Zeitung Heute : Geschenke für Musikdiebe

Immer mehr Leute bedienen sich illegal im Internet. Deshalb startet die Industrie eine große Gratis-Aktion

Markus Ehrenberg

Ostern beginnt für Zehntausende von Internet-Nutzern ein paar Tage früher. Ab Mittwoch können sie sich eine Woche lang im Netz gratis mit Pop-Musik eindecken – völlig legal, eingeladen von der Schallplattenindustrie. Die ist normalerweise einer der größten Kritiker von solch kostenlosen Musik-Angeboten im Internet. Der deutsche Phonoverband überzieht die Anbieter gerne mal mit Schadenersatzforderungen und strafrechtlicher Verfolgung. Nun machen die Plattenhersteller das Gleiche wie die illegalen Tauschbörsen: mit dem so genannten „Digital Download Day“, kurz „DDD“. Das ist ungefähr so, als würde der Pay-TV-Sender Premiere ein Fußball-Champions-League-Spiel unverschlüsselt übertragen. Hat die Musikindustrie vor den Online-Piraten kapituliert?

Nicht wirklich. Ganz selbstlos ist die einmalige Verschenk-Aktion nicht. Dahinter steckt der britische Online-Musikvertrieb OD2, den der Popmusiker Peter Gabriel und der Software-Spezialist Charles Grimsdale vor drei Jahren gegründet haben. Über Lizenzverträge mit den größeren, europäischen Musikfirmen und Download-Angeboten auf diversen Websites will man den zahlreichen illegalen Musik-Tauschbörsen wie Gnutella oder Kazaa per „DDD“ das Wasser abgraben, mit Schnupper-Angeboten ködern.

Genau hinschauen lohnt sich. Musikfans aus Deutschland, England, Frankreich, Holland, Spanien und Italien haben laut Veranstalter eine Woche lang Gelegenheit, sich ein Testangebot für digitale Musik im Wert von 5 Euro kostenlos zu sichern. „5 Euro kostenlos“? Auch keine schlechte Ansage. Immerhin stehen fast 10 000 Künstler zur Auswahl, nicht die schlechtesten: Modern Talking, Kylie Minogue, Eminem, Robbie Williams, Christina Aguliera, Coldplay, Norah Jones, Richard Ashcroft oder „ Superstar“ Alex. Insgesamt 150 000 Titel, angeblich das größte legale Angebot in Europa, können auf CD gebrannt oder auf portable Player übertragen werden. Fast zeitgleich wollen Karstadt.de, WOM.de und MTV neue digitale Musikangebote starten. Darüber hinaus plant die Plattenbranche für den Sommer ein einheitliches, zentrales Download-Angebot im Netz.

Der große Einstieg ins legale Downloadgeschäft also – vier Jahre nachdem die (mittlerweile inaktive) Tauschbörse Napster gezeigt hat, wie attraktiv und kostenlos Musik aus dem Internet sein kann? Die Plattenindustrie jedenfalls hat große Pläne. Annähernd 100 000 User hätten sich bis Dienstag zum „Digital Download Day“ eingetragen, über 40 Prozent davon sollen Deutsche sein. Diese müssen unter www.digitaldownloadday.de ihre E-Mail- Adresse eingeben und einen Aktionspartner wählen, zum Beispiel MTV. Dafür gibt’s ein Musikguthaben im Wert von 5 Euro, meist in Form eines Punktekontos. 300 Punkte stehen dabei zur Verfügung, das entspricht 300 Streams, 30 Downloads oder drei auf CD gebrannten Titeln. Wer mitmache, sei nicht nur juristisch auf der richtigen Seite, argumentieren die Veranstalter, auch die Gefahr, sich beim illegalen Download einen Computervirus auf der Festplatte einzufangen, sei bei „DDD“ ausgeschlossen. Man wisse genau, woher die Ware kommt.

Ob die Nutzer nach der Geschenk-Aktion langfristig bei Karstadt oder MTV bleiben, ist fraglich. Bei OD2 zum Beispiel soll das Anhören eines Songs nach dem „Digital Download Day“ 1,6 Cent kosten, das Herunterladen auf dem Computer 16 Cent. Die professionellen Anbieter verweisen auf den Mehrwert: redaktionelle Berichte, Newsletter, Kundensupport und persönliche Musikarchive. Aber was ist das gegen die Möglichkeit, keinen einzigen Cent zu bezahlen? Eben hat die Tauschbörse Kazaa den 200-millionsten Download ihrer Software gefeiert. Im Internet gilt die Devise: Nur umsonst ist gut.

Das belegt eine aktuelle Studie aus der Filmbranche. Der Download von Filmen aus dem Internet ist in Deutschland drastisch angestiegen. Im Jahr 2002 wurden 15,5 Millionen Spielfilmkopien, hauptsächlich illegal, aus dem Netz bezogen. 23 Prozent aller Befragten gaben an, ihre Filme vor dem Kinostart aus dem Internet zu holen. Das Alter der Downloader lag dabei zwischen 10 und 29 Jahren. Und die tauschen und brennen nicht nur zu Ostern.

Die Aktion im Internet:

www.digitaldownloadday.de

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