Geschichte : Das Unglück der Binzer Brücke

30.07.2012 15:00 Uhrvon

Es ist ein Sommertag an der Ostsee. Tausende begrüßen die kaiserliche Flotte. Da kommt es am 28. Juli 1912 zur Katastrophe: Die Landungsbrücke bricht, 16 Urlauber sterben, weil sie nicht schwimmen können. Drei Monate später wird die DLRG gegründet.

Umsonst war an diesem Sommersonntag, in den übelsten ersten Minuten nach 18 Uhr 15, vielleicht wirklich nur der Tod. Für alles andere, ausgenommen Heldenmut, wurde erst einmal Geld verlangt.

Ein Unglück war geschehen. Selbstlose retteten, Selbstsüchtige taten das Ihre, in der Zeitung stand in den Tagen danach resigniert: „Korrekt sein, gepaart mit Egoismus, ist das Kennzeichen der Menschen unserer Zeit. Wenn die Korrektheit nicht so verzweifelt viel Schein wäre!“ Empörte Bürger hielten Protestversammlungen ab, forderten von den Oberen die rückhaltlose Aufklärung der Ereignisse, auf dass die ein paar Lehren daraus zögen und etwas an den Zuständen änderten, die zu jenem Unglück geführt hatten.

Auch die Verantwortlichen, wurde gefordert, möge man zur Rechenschaft ziehen. Untersuchungskommissionen wurden gebildet, betrieben Ursachenforschung und scheiterten daran, bis dann doch wieder nur einige Bürger die Dinge in die Hand nahmen. Sie gründeten eine Gesellschaft zur Vermeidung von Unglücken. Eine Lebensrettungsgesellschaft.

Wann ist das alles geschehen? Es ist 100 Jahre her. Da brach, am 28. Juli 1912, im Ostseebad Binz ein Teil der Seebrücke ein. Ein sieben Meter langes, drei Meter breites Loch tat sich im Bretterboden auf, mehr als 100 Menschen stürzten ins Wasser. 14 starben darin. Zwei weitere später, an den Folgen.

Die Sonne schien. Binz war voll. Zu dieser Zeit zählte der Ort mehr als 20 000 Urlauber übers Jahr – also jene, die über Nacht blieben, Kurtaxe bezahlten und das entsprechende Formular ausfüllten. Die meisten kamen im Sommer, ungefähr ein Viertel von ihnen stammte aus Berlin, aus jener Stadt, zu der damals noch nicht die Städte Lichtenberg, Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, Neukölln, Spandau und Cöpenick gehörten. Hinzu kamen in der Hochsaison tausende Tagesbesucher, besonders viele waren am 28. Juli angereist. Ein Pferderennen fand statt, schon allein deshalb war nach Auskunft des „Rügenschen Kreis- und Anzeigeblatts“ eine „unzählige Menge von Gästen nach Binz gelockt worden“. Und dann war auch noch die kaiserliche Marine da.

Kriegsschiffe ankerten vor Binz. Die „Preußen“ war angekündigt, die „Pommern“, „Hessen“, „Schlesien“, „Ostfriesland“ und „Thüringen“, Besichtigen war erlaubt. Die Zeitung „Fremdenliste Rügenscher Bäder“ hatte auf das Ereignis hingewiesen und auch auf das zu erwartende Gedränge. „Bei der letzten Anwesenheit der Kriegsschiffe haben die Prinz-Heinrich-Brücke an einem Nachmittag 15 000 Personen passiert.“

Die Prinz-Heinrich-Brücke. Stolz der Gemeinde, 600 Meter lang, auf Rügen hieß es: „in ihrer Art nicht nur längs der Ostseeküste, sondern in ganz Deutschland einzig“. Bei einer Sturmflut am Silvestertag 1904 zerstört und rasch wiederaufgebaut. Zehn Pfennig Gebühr für einmaliges Betreten, Gepäck extra, Kinder unter zehn Jahren frei. Jahrelang namenlos, bis im März 1910 Seine Majestät der Kaiser per Kabinettsordre genehmigte, dass sie nach seinem jüngeren Bruder heißen darf.

All das machte die Brücke aber nicht weniger fragil. Das Pferderennen war vorbei, viele der Besucher begaben sich auf den Heimweg, liefen zur Seebrücke, viertel nach sechs sollte dort der Rostocker Dampfer „Kronprinz Wilhelm“ anlegen. Er befuhr in der Hochsaison die Route Greifswald–Sassnitz, beförderte Menschen vom Festland auf die Insel und wieder zurück.

