Geschichte : Berlins erster Blogger

Er machte Berlin zu einer Literaturmetropole und zog sich den Hass Goethes zu: Friedrich Nicolai. Vor 200 Jahren, am 8. Januar 1811, starb der Verleger, der die Aufklärung nach Berlin brachte. Sein Haus könnte an ihn erinnern.

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Der Verleger und Aufklärer Friedrich Nicolai.
Der Verleger und Aufklärer Friedrich Nicolai.

Goethes Hass kannte keine Grenzen. Seinen lästigsten Kritiker kanzelte er öffentlich als „alten Berlinischen Steinbock“, geldgierigen „Nickel“ und philosophischen „Leerkopf“ ab. Ein ganzes Bündel vergifteter Pfeile flog 1796 aus Weimar nach Berlin: die „Xenien“, gemeinsam mit Schiller verfasste und von diesem herausgegebene Spottverse. „Nicolai reiset noch immer, noch lang wird er reisen, / Aber ins Land der Vernunft findet er nimmer den Weg“, heißt es da über den Kopf der Berliner Aufklärung. Es ging um die Vorherrschaft in der damaligen Literaturszene, um die Dominanz von Weimar oder Berlin. Skrupellos zielten die beiden Klassiker unter die Gürtellinie, machten sich gar über eine schwere Erkrankung ihres Rivalen lustig: „Rührt sonst einen der Schlag, so stockt die Zunge gewöhnlich, / Dieser, so lange gelähmt, schwatzt nur geläufiger fort.“

Goethe bezeichnete ihn als "Arschgeisterseher"

In seiner „Faust“-Dichtung lässt Goethe den Aufklärer, Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai auch noch als „Proktophantasmist“ die Bühne betreten, auf gut deutsch: als „Arschgeisterseher“. Goethe kannte wohl die „Berlinische Monatsschrift“, in der Nicolai 1799 über eine eigene psychische Erkrankung berichtete, die vermutlich auf Überarbeitung zurückzuführen war: Etwa zwei Monate lang litt er unter Halluzinationen, wurde plötzlich im Arbeitszimmer von seinem verstorbenen Sohn Samuel und anderen Bekannten heimgesucht. Ein Arzt verordnete die damals keineswegs ungewöhnliche Behandlung mit Blutegeln am After. Tatsächlich wurden die Geistererscheinungen mit der Zeit blasser und verschwanden schließlich ganz.

Als lächerliche Figur irrt er nun durch den Hexentanz der „Klassischen Walpurgisnacht“ und raunzt die Geister an: „Ihr seid noch immer da! nein, das ist unerhört. / Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!“ Der Aufklärer als humorloser Spaßverderber, fantasieloser Vernunftmensch, geschäftstüchtiger Literaturmanager – so ist Friedrich Nicolai in die Literaturgeschichte eingegangen. Zumal auch die nachfolgende jüngere Generation der Romantiker kein gutes Haar an ihm ließ. August Wilhelm Schlegel gab 1801 die von dem Berliner Philosophen Fichte verfasste Kampfschrift „Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen“ heraus, die vor bösartigen Attacken nur so strotzte: „Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermögen der Sprache und Schrift beibringen könnte und die Nicolaische Unverschämtheit, mit demselben Erfolge arbeiten würde als Nicolai.“

16 Berliner Buchhändler weigerten sich damals, Fichtes Pamphlet an ihre Kunden zu verkaufen, aus Respekt vor dem geschätzten Kollegen. Doch Nicolai, lebenslang ein Vorkämpfer für Meinungsfreiheit und lebendige Streitkultur, hatte kein Problem damit, das in Tübingen verlegte Buch in seiner eigenen Buchhandlung in der Brüderstraße 13 anzubieten. Kampferprobt parierte er alle Angriffe und verdiente damit auch noch gutes Geld.

Als Goethe und Schiller ihn in den „Xenien“ verhöhnten und damit den von Schiller herausgegebenen „Musenalmanach“ zu einem Bestseller machten, brachte Nicolai seine Replik unter dem verkaufsfördernden Titel „Anhang zu Schillers Musen-Almanach“ auf den Markt: „Ich danke Gott mit Saitenspiel, / Dass ich nicht Schiller-Goethe worden. / Ich wär geschmeichelt worden viel / Und wäre bald verdorben.“ Genervt schrieb Goethe an Schiller, dass „dem verwünschten Nicolai“ nichts Besseres hätte passieren können, als von ihnen werbewirksam attackiert zu werden.

