Zeitung Heute : Geschwister Grimms

40 Jahre haben sie fürs A gebraucht. Nun ist endlich das B dran. In Berlin schreiben Forscher still das Deutsche Wörterbuch weiter

Kerstin Decker

Das nach Marcel Reich-Ranicki „allerwichtigste Buch in deutscher Sprache“ heißt „Deutsches Wörterbuch“ und verfügt über 68 000 Spalten. Seine Autoren kennt jedes Kind, auch wenn es Bücher mit 68 000 Spalten nur ausnahmsweise liest. Denn das „Deutsche Wörterbuch“ ist von den Brüdern Grimm. Vor genau 169 Jahren hatten die beiden die „Wörterbuch“-Idee. Eine „Naturgeschichte“ der Wörter sollte das werden, von ihrer Geburt bis zum Tode. Auch Wörter sind sterblich.

Auf einem Türschild in der Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt steht „Deutsches Wörterbuch“. Nächste Tür, gleicher Befund: „Deutsches Wörterbuch“. Und an der nächsten. An der übernächsten auch. 169 Jahre. Ja, ist das Wörterbuch denn noch immer nicht fertig?

„Grimm“, stellt sich eine freundliche Frau vor, die keinesfalls 169 sein kann. Für eine Wörtersammlerin ist sie von irritierender Lebendigkeit. Ja, natürlich sei das hier die Redaktion des „Grimm“, und sie selbst habe soeben die Bearbeitung des Wortes „Bahre“ beendet. Demnach befindet sie sich beim Buchstaben B? Genau, bestätigt Frau Grimm mit einer gewissen Euphorie, wir befinden uns nun alle beim Buchstaben B, und nach den Jahrzehnten mit A sei das eine große Abwechslung.

Was bringt Menschen nur dazu, ihr halbes Leben einem einzigen Buchstaben zu widmen? Ist das Fron oder Glück?

Frau Grimm scheint die Irritation zu spüren und erklärt sehr behutsam, dass sie natürlich nur zufällig Grimm heiße, Christina Grimm. Bücher dieser Art haben es an sich, dass sie erst in zweiter Auflage richtig gut werden, ergänzt sehr bestimmt der Mann neben Christina Grimm, das habe schon Jacob Grimm gewusst. Peter Schmitt trägt ein strenges, dunkles Stehkragensakko. Nicht nur das gibt ihm etwas Priesterliches. Auch dieser durch nichts zu irritierende Ernst des Sprechens. Bücher also müssen reifen, wiewohl auch Jacob Grimm geglaubt habe, in vier Jahren mit dem Wörterbuch fertig zu sein, vorausgesetzt, er und sein Bruder arbeiteten täglich zwei Stunden daran. Und dann hat es doch länger gedauert, sagt Schmitt. Über hundert Jahre. Nicht der Anflug eines Lächelns. Schmitts Züge haben die Beweglichkeit der 68 000 Wörterbuchspalten. Aber er hat recht. Der erste Band des Wörterbuchs erschien 1854, und die Autoren kamen gerade mal von A bis B wie Biermolke. Der nächste Band fing mit „Biermörder“ an. Wilhelm Grimm ist schließlich über dem D gestorben, Jacob später über F wie „Frucht“. Und Jacob arbeitete nicht zwei Stunden pro Tag am Wörterbuch, sondern zwölf.

