Zeitung Heute : Gescheitert am eigenen Maßstab

SVEN GOLDMANN

Von Berti Vogts ist bekannt, daß er dem Bundeskanzler politisch nahesteht.Daheim am Niederrhein hat er Wahlkampf für die CDU gemacht, Helmut Kohl war stets ein gern gesehener Gast im Kreise der Fußball-Nationalmannschaft, auch im Sommer bei der Weltmeisterschaft, als die Umfrageergebnisse für die Bonner Koalition nicht besonders gut waren.Der Kanzler hat es ihm nicht gedankt.Drei Wochen vor der Bundestagswahl tat Kohl einen Teufel, sich öffentlich mit dem angeschlagenen Bundestrainer zu solidarisieren.Wer sympathisiert schon mit einem Verlierer? 72 Prozent aller Befragten waren nach einer am Montag veröffentlichten Umfrage dafür, daß der Bundestrainer seinen Hut nimmt, und zwar sofort.

Dieser Aufforderung ist Vogts nun überraschend schnell nachgekommen.Zwar war in Folge der Turbulenzen während und nach der Weltmeisterschaft in Frankreich ein Rückzug des glücklosen Bundestrainers erwartet worden - aber so zügig? Nicht zufällig trug Berti Vogts zu seiner aktiven Zeit den Spitznamen "Terrier".Es paßt nicht zum Wesen dieser Kämpfernatur, fünf Wochen vor dem richtungsweisenden EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei den Rückzug anzutreten.Zwar fordert die Fußball-Nation schon lange einen neuen starken Mann, eine Art Gerhard Schröder in Trainingshosen.Allein: Es wollte sich keiner finden.Im gleichen Maße, wie die Umfrageergebnisse der SPD schlechter geworden sind, ist auch die Bereitschaft deutscher Fußballehrer gesunken, den vermeintlich begehrtesten Job im Land zu übernehmen.Ob sie nun Christoph Daum, Otto Rehhagel oder Jupp Heynckes heißen, keiner drängte sich nach vorn.Sie alle wissen um die aggressive Öffentlichkeit, die auch einem Nachfolger des glücklosen Bundestrainers keine Schonfrist einräumen wird.Sollte der Vogts doch den Karren in den Dreck fahren, sich gegen die Türkei oder Finnland lächerlich machen.Den Königsmörder wollte in dieser angespannten Lage keiner spielen.

Die zögerliche Haltung der Kollegenschaft hätte ein Pluspunkt für den Bundestrainer sein können, wäre ihm nicht ein unverzeihlicher Fehler unterlaufen.Berti Vogts hat sich, in Ermangelung kompetenter Konkurrenz, seinen Schröder selbst ins Boot geholt.Der Mann ist blond, schneidig im Auftreten und versiert im Umgang mit der Öffentlichkeit, die noch jeden gelungenen Querpaß über fünf Meter als Zeugnis seiner Genialität wertet: Stefan Effenberg.

Keiner weiß so recht, was diesen Effenberg zum Hoffnungsträger prädestiniert.Die 30 hat er schon überschritten und ist noch bei jedem Arbeitgeber charakterlicher Defizite wegen angeeckt.Das Kapitel Nationalmannschaft war für ihn eigentlich 1994 erledigt, als Effenberg nach einem WM-Spiel mit erhobenem Mittelfinger vom Platz stolzierte.Nie, nie wieder werde dieser Mann in einer von ihm betreuten Nationalmannschaft spielen, hat Vogts damals und später beteuert, bis er nach dem Debakel bei der WM im Frankreich dem Druck der Öffentlichkeit nachgab.

Dieser Kniefall, der zweite nach der Begnadigung des Quertreibers Lothar Matthäus, hat das Schicksal des Bundestrainers besiegelt.Knapp acht Jahre lang, von seinem Amtsantritt 1990 bis ins Frühjahr 1998, hat Vogts nach außen perfekt die Rolle des sich nicht verbiegen lassenden Arbeiters gespielt.Er hat Effenberg ebenso vor die Tür gesetzt wie den machtgierigen Matthäus.Mit dieser Haltung hat sich Vogts Respekt verschafft, aber auch einen Maßstab gesetzt, der ihm jetzt zum Verhängnis wurde.

Seiner Glaubwürdigkeit beraubt, hat sich der Bundestrainer in der vergangenen Woche beim angestrebten Neubeginn auf Malta der Lächerlichkeit preisgegeben - gnadenloser noch als beim WM-K.-o.in Frankreich, den er mit einer Weltverschwörung gegen den deutschen Fußball zu begründen versucht hatte.Ein behäbiger Effenberg gefiel sich auf Malta als Spaziergänger ("FAZ"), und nachdem Vogts mit dem Konzept der "ballorientierten Gegnerdeckung" einen Heiterkeitserfolg gelandet hatte, ging sogar sein väterlicher Freund, der DFB-Präsident Egidius Braun, auf Distanz.Nach der Trainingswoche auf Malta war der Bundestrainer so einsam wie noch nie.Am Ende hat Vogts die letzte Chance genutzt, die ihm noch blieb: Er gab auf, als er den Zeitpunkt noch selbst bestimmen durfte.

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