Das Schiff machte fest. Die ersten Passagiere gingen von Bord und versuchten, durch das Gedränge auf der Anlegeplattform zu gelangen. Dort standen mittlerweile 200 Wartende. Ein paar Minuten später waren 14 Menschen tot. Binzer, Greifswalder, Sachsen, eine Frau Ober-Magistratssekretär aus Kalkberg bei Rüdersdorf, ein Drogist aus Steglitz bei Berlin, ein Kapellmeister aus Greiz.

Ein Balken unter der Plattform war gebrochen. Darüberliegende Holzbohlen gaben nach, bildeten eine Art Trichter, die Menschen fielen hinein, drückten einander gegenseitig unter Wasser. Es war an dieser Stelle ungefähr fünf Meter tief. Überlebende, die später Augenzeugenberichte abgaben, schrieben ihre Rettung einer zu dieser Zeit seltenen Fähigkeit zu: Sie oder ihre Helfer waren in der Lage, unter dem Menschenknäuel durchzutauchen, anschließend wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen und dort auch zu bleiben. Höchstens einer von 20 Deutschen konnte damals schwimmen.

Der Landrat ließ ausrichten: „Seine Majestät der Kaiser und König ist über das Unglück tiefbewegt und hat mich beauftragt, den Hinterbliebenen der Verunglückten Allerhöchst Seine Teilnahme, den Verletzten die besten Wünsche für baldige Wiederherstellung zu übermitteln.“ Die Kronprinzessin wurde zur Unglücksstelle entsandt, im „Stettiner Generalanzeiger“ stand, dass sie „allerdings verspätet“ eintraf, „da sie unterwegs eine Automobilpanne hatte“.

Das Glück im Unglück von Binz bestand darin, dass die Kriegsschiffe in der Nähe waren. Eine Handvoll Matrosen, des Schwimmens kundig, rettete etwa die Hälfte der ins Meer gestürzten Menschen. Der Obermatrose Margott von der „Preußen“ rettete zehn, Matrose Boska acht, Scheidert vier, Marquardt neun, und Richard Römer, unerlaubt auf Wochenendurlaub in Binz weilender Sergeant einer in Groß-Lichterfelde bei Berlin stationierten Garde-Maschinengewehr-Abteilung, holte acht, möglicherweise aber auch zwölf Menschen aus dem Wasser. 86 Jahre später wurde in seinem Geburtsort, Hohenlimburg in Westfalen, eine Straße nach ihm benannt. „Richard-Römer-Str.“ steht weiß auf blau auf den Schildern. Darunter, etwas kleiner: „1888–1929, Lebensretter“.

Während diese Männer taten, was sie glaubten tun zu müssen, spielte sich oben auf der Brücke jenes Schauspiel aus „korrekt sein, gepaart mit Egoismus“ ab, das einen Zeitungsredakteur aus Stettin so empörte, dass er gar nicht mehr anders konnte, als sarkastisch zu werden. Er schrieb: „Wer will denn sagen, dass der ,Ober’ in Binz nicht korrekt gehandelt, der den Geretteten belebenden Kognak nur gegen gleich bare Bezahlung verabfolgen wollte?! Und dass man den helfenden Ärzten 10 Pfg. Brückengeld abverlangte: War das nicht korrekt? Und dass der Geschäftsführer eines Hotels den Geretteten kein Obdach gewährte, weil er keinen Platz hatte – wer wagt an der Korrektheit was auszusetzen?!“

Andere Zeitungen berichteten Ähnliches. So soll der Brückenkassierer nicht nur den heraneilenden Ärzten, sondern auch Geretteten den Brückenzoll abverlangt haben, Leuten, „die im Wasser natürlich ihre Billete und zum Teil auch Portemonnaies verloren hatten“. Der Kassierer „musste erst gewaltsam bei Seite gedrängt werden“.

