Geschichte : Griechischer Schein

Konstantin Simonides verkaufte, was der Zeitgeist verlangte: antike Manuskripte. Nur echt war das meiste nicht. 1848 landete der größte Fälscher des 19. Jahrhunderts seinen ersten Coup.

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Der Fälscher Konstantin Simonides.
Der Fälscher Konstantin Simonides.

Es ist ein Jahr der Zuspitzung in Europa: 1848 brennen Barrikaden, die Revolution ist in Berlin, Paris und Wien ausgebrochen. Das „Kommunistische Manifest“ erscheint. In Athen, der neuen Hauptstadt des unabhängigen Griechenland, haben sich die Aufstände gegen den aus Bayern gekommenen König Otto I. erschöpft, aber der Nationalismus schwelt weiter. Griechenland, ein Satellit des in voller Industrialisierung stehenden Nordens, ein Beispiel von modernem nation building. England, Frankreich und Russland haben die Türken aus Griechenland vertrieben, den neugriechischen Staat mit begründet und einen Deutschen auf den Thron gesetzt.

König Otto engagiert sich für die Kultur des Landes, das ihn nicht liebt. Er holt den Architekten Leo von Klenze nach Athen. Klenze kümmert sich um die Stadtplanung, entwirft ein Denkmalschutzgesetz, lässt Ruinen bewachen. Von Griechenland inspiriert, baut Klenze in München die Glyptothek, die Alte Pinakothek, die Propyläen. Sein berühmtestes Bauwerk ist die Walhalla in Regensburg: ein nordischer Olymp. „Im 19. Jahrhundert war die Nation ein Glaube, die Kunst gab ihr Ausdruck“, schreibt der Kunsthistoriker Jörg Traeger. Das gilt für Deutschland wie für Griechenland – zwei späte Nationen.

Kunstvolle Arbeit. Dieses gefälschte Matthäus-Evangelium wurde 1867 dem Museum von Liverpool geschenkt. Foto: Courtesy of the National Museums Liverpool
Kunstvolle Arbeit. Dieses gefälschte Matthäus-Evangelium wurde 1867 dem Museum von Liverpool geschenkt. Foto: Courtesy of the...

Der Fälscher lernt sein Handwerk im Kloster

Konstantin Simonides ist ein Kind der Unabhängigkeitsbewegung. Geboren wurde er 1820, ein Jahr vor Ausbruch des Befreiungskriegs, auf der kleinen Insel Symi nahe der türkischen Küste, sein Vater spielte im Aufstand gegen die osmanische Herrschaft eine wichtige Rolle. Er schickt seinen ältesten Sohn auf den Heiligen Berg Athos, in das geistige und kulturelle Zentrum der griechischen Orthodoxie. Konstantin zeigt schon früh künstlerisches Talent, auf dem Athos lernt er den Umgang mit alten Büchern und Manuskripten. Die Athos-Klöster bergen gewaltige Schätze – begehrt bei Forschungsreisenden, die wie Räuber bei den Mönchen einfallen. In dieser Zeit hat Simonides sein Initiationserlebnis: Er weiß, worauf die Manuskriptjäger aus sind, und beschließt, den Handel mit den Altertümern selbst in die Hand zu nehmen und so der griechischen Sache zu dienen.

1848 trifft er in Athen ein - und legt sich mit einem wichtigen Politiker an

Die Taschen voller antiquarischer Schriften – vieles davon ist echt, und noch mehr von ihm selbst bearbeitet – trifft er 1848 in Athen ein. Er schließt sich nationalistischen Zirkeln an, gründet eine eigene Zeitschrift, die „Athenais“, und taucht als Autor in anderen kurzlebigen Publikationen auf. Von Politik versteht er wenig. Sein Feld ist die Kultur, das Fälscherwerkzeug seine Waffe. Dabei wirkt er selbst wie ein Artefakt, mit seiner altertümlichen Sprechweise und seinem mönchischen Habitus. Er kommt vom Athos, aus einer Welt, wo die Zeit seit Jahrhunderten stehen geblieben ist.

Der Fälscher Simonides fühlt sich als Künstler, als Mittler zwischen der strahlenden griechischen Vergangenheit und der weniger glänzenden Gegenwart. Er debütiert mit einer Schrift über einen Mann namens Panselinos, der bereits Jahrhunderte zuvor die „Heliographie“ erfunden habe – und verlegt so die Erfindung der Fotografie nach Griechenland.

Sein nächster Streich zielt auf den Politiker Alexander Ritsos Rangabe. Rangabe war mit der Leitung des griechischen Unterrichtswesens betraut und Mitbegründer der Archäologischen Gesellschaft in Athen. Später wurde er Professor der Archäologie an der Universität der Hauptstadt, griechischer Gesandter in Washington, Paris und im Deutschen Reich.

