Zeitung Heute : „Geschichte selbst ist so prägnant“

Voneinander lernen – ein Gespräch mit dem Berliner Architekten Sergei Tchoban

Herr Tchoban, Sie sind in St. Petersburg geboren. Was bedeutet Ihnen das Erbe dieser Stadt?

In erster Linie ist das die unglaubliche Atmosphäre, die ich von den ersten Kindestagen an spüren konnte. Es ist nicht nur eine stimmige städtebauliche Atmosphäre, sondern natürlich auch sehr stark mit Historie, mit kultureller Geschichte gefüllt. Die Häuser sind voller lebendiger Erinnerungen. Wir sind schon in den Schulzeit den Spuren Dostojewskis gefolgt. Das hat mit einem bestimmten Flair zu tun. Irgendetwas, das nicht existiert, aber trotzdem in der Luft liegt.

Nun ist St. Petersburg im Krieg in der Innenstadt zum Glück nicht zerstört worden.

Weniger zerstört worden. Es wurde damals – da muss man auch den deutschen Gefangenen danken – sehr schnell wieder aufgebaut. Auch das Haus, wo meine Familie lebte, wurde schon 1947 fachgerecht von deutschen Gefangenen aufgebaut.

Das überrascht mich deshalb, weil in Europa nach dem Krieg überall der Wunsch bestand, ganz neu zu bauen. Warum gab es das in St. Petersburg nicht? Obwohl doch in der späten Stalinzeit ungeheuer viel Neues gebaut wurde?

Das wundert mich, ehrlich gesagt, auch. Petersburg war in gewisser Weise Provinz, und in den Häusern lebten die realen und irrealen Welten nebeneinander. Als das Hotel „Angleterre“ neu gebaut werden sollte, gingen Tausende auf die Straßen, weil sie sich von dem Ort, an dem der Dichter Sergej Jessenin 1925 gestorben ist, nicht verabschieden wollten.

Sie leben seit 1996 in Berlin, kannten die Stadt auch schon zuvor. Wie hat es auf Sie gewirkt, in eine Stadt zu kommen, die so stark vom Krieg zerstört war und danach zu großen Teilen neu gebaut wurde?

Bevor ich nach Deutschland kam, war ich über die Kriegsfolgen nur sehr einseitig informiert. Ich wusste, dass die russischen Städte durch den Krieg teilweise stark zerstört worden waren, aber ich war mir absolut nicht im Klaren, wie stark Städte wie Frankfurt oder Dresden und natürlich auch Berlin gelitten hatten. Die Pracht Berlins vor dem Krieg war mir überhaupt nicht bewusst.

Seit der Wiedervereinigung Berlins wird darüber diskutiert, bestimmte Bauten originalgetreu zu rekonstruieren. Wie wirkt diese Diskussion auf Sie, der Sie in St. Petersburg den Aufbau zerstörter Substanz als selbstverständlich erlebt haben?

Wenn die Bürger meinen, bestimmte städtebauliche Symbole sollten wiedererrichtet werden, dann hat das für mich eine sehr hohe Priorität. In Russland stand dergleichen nie zur Debatte, nicht einmal beim Bernsteinzimmer. Es wurde alles nur nach Fotos wiederhergestellt. Mit anderen Worten: Es geht um das historische Gedächtnis. Es geht darum, dass Menschen der älteren Generation der jüngeren Generation weitergeben: Da war ein schöner Ort, so schön, dass der Verlust allzu schmerzhaft wäre.

Gilt das auch für das Berliner Schloss? Es ist vollständig beseitigt worden. Kann man es nach Fotos wieder aufbauen?

Manche behaupten, nur der alte Stein hätte Wert. Ich denke, bei der Architektur ist der Entwurf die Hauptsache. Wenn man nach alten Methoden arbeitet, dann hat das für mich Bestand, weil der Entwurf ja der alte ist. Ich war kürzlich in Dresden und habe die Frauenkirche gesehen. Ich muss ganz ehrlich sagen, das ist ein toller Ort geworden. Natürlich riecht das noch ein bisschen nach Farbe. Es ist immer noch neu. Aber das wird altern, und auf jeden Fall wird irgendwann der städtebauliche Gehalt den Farbgeruch überragen.

Die Ausstellung, die zu unserem Gespräch den Anlass gibt, zeigt die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da war das klassische Petersburg schon nahezu vollständig, während Berlin sich in dieser Zeit sehr stark gewandelt hat. Was haben beide Städte gemeinsam, und wo liegen die Unterschiede?