Klassiker im Clinch: Auf der zeitgenössischen Karikatur schlägt Schiller Nicolai, am Boden liegt Herder, hinten links im Busch feixt Goethe.
Klassiker im Clinch: Auf der zeitgenössischen Karikatur schlägt Schiller Nicolai, am Boden liegt Herder, hinten links im Busch...

Goethe hasste den Berliner Aufklärer, seit dieser zwei Jahrzehnte zuvor eine Parodie auf seinen jugendlichen Geniestreich „Die Leiden des jungen Werthers“ verfasst hatte. Die Verherrlichung des Selbstmords als Ausweg aus gesellschaftlichen Missständen fand Nicolai moralisch bedenklich. In seinen „Freuden des jungen Werthers“ kuriert er den Helden von aller Schwärmerei. Werthers Rivale Albert lädt in die Pistolen, mit denen sich der Unglückliche erschießen will, Blasen voller Hühnerblut. Nach dem theatralischen Selbstmordversuch darf Werther die geliebte Lotte heiraten. Der brave Ehemann wird wohlhabend und genießt die bürgerliche Idylle auf seinem Gartengrundstück, bis ein größenwahnsinniger Nachbar alles unter Wasser setzt. Nicolais Botschaft: „Ein Genie ist ein schlechter Nachbar“. Der Angriff zielte nicht so sehr auf Goethes Buch, dessen literarische Qualitäten der Kritiker voll anerkannte, sondern mehr gegen das grassierende „Wertherfieber“ der Jugend.

Er und seine Freunde beherrschten das intellektuelle Leben

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beherrschten Nicolai, sein Verlag und seine Freunde – als „Nicolaiten“ verspottet – das intellektuelle Leben in Berlin. Damals stieg Berlin neben Leipzig zur zweitwichtigsten Verlagsstadt in Deutschland auf. Als Sohn eines Buchhändlers wurde Nicolai am 18. März 1733 in der Poststraße 4, im Nikolaiviertel, geboren. Noch regierte der grobe, despotische, aber das Staatswohl fördernde Friedrich Wilhelm I., der „Soldatenkönig“. Sein Nachfolger Friedrich der Große unterstützte ab 1740 die Literatur und die Künste, baute das Opernhaus und ein Theater für französische Schauspieler, lockte Voltaire und renommierte Wissenschaftler aus ganz Europa nach Berlin. Doch der König traute dem Deutschen keine rasche Entwicklung zu einer führenden europäischen Kultursprache zu. In der Berliner Akademie der Wissenschaften wurde französisch disputiert, in der Oper italienisch gesungen. Das Desinteresse des Hofes an der deutschen Sprache und Literatur war aber auch ein Glück, weil der aufgeklärte König gleichzeitig weitreichende Meinungsfreiheit garantierte. So konnte sich in Berlin eine bürgerliche Literaturszene ungehindert entfalten.

Nicolai wuchs im friderizianischen Berlin, in Halle und Frankfurt (Oder) auf. Dort stellten Werbeoffiziere dem groß gewachsenen Mann nach. Um dem Militärdienst zu entgehen, kehrte er 1752 nach Berlin zurück und trat in das väterliche Geschäft ein. Neben der kaufmännischen Lehre bildete er sich autodidaktisch durch Lesen und begann selbst zu schreiben. 1755 erregte Nicolai erstmals Aufsehen als Kulturkritiker durch sein Buch „Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland“. Darin rechnete Nicolai scharf mit dem provinziellen Zustand der deutschsprachigen Literatur ab und machte Vorschläge, „wie dem pedantischen Wesen, das unsern meisten Dichtern anhanget, abzuhelfen sei“. Er beklagte das Fehlen einer freigeistigen Literaturkritik, in der schonungslos die Mängel der publizierten Texte diskutiert würden.