Für Simonides ist der Mann ein Kollaborateur. Er plant, Rangabe als Parteigänger der Alliierten, als schlechten Patrioten und als Ränkeschmied bloßzustellen. Er fingiert einen Brief Rangabes an sich selbst, in dem der Politiker die beträchtliche Summe von 5000 Drachmen anbietet, wenn er seine Panselinos-Schrift zurückzöge. In der wildwuchernden Fantasie des Fälschers will der Politiker den Franzosen die Ehre der Entwicklung des fotografischen Verfahrens überlassen (die ihnen ohnehin zustand). Der Schwindel fliegt auf, Rangabe zeigt den Heißsporn an, die Affäre endet für Simonides mit einer kurzen Gefängnisstrafe.

Der Berg der Erkenntnis. Als Kind wird Simonides vom Vater in ein Kloster auf dem Berg Athos geschickt, wo er zu seiner Kunst findet. Foto: akg-images
Der Berg der Erkenntnis. Als Kind wird Simonides vom Vater in ein Kloster auf dem Berg Athos geschickt, wo er zu seiner Kunst...Foto: akg-images

Die Episode gibt einen guten Einblick in das Denken des Simonides: Er neigt zu einer hohen Einschätzung seines öffentlichen Einflusses. Er fürchtet weder Rang noch Namen. Und es ist bei ihm nicht mit einfacher Fälschung getan, er spezialisiert sich früh auf ausgeklügelte Lügenkomplexe. Er erfindet auch bedeutende Gönner: Eine unbekannte reiche Dame soll ihm seine Universitätsausbildung in Russland finanziert haben. In England veröffentlicht er 1859 unter falschem Namen eine in feierlichsten Tönen gehaltene Simonides-Biografie. In Leipzig und Berlin präsentiert er sich als armer Grieche, der von betrügerischen deutschen Theologen und Wissenschaftlern wie Konstantin Tischendorf, dem Entdecker der berühmten Sinai-Bibel, verfolgt wird. Simonides weiß, wie der Zeitgeist bedient werden will. Überall in Europa giert man nach Altertümern.

Auch in Athen. Dort tritt er auf mit einem Konvolut klassischer Pergamente, einer wahrhaft königlichen Sammlung griechischer Geistesgrößen, einer Greatest-Hits-Sammlung. Homer ist dabei, Anakreon und Pythagoras, Sappho und Hesiod. Das Königlich Griechische Ministerium des Kultus reagiert zwar mit Vorsicht. Doch die eingesetzten Kommissionen sind überfordert: Niemand verfügt über die paläografischen Kenntnisse, um das Material zuverlässig zu beurteilen. Über Jahrhunderte unter türkischer Herrschaft war die Verbindung zur Geschichte und zur eigenen Kultur unterbrochen, erst jetzt ist die Materie wieder im Fluss. Philologie wird zu Simonides’ Zeit wie vornehme Kurpfuscherei betrieben. Texte lässt man zur Ader, man verpasst ihnen Injektionen, Überständiges fällt der Amputation anheim. Es dauert Jahre, bis man in Athen die Simonides-Manuskripte als Fälschungen erkennt.

Eine neue Nation, eine neue Hauptstadt, eine neue Zeit und neue Professionen: Entdecker, Bewahrer, Übersetzer, Herausgeber und Händler alter Schriften, die all dem ein geistiges Rückgrat geben sollen. Und während sich die Professoren über die Manuskripte beugen, die Simonides vom Berg Athos mitgebracht hat, landet er den nächsten Coup.

Simonides beschreibt eine bislang unbekannte Philosophenschule - die es nie gab

Das Buch erscheint 1848 in Athen. „Symais. Die Geschichte der Schule des Apolloniados“. Ein Prachtwerk. 180 fein gedruckte Seiten, gespickt mit Fußnoten und Faksimiles archaischer Inschriften. Die überbordende Darstellung einer bislang unbekannten Gruppe von Philosophen, Mathematikern und Ingenieuren aus der Zeit des oströmischen Kaisers Theodosius II., der von 401 bis 450 n. Chr. lebte und die Universität von Konstantinopel neu begründet hat. Die Symais sei eine der bedeutendsten Akademien gewesen, die je in diesem Teil der Welt existiert haben. Verfasser des seltsamerweise lange verschollenen Werks ist ein Mönch namens Meletios von der Insel Chios aus dem 13. Jahrhundert. Wiederentdeckt und herausgegeben von Konstantin Simonides.