Die klaren Stadtstrukturen, die klaren Stadträume, die sind in beiden Zeitaltern, dem späten Barock und dem Klassizismus, etwa gleich gewesen. Natürlich hat Petersburg sehr viel vom Vorbild der Renaissance. Es wurde danach hauptsächlich in barocken Formen gebaut. Und zwar in einem üppigen Barock, weil das Licht in Petersburg nicht so stark ist wie in Italien. Deswegen musste man einzelne Teile noch stärker herausstellen. Die Architektur von Schinkel dagegen ist wesentlich strenger. Der Petersburger Klassizismus ist weniger streng, er ist heller, leuchtender. Aber das liegt wahrscheinlich auch an dem sehr gedämpften Licht. Eines ist wichtig: Die Architektur, die Petersburg geprägt hat, war zu ihrer Zeit immer die aktuellste. Das ist, als ob man heute Rem Koolhaas oder Zaha Hadid nach Petersburg holen würde!

Sie bauen selbst in Ihrer Heimatstadt. Wie verhalten Sie sich inmitten von so viel Geschichte?

Gut, Petersburg macht zwar den Eindruck, als sei die Stadt zu Ende gebaut. Das ist aber nur der engere Stadtkern. Es gibt viele stillgelegte Fabriken in unmittelbarer Nähe, es gibt komplett neue Gebiete, die geordnet werden müssen. Das „Rossia“-Gelände, das ich jetzt umplane, ist ein solches Gebiet. Da lautet die Grundsatzfrage: Wird die Struktur der Altstadt fortgeführt, oder wird nur die Höhe der Altstadt berücksichtigt? Das Schlimmste wäre, die traditionelle Skyline durch neue Bauten zu sprengen. Weil das Wesentliche, das aus meiner Sicht gerettet werden muss, die Höhenentwicklung ist. Also das niedrige, durch den dunklen, schweren Himmel geprägte Podium dieser Stadt, diese lange Linie, 22 Meter hoch, entlang der Newa, die nur durch einzelne Skulpturen, Türme und Kuppeln ganz leicht überspielt wird.

In Berlin gab es eine erbitterte Diskussion um die Traufhöhe.

Wenn man sich heute die Skyline von Berlin anschaut, dann sind etwa die Türme vom Potsdamer Platz hinzugekommen. Das ist etwas anderes als in Petersburg, wo die Altstadt von nur sehr wenigen zierlichen und silhouettebewussten Elementen geprägt wird. Das ist schon ein gravierender Unterschied. Die lebhafte Diskussion über die Weiterentwicklung in der Höhe kann ich in Berlin stärker nachvollziehen als in Petersburg.

Was bauen Sie, und wie fügt sich das in die Stadt ein?

Zum einen die Entwicklung des Fabrikgeländes „Rossia“, die bereits zur Gänze umgesetzt wird. Der zweite sehr wesentliche Entwurf ist die neue Stadtmesse mit 110 000 Quadratmetern Grundfläche. Und der dritte wesentliche Entwurf, sehr klassisch in der Stadttradition gehalten, ist das neue Rathaus, zusammen mit Jewgeni Gerassimow, meinem Partner in Petersburg.

Was unterscheidet das historische Bewusstsein Berlins von dem, das Sie aus Petersburg kennen?

Ich denke, das historische Bewusstsein ist in beiden Städten ähnlich. Wo wir leben, haben auch unsere Vorgänger gelebt und den Ort geprägt. Weil die Geschichte selbst so prägnant ist.

Und was können die beiden Städte voneinander lernen?

Die Qualität im Detail und die Qualität, Häuser denkmalgerecht zu sanieren – das könnte Petersburg von Berlin lernen. Was Berlin auch aus weniger bedeutenden Bauten herausholt, ist schon enorm. Und wie hier um jeden Hofwinkel gekämpft wird! In Petersburg sieht man die Tendenz, die Außenfassade als das Wichtigste zu behandeln. Da wird ein ganzer Innenhof einfach abgerissen, weil er unsere Witterungsverhältnisse nicht mehr aushält, obwohl er diese einmalige Geschichte in sich trägt. Da, meine ich, wird in Berlin aus Wenigem mehr gemacht. In Petersburg ist das Erbe größer, es wird jedoch schneller zunichtegemacht. Da kann Petersburg von Berlin lernen. Andererseits ist die Qualität der Durcharbeitung internationaler Wettbewerbe in Petersburg mittlerweile bemerkenswert hoch, denken Sie nur an den Wettbewerb für die Erweiterung des Mariinski-Theaters. Davon kann wiederum Berlin durchaus lernen.

Mit dem Architekten sprach Bernhard Schulz.

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