Durch diese Schrift wurde Lessing, der sich damals als freier Autor und Kritiker in Berlin durchschlug, auf den jungen Buchhändler aufmerksam. Er machte Nicolai mit dem jüdischen Buchhalter einer Seidenfabrik bekannt, mit dem Lessing gerne Schach spielte: Moses Mendelssohn. Die drei Freigeister trafen sich fast täglich zum Meinungsstreit. 1757 gründeten sie eine erste kritische Zeitschrift, die „Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste“. Sie sollte Kunst und Geschmack der Deutschen durch Kritik verbessern: „Wir bitten, es nicht für Bitterkeit und Heftigkeit zu halten, wenn wir ein jedes Ding bei seinem Namen, einen elenden Schriftsteller einen elenden Schriftsteller und einen öden Kopf einen öden Kopf nennen.“ Um die Poeten auf Trab zu bringen, schrieb Nicolai einen mit 50 Talern dotierten jährlichen Preis für das beste deutsche Trauerspiel aus.

Im Jahr danach starb Nicolais älterer Bruder, er musste nun die Geschäftsführung der väterlichen Buchhandlung übernehmen. Eines seiner ersten erfolgreichen Verlagsprojekte waren die mit Lessing und Mendelssohn verfassten „Briefe, die neueste Litteratur betreffend“. Sie basierten auf den gemeinsamen Gesprächen: „Wir wollen uns keinen bestimmten Zweck vorstellen, wollen anfangen, wenn es uns gefällt, aufhören, wenn es uns gefällt, reden, wovon es uns gefällt; gerade so wie wir es machen, wenn wir zusammen plaudern.“ Internetblogs gab es damals nicht; also wählten die drei die Form von fiktiven Briefen an einen im Siebenjährigen Krieg verwundeten preußischen Offizier, die wöchentlich im Druck erschienen.

Nicolai machte die Verlagsbuchhandlung zu einem Unternehmen von europäischem Rang. Seine beste Kundin war Zarin Katharina II., die ihn mehrfach beauftragte, vollständige Bibliotheken zu Spezialthemen zusammenzustellen und nach Russland zu schicken. Für das Osteuropageschäft unterhielt die Firma eine Filiale in Stettin. Nicolais größtes Projekt aber diente der Entwicklung einer deutschsprachigen Nationalliteratur. Von 1765 bis 1805 redigierte und verlegte er die „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ in 256 Bänden. 400 von Nicolai angeworbene Rezensenten, darunter viele namhafte Autoren wie Herder oder der Freiherr von Knigge, stellten in dieser virtuellen Nationalbibliothek 80 000 Neuerscheinungen aus allen Sachgebieten vor. Deutschland war damals politisch, kulturell und wirtschaftlich in viele Einzelstaaten zersplittert, in denen die Zensur mal dieses, mal jenes Buch verbot. In vielen Städten gab es nicht einmal eine Buchhandlung. Durch die „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ erlebte sich das schreibende und lesende Deutschland als Einheit.

Mit Friedrich Wilhelm II. zog die Zensur an

Der Ort, an dem diese Utopie realisiert werden konnte, war das aufstrebende und liberale Berlin. Als jedoch Friedrich der Große 1786 starb und sein Nachfolger die Zensur verschärfte, geriet der Aufklärer Nicolai unter Druck. Friedrich Wilhelm II. adelte zwar die deutsche Sprache, indem er ein „Königliches Nationaltheater“ in Berlin gründete, doch wegen der Zensur musste die „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ 1792 bis 1800 in Kiel erscheinen. 1805, im Alter von 73 Jahren, teilte Nicolai den Mitarbeitern in einem bewegenden Rundschreiben mit, er sei halb blind und nicht mehr in der Lage, zwölf Stunden täglich zu arbeiten. Daher müsse nach 40 Jahren Schluss sein.

Nicolais rastlosem Fleiß verdankt Berlin den ersten brauchbaren Reiseführer und eine umfassende Stadttopografie dazu: die 1769 erschienene „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam“. Erfolgreich war er auch als Romancier. In „Leben und Meinungen des Herrn Sebaldus Nothanker“ zeichnet der Wirklichkeitsfanatiker ein ungeschöntes Gesellschaftsbild, stellt religiöse Engstirnigkeit, Aberglauben, Heuchelei und Schwärmerei an den Pranger.