Symi also. Sein Geburtsort. Zu ihrer großen Zeit, schreibt Simonides im Vorwort, habe die Insel 9000 Einwohner gezählt, acht Tempel und Kirchen sowie sechs bedeutende Häfen. Ein wissenschaftliches Zentrum ohnegleichen. Auf das Konto eines gewissen Sebastus von Symi, so lesen wir, geht nicht nur die Erfindung des Papiers und des Teleskops. Er entwickelte auch ein optisches Instrument zur Erforschung des Meeresbodens, ein mit Dampf und Quecksilber betriebenes Schnellboot und Feuerkanonen für die Kriegsflotte. Ein anderer Meister, Peristratos von Rhodos, schuf eine frühe Form des Buchdrucks. Seinem Kollegen Anastasios von Milet verdanken wir die Taucherglocke und furchterregende Waffen, die den Feind mit heißer Luft vernichten. Der Mechaniker Eudupos ließ sich ein Kriegsschiff einfallen, das aus kranzförmigen Rohren ohne Unterlass Kugelblitze schleudert: Vorläufer des berühmten „griechischen Feuers“, einer Brandwaffe aus Harz, Kalk und Schwefel, das tatsächlich ab dem 8. Jahrhundert bei den Byzantinern zum Einsatz gegen die Araber kommt. Man fühlt sich an Leonardo da Vincis Katapulte, Kanonen und Belagerungsmaschinen erinnert.

Kulturbewahrer. Peter von Hess malte den Einzug des bayrischen Königs Otto I. in Athen vor dem Theseustempel und der Akropolis (großes Bild); der Monarch sorgte sich um antike Bauwerke. 1833 war Simonides (links oben) 13 Jahre alt. Foto: akg-images
Kulturbewahrer. Peter von Hess malte den Einzug des bayrischen Königs Otto I. in Athen vor dem Theseustempel und der Akropolis...Foto: picture-alliance / akg-images

Die genialen Inselgriechen waren aber nicht nur visionäre Waffenschmiede. Sie trieben auch die friedlich-poetische Kunst der Hagiografie, der Heiligenbiografien, zu einer Blüte. Neben dem neuen christlichen Glauben hielten sie alte Rituale aufrecht: Enten- und Taubenopfer am Strand, woran sich aufwendig choreografierte Sexorgien anschlossen. Von der Akademie von Symi sind, so lehrt diese Schrift, viele bedeutende Männer, Ingenieure, Künstler, Handwerker, überall hin ausgeschwärmt. Als Zweifel an der Echtheit der „Symais“ auftauchen, kontert Simonides: Wo käme man hin, würde man den großen Autoren der Antike das Vertrauen entziehen! Ebenso gut könne man ja die Akropolis niederreißen!

Englische Zeitungen melden zweimal seinen Tod

In dieser Grauzone zwischen nationalem Furor, Kunst und Antikekenntnissen blüht Simonides auf: Seine Kunden lassen sich gern täuschen, und er versteht es, Pakete mit Originalen und blendenden Fälschungen zu schnüren; ob es sich nun um byzantinische, hellenistische oder altägyptische Manuskripte und Papyri handelt, die er eines Tages in England an Sammler und Museen verkaufen wird. Schon der schieren Masse des Materials wegen gilt Simonides als der größte Fälscher des 19. Jahrhunderts.

1850 plant Simonides seine Abreise aus Athen. Der Boden wird ihm zu heiß. Seit seiner Jugend ist er umhergereist, eine unstete Künstlernatur, hochsensibel, leicht reizbar. Seine Verteidigungstechnik hat etwas Animalisches: Er stellt sich stumm und starr, wenn es ihm an den Kragen gehen soll und sucht dann schnell das Weite. Von Athen geht er nach Konstantinopel, beglückt dort muslimische wie christliche Würdenträger mit sensationellen Funden. Als der Schwindel auffliegt, ist er wieder auf dem Berg Athos, seinem Heimathafen, seiner Fälscherwerkstatt.

Englische Zeitungen werden eines Tages seinen Tod melden, allerdings zwei Mal im Abstand von 23 Jahren: 1867 soll er in Ägypten, 1890 in Albanien das Zeitliche gesegnet haben. Auch in unserem Jahrtausend taucht sein Name in der Presse auf, etwa 2008 als möglicher Fälscher des Papyrus des Artemidor, einer Rolle aus dem ersten Jahrhundert vor Christus: Das Stück wurde für rund drei Millionen Euro von einer italienischen Bank erworben. Der Fall ist noch nicht endgültig gelöst.

Der Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch des Autors, das am 24. Januar erscheint: „Die Odyssee des Fälschers – Die abenteuerliche Geschichte des Konstantin Simonides, der Europa zum Narren hielt und nebenbei die Antike erfand“, München, 208 Seiten, 16,99 Euro, Siedler Verlag.

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