Eine Zorneswelle schwappte durchs gesamte Land. Sie war auch nicht mehr aufzuhalten durch ein beschwichtigend gemeintes Schreiben des Binzer Amtsvorstehers, das die Kassiervorgänge auf der Brücke auf die allerersten und chaotischsten Unglücksminuten beschränkt sehen wollte. Auch komplett gegenteilige, meist den Schnapskasus betreffende Augenzeugenberichte verhallten ungehört, wie jener, der mit „A. S.“ unterzeichnet war. „Für die Verwundeten“, hieß es da, seien „übrigens von dem Inhaber des Restaurants auf der Brücke alle stärkenden Getränke als Kognak, Magenbitter etc. ohne Entgelt abgegeben“ worden.

Das Land war entsetzt, ein Greifswalder Student indes fühlte sich bestätigt. Er hieß Walter Bunner, und er hatte gewarnt. Der Name findet sich nicht auf den überlieferten Listen der Retter und der Geretteten von Binz, ein fünf Jahrzehnte später veröffentlichter Aufsatz eines Freundes allerdings weist ihn als einen der Helden von damals aus. Darin steht: „Bei der Erwähnung des Binzer Landungsbrückenunglücks blieb Bunners tatkräftiges retterisches Eingreifen unerwähnt.“

Bunner konnte schwimmen. Vor allem aber wollte er, dass alle anderen das auch könnten, am besten so gut, dass sie in der Lage wären, Ertrinkenden zu helfen. Als Mitglied im Deutschen Schwimm-Verband hatte Bunner gerade eine Rettungsschwimmerabteilung gegründet und offenbar rasch erkannt, dass so eine kleine Unterabteilung eines recht kleinen Verbandes nicht reichen würde. Ein eigener, großer Verein musste her. Das Unglück von Binz würde der bestmögliche Anlass dafür sein.

Gemeinsam mit einem Schwimmverbandsmitglied Walther Mang trieb Bunner die Gründung einer „Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft“ voran. Mang stammte aus Heidelberg, er schrieb im Jahrbuch des Schwimmverbands von 1912: „Mit erschreckender Regelmäßigkeit füllen die Berichte über die Bade- und Eislaufunfälle wochenlang eine besondere Spalte der Blätter, man liest gewohnheitsmäßig kurz darüber hinweg; nur wenn Menschenopfer dabei buchstäblich dutzendweise fallen – es klingt hart – wie beim Binzer Brückeneinsturz, hallt wieder einmal lauter und länger der Ruf nach Abhilfe.“

Mang, unterstützt von Bunner, rief am lautesten. „Schwimmen lernen!“, schrieb er, „Schwimmen lernen ist eine Pflicht, nicht schwimmen können ein Verbrechen gegen sich selbst und seinen Nächsten! Tue deine Pflicht! Sei kein Verbrecher!“

Im Juni 1913 schließlich stand im Amtsblatt des Deutschen Schwimm-Verbandes, in der Publikation „Der Deutsche Schwimmer“, ein Gründungsaufruf: „5000 Menschen ertrinken jährlich in Deutschland.“ Und: „Nach dem weltbekannten Beispiel der Londoner Royal Life Saving Society, deren Erfolge seit zwei Jahrzehnten ohnegleichen sind, will die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft eine weiteste Verbreitung sachgemäßer Kenntnisse und Fertigkeiten in Rettung und Wiederbelebung Ertrinkender herbeiführen.“ Und weiter: „Alle sollen mitarbeiten und helfen an diesem Werke, Vereine und Kameraden; an alle wenden wir uns mit der Bitte um Beitritt und Mithilfe.“

Die Gründungsversammlung fand im Oktober in Leipzig statt. Heute, 100 Jahre später, hat die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V. mehr als 1 100 000 Mitglieder und Förderer, sie ist die größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt. Von 1950 an – aus der Zeit davor sind keine verlässlichen Zahlen überliefert – hat sie mehr als 21 Millionen Schwimmprüfungen und mehr als vier Millionen Rettungsschwimmprüfungen abgenommen. 40 000 ihrer Mitglieder arbeiten im Wasserrettungsdienst, zusammen- und aufs Jahr gerechnet über 1,9 Millionen Stunden lang. Seit 1950 wurde millionenfach Erste Hilfe geleistet. 60 000 Menschen wurden vor dem Ertrinken gerettet. Das sind so viele Menschen, wie beispielsweise in Sindelfingen oder in Frankfurt an der Oder leben.

Vielleicht kann man es so sagen: Der Tod war umsonst an jenem Sommersonntag in Binz. Vergebens war er nicht.

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