Nicolai gehörte zu einem kleinen Kreis von Bürgern, die abseits des Hofes erstmals dafür sorgten, dass sich Berlin in Deutschland den Ruf einer Kulturmetropole erwarb. Seine Frau Makaria, mit der er acht Kinder hatte, war Gastgeberin eines Gesellschaftszirkels, Nicolai selbst gehörte der „Montagsgesellschaft“ an, einem exklusiven Club von Honoratioren, und der geheimen „Mittwochsgesellschaft“, in der die Anhänger der Aufklärung bis zur Selbstauflösung des Kreises 1794 debattierten. Sein Haus war ein Mittelpunkt des intellektuellen Lebens in Berlin. Das stattliche Wohn- und Verlagsgebäude in der Brüderstraße 13 erwarb er 1787 und ließ es von dem Maurermeister Karl Friedrich Zelter umbauen, einem engen Freund Goethes und Leiter der Berliner Singakademie. In der Brüderstraße lebte Nicolai bis zu seinem Tod am 8. Januar 1811. Die letzten Jahre waren überschattet vom Tod seiner Frau und aller Kinder, ab 1806 von der Einquartierung französischer Soldaten und dem Verlust des Vermögens unter napoleonischer Besatzung.

Sein Haus ist heute ungenutzt - es könnte ein Denkmal sein

Nicolai braucht kein Denkmal: Sein einstiges Haus, eines der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert, befindet sich heute im Besitz des Landes Berlin. Nur leider weiß die Kulturverwaltung damit nichts Rechtes anzufangen. Zuletzt befanden sich Büros des Stadtmuseums darin, zum Jahreswechsel wurde es leer geräumt und wartet auf einen neuen Nutzer. Berlin hat es dem Suhrkamp-Verlag angeboten, dort heißt es, ein Umzug aus dem vor einem Jahr bezogenen Quartier in Prenzlauer Berg seieine „Option“, es würden auch andere geprüft. Wer die endlosen Büroflure des Verlags in der Kastanienallee gesehen hat, weiß, dass das kleinteilige Nicolaihaus höchstens als repräsentative Suhrkamp-Dependance geeignet wäre.

Verkauft werden soll das Haus, weil die Kulturverwaltung die Einnahmen bereits verplant hat: für die Erweiterung des Stadtmuseums im günstiger gelegenen Marinehaus. Wenigstens steht das Nicolaihaus unter Denkmalschutz und soll, laut Auskunft der Kulturverwaltung, nur für eine kulturelle Nutzung abgegeben werden. Ein 2008 gegründeter Freundeskreis würde daraus gerne wieder ein Museum der Berliner Aufklärung machen. Das war es schon einmal: Nach dem Abriss von Lessings letzter Wohnadresse am Alexanderplatz zog 1910 das Lessing-Museum in die Brüderstraße 13. Von Bürgern getragen und von der Stadtverwaltung unterstützt, war es zugleich das erste Berliner Literaturhaus.

1936 wurde es geschlossen, die genauen Umstände liegen im Dunkeln. Sicher ist: Die nationalsozialistischen Machthaber zeigten kein Interesse, das Lessing-Museum im Nicolaihaus zu erhalten, als es in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Sie wurden damit den Ort der Erinnerung an das gemeinsame Eintreten eines Lessing, Nicolai und Mendelssohn für die Emanzipation der Juden auf bequeme Weise los. Viel spricht dafür, dass besonders jüdische Bürger dieses Haus unterstützten und wegen der Verfolgung durch die Nazis dazu nicht mehr in der Lage waren.

Das Nicolaihaus ist mindestens so wichtig für das Erinnerungsvermögen der Stadt wie die Ruinen des bürgerlichen Berlin, die derzeit vor dem Roten Rathaus ausgegraben werden. Das Hohenzollernschloss mit Steuergeldern wiederaufbauen und nebenan das bedeutendste Baudenkmal der bürgerlichen Aufklärung in den Liegenschaftsfonds abschieben, um es zu privatisieren – das passt einfach nicht zusammen.

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