Zeitung Heute : Geschrumpft, aber noch nicht gesund

DIETMAR WENCK

Immerhin: Das Internationale Olympische Komitee schrumpft.Gestern abend hat das oberste IOC-Gremium beantragt, sieben Mitglieder wegen des Bestechungsskandals um Salt Lake City zu suspendieren.Zwei waren vorher von sich aus zurückgetreten, eines gestorben.Jetzt wird alles gut, wollen die Herren der Olympischen Ringe glauben machen.Seht her: Die schwarzen Schafe sind weg.Kritische Betrachter gewinnen der Verkleinerung des IOC von 115 auf 105 Mitglieder vor allem eines ab: Künftige Olympia-Bewerber sparen viel Geld, Diamanten, Stipendien.Und benötigen weniger Dossiers über die sexuellen Neigungen der Lebenslustigen vom Olymp.In Salt Lake City, so heißt es, wurden rund 800 000 Dollar bewegt, um die empfänglichen Herrschaften von der richtigen Wahl zu überzeugen.

Zynismus? Mag sein, aber darüber dürfen sich Juan Antonio Samaranch und sein Gefolge nicht beklagen.Auch nicht darüber, daß nur noch 14 Prozent der Deutschen für den Fortbestand des IOC sind.Die Geheimloge ist aufgeflogen.Bei sportlichen Entscheidungen rennt, schwimmt und radelt längst der Gedanke mit, wer von den Teilnehmern wohl gedopt sein mag.Doch nicht einmal die Olympischen Spiele werden im fairen Wettstreit vergeben, sondern mit Hilfe krimineller Methoden.Es gibt sogar Agenten, die Stimmen für Millionen von Dollar feilbieten.Seitdem Samaranch vor 19 Jahren IOC-Präsident wurde, wuchsen zwar die Gewinne der Spiele ins Gigantische, doch im Gegenzug schrumpfte der Rest an Glaubwürdigkeit der olympischen Ideale.Nach außen wurde der Schein vom sauberen Sport vehement verteidigt.Wie schäbig und korrupt diese feine Gesellschaft in Wahrheit ist, wird von Tag zu Tag deutlicher.

Salt Lake City ist der Anfang.Aus Sydney kommen täglich neue Meldungen über Vorteilsannahmen und Bestechungsversuche.In Nagano ist Samaranch reich beschenkt worden.Unterlagen über seine Kollegen sind, ähnlich wie seinerzeit in Berlin, zu einem großen Teil verschwunden.Warum wohl? Der Schweizer Marc Hodler hat die Korruptionsaffäre im Dezember 1998 an die Öffentlichkeit gebracht.Er sagt, er kenne keine Stadt, die Olympische Spiele in unangreifbarer Weise zugesprochen bekommen habe.Hodler ist seit 1963 Mitglied im erlauchten Kreis, der zuvor kaum etwas nach außen dringen ließ.Daß in Lausanne das IOC über das IOC zu Gericht saß, spricht Bände über das Selbstverständnis der Olympier.Nichts fürchten sie mehr, als daß FBI oder Staatsanwälte weitere unangenehme Wahrheiten zutage fördern könnten.Die Situation gerät dem IOC außer Kontrolle.

Die Hauptverantwortung für den Scherbenhaufen, vor dem der gesamte Sport steht, trägt Samaranch.Der Spanier hatte bei der Auswahl von mehr als 80 Prozent der IOC-Mitglieder das entscheidende Wort.Wer glaubt ihm, von nichts gewußt zu haben? Noch hat keiner der Vasallen Stellung gegen Samaranch bezogen.Kein Wunder - wer sich gegen ihn erhebt, muß es mit vier Fünfteln des Komitees aufnehmen.Ein solches Unterfangen wäre gleichzusetzen mit dem sportpolitischen Freitod.

Doch jetzt spricht viel dafür, daß seine Ära endet.Vielleicht läßt ihn gerade das stolpern, was ihn so lange unangreifbar machte.Das IOC ist unter seiner Führung reich geworden, das Vermögen wird auf über 200 Millionen Dollar geschätzt.Nun machen die milliardenschweren Sponsoren Druck.Sie wollen kein Kartell, sondern sauberen Sport und saubere Olympia-Orte.Samaranch hat vor lauter Geldanhäufen übersehen, daß die teure Ware unter seiner Obhut schlecht wurde.Das Organisations-Komitee in Salt Lake City sorgt sich ums Budget.Geldgeber drohen mit Rückzug.Gescheiterte Olympia-Kandidaten fordern Entschädigung.Das Kartenhaus des Kommerzes wankt - und damit Samaranch.

Anfang Februar trifft sich der Sport zur Welt-Doping-Konferenz.Dort soll ausgerechnet der IOC-Präsident den Athleten klarmachen, daß Lug und Betrug im Sport nichts verloren haben.Immer lauter werden die Stimmen, die neutrale Kontrollen, ja demokratische Strukturen im IOC fordern.Das ist mit Samaranch, dem ehemaligen Gefolgsmann des Diktators Franco, wohl ebenso schwer zu realisieren wie die Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit.Gesundgeschrumpft hat sich das Internationale Olympische Komitee noch nicht.

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