in einem Kraftakt, irgendwie. Und dann die Neuzeit einläuten mit Berufeneren – mit Steinbrück zum Beispiel.
WAHRSCHEINLICHKEIT: Schröder wird Pendler auf der Strecke Hannover-New York.





