Zeitung Heute : Gerichtsverfahren verschoben: Wer hilft Monsieur Dutroux?

Thomas Roser

Tränen schießen Paul Marchal in die Augen, wenn er erzählt, was seit dem Tod der Tochter aus seiner Familie geworden ist. "Für uns ist das Leben die Hölle", sagt er. Sein Sohn wollte schon seinen Namen ändern, weil er in der Schule angefeindet wird - "nicht jeder ist von meinem Engagement im Fall Dutroux begeistert." Und seine Frau will von der Sache nichts mehr hören. Paul Marchal stößt einen tiefen Seufzer aus. Er fürchtet, dass Marc Dutroux für die meisten seiner Taten nie verurteilt wird: "Im Gegensatz zu ihm sind wir Angehörigen schon jetzt zu lebenslang verurteilt."

Fast sechs Jahre ist es her, dass der Sonderschullehrer aus dem flämischen Hasselt seine 17-jährige Tochter An in die Sommerferien verabschiedete, aus denen sie nie zurückkehrte. Erst ein Jahr später, nach der Verhaftung des arbeitslosen Schlossers Marc Dutroux, erhielt Marchal Gewissheit über Ans Schicksal. Mindestens sechs Mädchen soll Dutroux entführt und missbraucht haben, vier - auch An - starben in seinem Kellerkerker. Aus Wut über die Fahndungspannen und die Absetzung des erfolgreichen Ermittlungsrichters Jean-Marc Connerotte demonstrierten im heißen Herbst 1996 Hunderttausende Belgier gegen Justiz und Politik.

Längst ist die "weiße Bewegung" erlahmt, doch folgenlos ist sie nicht geblieben. International vorbildlich ist heute Belgiens Fahndungssystem nach verschwundenen Kindern. Paul Marchal hat selbst mit dem "Haus von An" eine ehrenamtliche Initiative gegründet, die missbrauchte Kinder betreut. "Dass die Zahl der Anzeigen gestiegen ist", sagt er, "bedeutet nicht, dass der Missbrauch von Kindern zugenommen hat: Es zeigt nur, dass die Leute sich nun trauen, darüber zu sprechen."

Doch bei den Ermittlungen in der Sache Dutroux tritt die Justiz auf der Stelle. Alljährlich wird der Termin für einen Prozessbeginn um ein weiteres Jahr verschoben: Zurzeit terminiert Belgiens Justizministerium die Eröffnung des Verfahrens gegen Dutroux, seine Frau Martine und den mutmaßlichen Kompagnon Michel Lelièvre auf Herbst 2002.

"Bis auf den Grund" wolle er den Fall untersuchen, hatte Staatsanwalt Michel Bourlet nach der Verhaftung von Dutroux erklärt. Doch der Stammeskrieg in der belgischen Justiz, der schon die Fahndung nach den verschwundenen Kindern blockierte, erschwerte auch die Recherchen nach den Hintergründen der Verbrechen. Ein Teller Spaghetti, den Connerotte bei einem Wohltätigkeitsessen für die verschwundenen Kinder verzehrte, sorgte wenige Wochen nach der Dutroux-Festnahme für die entscheidende Schwächung des Ermittlungsteams. Wegen "Befangenheit" enthob der Oberste Gerichtshof den unbequemen Richter des Amtes. "In den wenigen Monaten, in denen Connerotte die Ermittlungen leitete, wurde mehr ans Tageslicht gebracht als in all den Jahren danach", konstatiert Paul Marchal heute. Tatsächlich konnte Connerottes Nachfolger Jacques Langlois mit Staatsanwalt Bourlet nie eine gemeinsame Arbeitsgrundlage entwickeln. Während Bourlet überzeugt ist, dass Dutroux Teil einer kriminellen Bande war, hält Langlois ihn für einen Einzeltäter.

Der Ermittlungsstab teilte sich bald in "Gläubige und Ungläubige" eines Komplottszenarios. Beamte spielten den Medien gezielt Verhörprotokolle zu, um die Öffentlichkeit von ihrer Version zu überzeugen. Zeitweise schien die Justiz mehr mit Disziplinarverfahren und der Suche nach "Maulwürfen" als mit den Ermittlungen beschäftigt zu sein. Ein herber Rückschlag war die Haftentlassung des umtriebigen Maklers Michel Nihoul Ende 1999. Obwohl die Staatsanwaltschaft den früheren Organisator wüster Sexorgien immer noch für einen Mittelsmann von Dutroux hält, musste er mangels stichfester Beweise freigelassen werden.

Auch Dutroux selbst erschwert die Wahrheitssuche. Unmittelbar nach seiner Verhaftung hatte er der Polizei den Kerker zweier noch lebender Mädchen verraten, den Mord an seinem Kumpan Bernard Weinstein gestanden und Tipps zum Aufspüren der Leichen von An und ihrer Freundin Efje sowie von Julie und Mélissa gegeben. Doch schon bald begann er, mit seinen Vernehmungsbeamten Katz und Maus zu spielen. Mit der Entführung von Julie und Mélissa will er heute nichts mehr zu tun haben, die Ermordung von An und Efje lastet er Weinstein an. Der Chef des Vernehmungsstabs, der offenbar von Dutroux im Lauf der Jahre "umgedreht" wurde, musste im vergangenen November ausgewechselt werden. Belastende Aussagen von Martine Dutroux entpuppten sich als wertlos, weil sie ihr mit suggestiven Fragen entlockt worden waren. Dutroux diktiere den Verlauf der Ermittlungen, erregt sich Paul Marchal: "Er bestimmt das ganze Spiel."

Nachdem er dreieinhalb Jahre in Untersuchungshaft gesessen hatte, wurde Dutroux für seinen Fluchtversuch im April 1998 im vergangenen Jahr zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Inzwischen sind seine Anwälte in die Gegenoffensive gegangen. Im Februar reichten sie eine Klage wegen "unmenschlicher" Haftbedingungen ein. Man habe ein "Klima des Hasses" um ihn geschaffen, beschwert sich Dutroux, der "aus Protest" regelmäßig die Zellenwände mit seinen Exkrementen beschmiert: "Gut, ich habe meine Fehler, aber so schlimm wie behauptet bin ich auch wieder nicht."

Menschenrechtsgruppen beklagen bereits die lange Dauer der Ermittlungen, die gegen das Recht des Angeklagten auf einen Prozess in absehbarer Zeit verstoße. Marchal dagegen glaubt, dass die Verteidigung bewusst auf Zeit spielt: "Sie wollen Zeit gewinnen und Verwirrung stiften - und hoffen auf Formfehler, um so die Einstellung des Verfahrens erzwingen zu können."

Der unterträglich langsame Verlauf der Prozessvorbereitung hat Marchal in seiner Überzeugung bestätigt, dass weniger Unvermögen als Unwillen für die ausbleibenden Ermittlungserfolge verantwortlich sei: "Dutroux wird von höheren Kreisen geschützt." Warum habe Dutroux als Arbeitsloser mehrere Häuser besessen und hohe Geldbeträge überwiesen bekommen, fragt er sich: "Wer gibt ihm im Gefängnis das Geld zum Kauf eines Videogeräts, um Pornofilme zu schauen: Wer sind seine Fans und Sponsoren?" Für seine Tochter An könne er nichts mehr tun, seufzt Paul Marchal: "Aber den missbrauchten Kindern, die zu uns kommen, können wir noch helfen. Doch was sollen wir ihnen erzählen, wenn Dutroux nicht angemessen verurteilt wird?"

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