GERICHTSDRAMA„Sturm“ : Die Stimme der Zeugin

Caroline Fetscher

Der „Sturm“ tobt im Inneren. Eine Frau hat das Grauen des Krieges überlebt und wohnt heute mit Mann und zwei Kindern bescheiden und unauffällig in Berlin. Kaum einer ahnt, was die zarte, scheu wirkende Mira Arendt hinter sich hat. Hannah Maynard (Kerry Fox), pragmatisch und professionell, mit gutem Gehalt und Top-Job, will Mira Arendt (Anamaria Marinca, Foto) als Zeugin gewinnen. Sie soll sich erinnern, sie soll aussagen. Maynard ist Staatsanwältin am Uno-Tribunal für Kriegsverbrechen aus dem ehemaligen Jugoslawien, einer gigantischen Behörde in Den Haag, wo mehr als tausend Mitarbeiter dafür sorgen sollen, dass es nach dem Krieg zu Recht und Gerechtigkeit kommt.

An diesem Tribunal ist Goran Durik angeklagt. In den frühen Neunzigern soll er zentral an der „ethnischen Säuberung“ Bosniens beteiligt gewesen sein. Und Mira Arendt kennt den Mann. Mit Dutzenden anderer Frauen war sie von ihm und seinen Schergen in einem Hotel festgehalten worden. Aus dem Haus hatten die serbischen Soldaten ein Vergewaltigungslager gemacht. Aber Mira Arendt will nicht alles ans Licht zerren und erinnern müssen, nicht öffentlich sprechen und damit sich und ihre Familie in Gefahr bringen. Hannah muss Mira umstimmen, will sie den Mann der Massenvergewaltigung überführen.

Regisseur Hans-Christian Schmid („Requiem“) und der Co-Autor seines Drehbuchs, Bernd Lange, haben jahrelang in Den Haag und Bosnien recherchiert, um eine Geschichte zu erzählen, die dramatischer nicht sein könnte, während ihr Hintergrund so tragisch wie traumatisch und real ist. Entstanden ist eine spannende, dynamische Filmerzählung, bis an den Rand gefüllt mit Realitätsbezügen. Klug verzichtet Schmid dabei auf drastische Rückblenden oder brachiale Blutszenen und baut stattdessen Spannung durch die Konflikte in Personen und zwischen Personen der Gegenwart auf. Maynard auf der Jagd nach der Zeugin, die Zeugin auf der Flucht vor der Erinnerung, die Mitarbeiter des Tribunals, durch Alltagsbürokratie vor zu viel Emotion geschützt.

Und da ist der Brüsseler Funktionär Jonas Dahlberg, der Liebhaber von Maynard, dem es vor allem darum geht, dass man mit diesen verkrachten Ländern politisch vorankommt. Zu viel Wahrheit kann da im Weg sein. Außerdem mischen sich Saboteure ins Geschehen, Unbekannte, die die Zeugin einschüchtern wollen. Auch das ist typisch für solche Verfahren. Ohne jegliche „Action“ entsteht bei „Sturm“ enorme Dichte und Spannung – und Stoff zum Diskutieren. Packend. Caroline Fetscher

„Sturm“, D 2009, 103 Min., R: Hans-Christian Schmid, D: Kerry Fox, Anamaria Marinca

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