Geschichte der Freien Universität : Das Wunder von Dahlem

Wie die Freie Universität sich vom Zentrum der Studentenrevolte zur Siegerin im Elitewettbewerb wandelte.

von
319389_0_48f249c7.jpg
Dahlem, am 19. Oktober 2007. Die FU erringt den Elitestatus. -Foto: Dirk Laessig

Es gibt Bilder, die sich in der Erinnerung fest verankern: Die Freie Universität ist die Universität der Studentenrevolte. Hier hat die Revolte 1965 früher als anderswo begonnen und länger als anderswo bis Mitte der 1980er Jahre gedauert. Sie hat die Hochschule radikaler verändert als in Frankfurt, Heidelberg oder Tübingen. Es gab keine andere Uni in Deutschland, die in der Öffentlichkeit als „Universität unter Hammer und Sichel“ gegeißelt wurde. Das taten konservative Professoren der Notgemeinschaft. Und es gab außer der FU und Bremen keine andere Universität, die linksradikale Studenten so entschieden als strategischen Ort nutzen wollten, um die Gesellschaft zu revolutionieren.

Heute ist sie Eliteuniversität. Wie war dieser Wandel möglich? Die internationalen Gutachter des Elitewettbewerbs, ausgewählt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Wissenschaftsrat, waren mit Sicherheit nicht in aller Welt zusammengesuchte Freunde der Studentenrevolte. Sie entschieden sich im Oktober 2007 für die FU, weil sie interessante Projekte in den Wettbewerb geschickt hatte und heute die kritische Masse an herausragenden Wissenschaftlern besitzt, um diese Projekte zum Erfolg zu führen.

Welch weiter Weg: Unter dem konservativen Präsidenten Dieter Heckelmann gelang um 1985 die erste Befriedung. Aber der brüchige Friede hatte seinen Preis. In den Fächern und Fachbereichen, in denen die Konservativen das Sagen hatten, blieb deren Hochburg unangetastet. Derselbe Grundsatz galt für die „linken“ Fächer. Das Ergebnis war die politisierte Proporzuniversität.

Überregional fiel die FU vor allem durch ihre Größe auf: 50 500 Studierende 1983, zu Beginn der 1990er Jahre 62 000. Einzelne Fächer erreichten die Größe kleiner Unis: die Germanisten mit 8000 Studierenden, die Politologen mit 5000. Die FU war zur Massenuniversität geworden. Als der Wissenschaftsrat bundesweit die Studiendauer verglich, erreichte sie einen Negativrekord. In 31 Studiengängen hatte sie die längsten Studienzeiten. In den für die Geisteswissenschaften typischen Magisterstudiengängen wurden im Durchschnitt 16 Semester erreicht, in den Diplomstudiengängen in den Naturwissenschaften 14,7. Die vorgegebenen neun Semester Regelstudienzeit standen nur auf dem Papier.

Auch in der Forschung bot die Freie Universität ein heterogenes Bild. Seit den 1970er Jahren glänzten die von der Politisierung verschonten Naturwissenschaften und die Medizin bei der Einwerbung von Drittmitteln und Sonderforschungsbereichen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften mit ihren Studentenmassen brachten es nicht zustande, auch nur einen Sonderforschungsbereich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt zu bekommen. Kurz vor der Wiedervereinigung im Jahr 1989 sicherten 13 Sonderforschungsbereiche der FU im westdeutschen Vergleich eine Position unter den führenden Universitäten. Aber deren Verteilung zeigte das alte Dilemma: vier Sonderforschungsbereiche in der Physik, vier in der Medizin, drei in der Chemie und je einer in der Biologie und den Geowissenschaften. Immerhin konnte die FU 1989 erstmals einen Sonderforschungsbereich in den Geisteswissenschaften vorweisen.

Noch behinderte die befriedete Proporzuniversität den existenziellen Zwang zur radikalen Veränderung. Erst die Wiedervereinigung brachte ein brutales Erwachen. Die Humboldt-Universität im Osten konnte nicht abgewickelt werden, weil Wilhelm von Humboldt 1809/1810 ein heute weltweit bewundertes Modell für die Hochschulen konzipiert hatte und die Universität auf eine Ehrenliste von 29 Nobelpreisträgern blicken konnte. Es lag nahe, die HU zu einer Eliteuniversität auszubauen.

Der damalige Wissenschaftssenator Manfred Erhardt (CDU) verfolgte diese Idee zugleich mit dem Hintergedanken, die „schwerfälligen Tanker“ im Westen – die Technische und die Freie Universität – auf Reformkurs zu bringen. Für die Humboldt-Universität wurde großzügig geplant: Ihre Naturwissenschaften erhielten mit den Forschungsinstituten der einstigen DDR-Akademie in Adlershof einen mit Milliardenkosten errichteten Campus. Die Freie Universität verlor zuerst das Klinikum Rudolf Virchow und 2001 das Klinikum Benjamin Franklin an die Charité. Aber dabei blieb es nicht. Es stellte sich heraus, dass Berlin die großen Visionen von einem gesamtdeutschen Wissenschaftszentrum nicht solide finanzieren konnte. Die Freie Universität musste ihren Bestand von 700 Professoren auf 368 reduzieren. Keine andere Berliner Universität hatte einen solchen Aderlass zu verkraften.

Doch das Wunder von Dahlem geschah: Nach kurzer Zeit des Jammerns wurden die Rivalitäten zwischen den Fraktionen beendet. Eine große Mehrheit verstand sich nur noch als Mitglied einer bedrohten Universität. Der linke Präsident Johann Wilhelm Gerlach (1991 bis 1998) setzte sich mit der Idee durch, die Freie Universität nach einer Analyse ihrer Stärken und Schwächen gesundzuschrumpfen. Der Erziehungswissenschaftler Hans Merkens vollbrachte die Herkulesaufgabe umfangreicher Anhörungen aller Fächer. Danach machte sich die Universität nach Jahrzehnten der Beschönigung ehrlich. Ohne diese Stärken-Schwächen-Analyse, die später wiederholt wurde, wäre die FU nicht in den Kreis der Eliteuniversitäten aufgerückt.

Eine Fülle von Reformen wurde in Gang gesetzt. Eine Universität, die sich im nationalen und internationalen Wettbewerb behaupten muss, braucht starke Präsidenten. Sie dürfen nicht durch Gremienproporz in ihrer Fähigkeit zu weitsichtigen Planungen behindert werden. Das sind die Grundgedanken, die die Freie und die Humboldt-Universität mit ihren Reformsatzungen von 1997 berücksichtigt haben. Sie ebneten den Weg für eine Neubesetzung der Kuratorien mit Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft und sicherten die strategischen Entscheidungen gegen Gruppeninteressen ab.

Die entscheidenden Wegbereiter dieser Reform waren die Präsidenten Johann Wilhelm Gerlach, Peter Gaehtgens und Dieter Lenzen. Unter Lenzen erreichte die FU als eine von bundesweit neun Spitzenunis den Elitestatus. Im Gegensatz zu den Jahren der Politisierung, als die Geistes- und Sozialwissenschaften schwächelten, sind sie heute die Stärke der FU. Im Exzellenzwettbewerb hat sie drei Graduiertenschulen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und zwei Exzellenzcluster als Großvorhaben der Forschung zugesprochen bekommen – alle aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Spannend wird es wieder in der in diesem Jahr startenden zweiten Runde des Wettbewerbs – ohne Lenzen, der im März an die Uni Hamburg wechselt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben