Zeitung Heute : Geruch der Kindheit

Kiefer, Kampfer, Sonne: Omas Ferienhaus am Scharmützelsee ist Jenny Erpenbecks Synonym für unbeschwerte Jahre. Und die Erinnerung daran ein „schönes Gefängnis“.

Wenn Jenny Erpenbeck nach einer längeren Reise wieder ihre Wohnung betritt, atmet sie deren Geruch ein und denkt, stimmt, so riecht meine Zuhause. Sie kann diesen Geruch nur wahrnehmen, weil er ihr über die Weile, in der sie fort war, wieder fremd geworden ist. Aber schon nach kurzer Zeit, wenn sie nämlich wieder dreimal am Tag hinaus und hinein läuft, bemerkt sie nichts mehr.

Wenn die Kinder vom Prenzlauer Berg schlafen, wenn auch ihr Junge in einem der hinteren Räume regelmäßig atmet, kann man die Berliner Schriftstellerin besuchen in ihrem Arbeitszimmer, in dem die Bücherwände so hoch sind, dass man sie mit Leitern besteigen muss. Ihr Roman „Heimsuchung“, mit dem sie jetzt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, erzählt die Geschichte eines idyllisch gelegenen Hauses am Scharmützelsee, durch das im Laufe von 191 Seiten und über 100 Jahren die vertrackte deutsche Geschichte wandert. Immer wieder wechseln sich Hoffnung, Glück und Schuld unter dem Reetdach ab, es ist am Ende auch ihre eigene Geschichte. Bis sie 25 Jahre alt war, hat sie selbst mit Großeltern und Eltern ihre Ferien in einem solchen schilfgedeckten Haus verbracht.

„Meine Kindheit fand dort statt“, sagt sie, als hätte sie nicht tatsächlich die meiste Zeit eben dieser Kindheit in Berlin zugebracht, erst im 13., später im sechsten Stock eines Hochhauses an der Leipziger Straße, mit Blick auf das Springer-Hochhaus im Westen. Und auch an diesen Ort hat sie ja Erinnerungen, und manche sind schön: Sie bei den Hausaufgaben, ihr Gesicht spiegelt sich in der dunklen Scheibe und dahinter leuchten die Lichter des nächsten Hochhauses. Ein Kind ganz bei sich, in einem schönen, stillen, städtischen Moment. Und doch: „In der Stadt fällt einem die eigene Kindheit nicht so auf, weil man ja zur Schule muss.“ Man spürt dort weniger, was die Kindheit ausmacht – dass die Zeit uferlos ist. Und dann haben die Häuser in den Städten kaum Seele. „In der Stadt gehören die großen Mietshäuser allen Bewohnern,“ die ziehen ein und aus, vielleicht sind die Wände dünn, „ich selbst bin für das Haus nicht wichtig“. Erst auf dem Land, glaubt sie, verwächst man mit seinem Haus, hält es am Leben, lässt heißes und kaltes Wasser durch seine Adern laufen, heizt und bewohnt es, beseelt es, wenn es wieder einen langen Winter leer gestanden hat, und mit einem selbst wachsen die Büsche im Garten und die Bäume drum herum.

Auch die Zeit ist als Kind auf dem Lande anders, selbstvergessener, Langeweile ist köstlich und erlaubt. Keine Schule, kein fremder Rhythmus, nach dem man sich richten muss. So gedehnt, so unbestimmt war diese Zeit in Jenny Erpenbecks Kindheit, dass ihr alle diese Sommer zu einem einzigen großen Sommer verschmolzen sind. Immer wieder im Wald spielen dürfen, immer wieder Splitter und Zecken und aufgeschürfte Knie, immer wieder Himbeerenpflücken, Schwimmen und in der Sonne liegen am selben Ort. Durch die Wiederholungen verschmilzt die Zeit mit einem Ort, am Ende steht der Ort der Kindheit für die Zeit der Kindheit.

„Der Heimatbegriff wird erst dann wichtig, wenn man die Heimat verliert,“ sagt sie. Vor zehn Jahren hat sie noch einmal versucht, dieses Grundstück am See, auf dem ihren Großeltern nur das Haus gehört hatte, wiederzuerlangen. Es ist ihr nicht gelungen. Sie begann, davon zu träumen, wieder und wieder. Und plötzlich war diese idyllische Kindheit zu einem schwer wiegenden Erinnerungsklumpen von erstaunlichem Einfluss auf sie geworden. „Man denkt ja immer, man kann nur das Opfer einer schlechten Kindheit sein – aber das stimmt nicht: Man kann auch das Opfer einer guten Kindheit sein.“

Das Opfer einer guten Kindheit sitzt nun auf dem Sofa und wärmt sich an einer Tasse Tee. Es hat dann beschlossen, sich nach Art der Schriftsteller mit einer Niederschrift zu heilen. Im Buch liest es sich so, dass „die vergangene Zeit in ihrem Rücken zu wuchern begann, dass da ihre sehr schöne Kindheit ihr, die längst erwachsen war, mit so großer Verspätung noch über den Kopf wuchs und sich als sehr schönes Gefängnis erwies, das sie für immer einschließen würde.“

Jenny Erpenbeck wurde mit dem Buch „Geschichte vom alten Kind“ bekannt, in dem sie beschreibt, wie eine Erwachsene unerkannt als Kind unter Kindern lebt. Dass man sich melancholisch nach der Kindheit zurücksehne, müsse nicht zwangsläufig heißen, dass diese Kindheit verklärt wird, oder dass sie objektiv schön war – dahin zurückzublicken ist gar keine Wertung, sagt sie, sondern ein psychologischer Mechanismus.

