Zeitung Heute : Geschichtsstunde am Computer

Berliner Multimedia-Projekt macht Vergangenheit lebendig dpa Als vor fünf Jahren im September 1992 rechtsradikale Täter das Museum des KZs Sachsenhausen niederbrannten, war die Empörung in der Öffentlichkeit ebenso groß wie die Ratlosigkeit über das Motiv der Täter.Allein in Sachsenhausen, 35 Kilometer nördlich von Berlin, waren bis Kriegsende 204 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, die Hälfte von ihnen wurde umgebracht.Das Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" wurde weltweit zum Symbol der rassischen und politischen Verfolgung im Dritten Reich. Wie soll man das Erinnern wachhalten, wie soll man kommenden Generationen das Leiden und die Grausamkeiten vermitteln, die in Sachsenhausen und anderswo begangen wurden? Eine ungewöhnliche Antwort fand die Berliner Multimedia-Agentur Pixelpark.Hier wurde die Idee "CAMP ­ eine Hinterlassenschaft der Nazis in Europa" von Jürgen Bürstenbinder entwickelt, der bei Pixelpark für Forschung und Entwicklung zuständig ist.Gemeinsam mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Sachsenhausen und der Fachhochschule Potsdam erarbeitete Pixelpark das Konzept eines "europäischen Medienservers", von dem aus Dokumente über Sachsenhausen abgerufen werden können.Entwickelt wurde eine Internetanwendung und eine CD-ROM.Hier werden die Erinnerungen der Verfolgten bewahrt.Nicht abstrakte Dokumente sind gespeichert, sondern Interviews mit den Überlebenden.Grundidee des Projekts war es, stets vom Einzelschicksal auszugehen. Hier kommt Heinz Wollmann zu Wort, der 1920 als Sohn eines jüdischen Schneiders in Frankfurt/Oder geboren wurde.Zusammen mit seinem Vater wurde er bei den Pogromnächten im November 1938 mit seinem Vater verhaftet und ins KZ Sachsenhausen eingeliefert.Der Vater kam wieder frei, nachdem sich die Mutter einverstanden erklärt hatte, das Haus der Familie zu verkaufen und nach Palästina auszuwandern.Der Sohn wurde derweil als "Pfand" in Haft gehalten und dort so gequält, daß er sein linkes Auge und alle Zähne verlor.Wollmann schildert den Häftlingsalltag in Sachsenhausen. "Die Internet-Seite kann einen Besuch in einem KZ natürlich nicht ersetzen, aber sie kann ihn vorbereiten", so Jürgen Bürstenbinder."Außerdem erreichen wir über dieses Medium genau unsere Zielgruppe, nämlich junge Menschen." Pixelpark, ein Tochterunternehmen von Bertelsmann, hat für "CAMP ­ eine Hinterlassenschaft der Nazis in Europa" europäische Partner gefunden.Sowohl Epsilon Software in Griechenland als auch Oxford Computer Consultants aus Großbritannien haben sich beteiligt. Auch die Europäische Union leistet im Rahmen ihres Programms "Info 2000 ­ kulturelles Erbe" Anschubfinanzierung für das Projekt.Voraussetzung für eine Förderung ist normalerweise, daß die Vorhaben auf Gewinn ausgerichtet sind.CAMP war das einzige Projekt, bei dem wegen seiner Bedeutung nicht auf Gewinnorientierung geachtet wurde, denn die erwirtschafteten Erlöse werden in die Weiterentwicklung investiert.Pixelpark-Geschäftsführer Paulus Neef: "Wir unterstützen das Projekt nicht aus klassischen Sponsoring-Gründen, für den puren Imagegewinn also, sondern weil es eine sinnvolle Aufgabe ist." Nächster Schritt ist ein europäischer Medienserver.Gemeinsam mit anderen Gedenkstätten wie Yad Vashem in Jerusalem, dem Holocaust Museum in Washington, Mauthausen in Österreich oder Vugt in den Niederlanden könnte in fünf Jahren 50 000 vorhandene und 10 000 neue Dokumente verfügbar gemacht werden.Diese Interviews, Fotos aus Privatbesitz oder Originaltöne können die Vergangenheit wieder lebendig machen.

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