Sie hat dann angefangen, zur Geschichte des Sommerhauses Fragen zu stellen, sie hat sich in Archiven Mappen heraussuchen lassen, und aus diesen amtlichen Wundertüten fielen ihr ganz neue Wahrheiten entgegen. Und wie bei ihr im Kleinen die Wiederkehr der Sommer, so gab es im Großen die Wiederkehr neuer Besitzer, Sommer am See, auf dem Steg, schwimmend, die Verstrickung in Schuld, es war die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und das Leid der anderen relativierte ihren eigenen Abschiedsschmerz.

Zehn Kapitel hat sie geschrieben, um der Erinnerungen Herr zu werden, dazwischen die Geschichte des Gärtners. Alle gleich lang, keine Wertung der Biografien, der Geschichte, jedem seinen Teil. Aber sie ist jetzt der Dompteur dieser Erinnerungen, sie lässt sie durch brennende Reifen springen: Die jüdische Nachbarsfamilie, die ihr Grundstück verkaufen muss, um dann auf eigene Kosten in den Tod zu fahren. Die Großmutter, die einer Hilfesuchenden Hilfe verwehrt. Sie selbst, die Gewalt mit ansieht. Es sind schon längst nicht mehr nur ihre eigenen Erinnerungen, ihr Haus hat sich bevölkert.

Es sind nun Männer und Frauen im Haus, Kinder und Alte, jeder mit seiner Sprache, jeder mit eigenem Anliegen und eigener Not. Und die Tatsache, dass sie alle einmal in demselben See geschwommen sind, macht aus ihnen noch keine Gemeinschaft. „Von Schritt zu Schritt wird auf der Flucht das Gepäck weniger und das, was man zurücklässt, mehr, und irgendwann hält man an und sitzt nur noch, und dann ist gerade noch das Leben vom Leben übrig,“ denkt eine Besucherin. Erstaunlich fand die Autorin, die ihr Buch ja selbst aus einer Empfindung des Verlustes begonnen hat, wie jeder doch sein Leben in seiner Seifenblase lebt, das eigene Glück ist für jeden das höchste Glück, und das eigene Leid für jeden das schlimmste Leid.

Und die Fakten, die sie in den Akten recherchiert hat – was sagten die eigentlich? Sie machten ihr die erstaunliche, erbarmungslose Haaresbreite deutlich, mit der sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten eine Biografie entschieden hat. Arisch oder nicht? wurde der Architekt gefragt, der das Sommerhaus 1936 gebaut hat. „Ja und nein“ kreuzt er an: der Urgroßvater war jüdisch. Aber Urgroßväter zählen nun rechnerisch nicht mehr, also „ja“, der Architekt war arisch, dokumentiert im zweiten Fragebogen der Akten.

Bei allem bleibt das Haus, der umbaute Raum, bestehen. Und täglich frisch, für jeden Bewohner neu, ist der Tau, der frühmorgens immer wieder unberührt auf der Klinke des Gartentores liegt.

Jenny Erpenbeck ist jetzt 40 Jahre alt. Als Kind, sagt sie, sieht man nur das Gras und die Bäume, riecht den Kieferngeruch – und erst, wenn man erwachsen ist, muss man in diesem Zusammenhang anfangen, über Besitz und Kredite nachzudenken. Aber weil sie gerne möchte, dass auch ihr Sohn einen Ort haben wird, der für ihn die Gerüche der Kindheit bereithält, hat sie, als sie den Roman geschrieben hat, zugleich nach einem Grundstück Ausschau gehalten. Sie ist herumgefahren, sie hat die Makler und ihre Sprache beobachtet, und am Ende hat sie einen neuen Ort gefunden.

Das echte Haus am Scharmützelsee – anders als im Buch – steht heute noch. Und natürlich wird sie ständig gefragt, ob man mit ihr dorthin fahren könne. „Aber“, fragt sie, „was wäre das für eine Geschichte? Jenny Erpenbeck steht vor dem Haus und weint sich die Augen aus dem Kopf?“ Für alle anderen ist es ein Roman, für sie ist es ihr Leben.

Jenny Erpenbeck: „Heimsuchung“, Roman, Eichborn Berlin, 17,95 Euro.

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