Nachher wird Peter Schmitt in der Bibliothek ein großes, uraltes Buch aus dem Schrank nehmen, vielleicht noch aus Grimm’schem Besitz und so schwer, dass man es mit beiden Händen festhalten muss. Es ist Stielers „Der teutschen Sprache Stammbaum“ von 1691. Schmitt schlägt es mit sicherem Griff auf und deutet auf eine Stelle: „Wen strengen Richterspruch zur langen Qual verteilt“, steht da, „… den darf kein Zuchthaus nicht der Kräfte Mark entädern; Man laß’ ein Wörterbuch nur den Verdamten schreiben. Dies’ Angst wird wol der Kern von allen Martern bleiben.“ Schmitt nickt voll stummem Einverständnis. Die Chinesinnen würden das bestimmt auch so sehen. Denn die mussten vor ein paar Jahren das „Deutsche Wörterbuch“ abtippen, um es zu digitalisieren. 300 Millionen Zeichen! Leider konnten die Chinesinnen kein Deutsch, weshalb sie gleich zwei komplette Fassungen herstellten, zur Sicherheit. Die wurden verglichen und weiterverarbeitet. Das Ergebnis waren zwei schöne CDs, mit Leineneinband im Schuber, erhältlich bei „2001“ für nur 49 Euro. Schließlich feierte das Land vor drei Jahren das einhundertfünfzigjährige Jubiläum des Erscheinens des ersten Wörterbuchbandes, von A bis B wie Biermolke. Aber warum sind Schmitt und seine zwölf Mitarbeiter schon wieder bei B, wenn die Grimms da schon waren?

Weil, sagt der Altgermanist, der zuvor ein Urkundenwörterbuch des 13. Jahrhunderts verantwortete, die Sprache sich weiterentwickelt hat. Neue Worte sind geboren worden, andere sind gestorben. Zudem sei die Materialbasis eine ganz andere geworden. Drei Millionen Karteikarten müssen ausgewertet werden. Darauf stehen die Wörter, gefunden auf bedrucktem Papier aller Art, von der Zeitung bis zum Sachbuch. Dazu kurze Belegstelle und Quelle. Mindestens 30 Nachweise braucht ein Wort, um aufgenommen zu werden. Als die Grimms 1849 richtig anfingen zu arbeiten, hatten sie nur 600 000 Belegzettel. Moment mal, Schmitt greift hinter sich, und öffnet ein paar Umschläge. Hier, das sind Zettel der Grimms, sagt Schmitt und reicht ein paar fast durchsichtige Blättchen herüber, auf ein etwas dickeres Blatt geklebt und mit dünner schwarzer Tinte beschriftet. Christina Grimm besieht das erste Blatt. „Die Klaue von Jacob kann doch kein Mensch lesen!“, sagt sie. Sie entziffert „zwagen“ und „gumpeln“, „aus allen Schüsseln zwacken“ oder „aufleinen“. Bei „aufleinen“ geht ein Leuchten über Schmitts Gesicht. „Aufleinen“ hat ihn extrem viel Zeit gekostet. „Aufleinen“ ist ein irgendwann ausgestorbenes Wort für „Auftauen“, auch im Sinn von „Verschwinden“. Drei Herleitungen hatte Jacob Grimm für „Aufleinen“. Die wahrscheinlich alle drei nicht stimmen, sagt Schmitt und lächelt, zum allerersten Mal. Es ist kein Siegerlächeln, eher ein Jacob-und-ich-Lächeln, ein Wir-Philologen-Lächeln. Peter Schmitt mag Jacob wirklich, obwohl seine Handschrift eindeutig schlampiger ist als die Wilhelms. Bis in die Schrift hinein verrät sich der Typus: der Künstler im Philologen. Was ein Mitgrund dafür ist, dass seine Arbeit nun ersetzt wird.

Zwar ist das Grimm’sche Wörterbuch Vorbild für alle derartigen Vorhaben weltweit geworden, erst recht für das große Oxford English Dictionary, aber die Grimm’sche Subjektivität scheint den Heutigen nicht mehr tragbar. Zu unsystematisch. Jacobs Artikel zu den Wörtern sind kleine Essays. Wahrscheinlich darum bekannte Thomas Mann, nichts lieber zu lesen als das Grimm’sche Wörterbuch. Denn es sei doch viel, viel mehr als ein Wörterbuch. Das soll sich nun ändern.

Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war der „Grimm“ zum ersten Mal fertig – zuletzt ein Ost-West-Gemeinschaftsprojekt zwischen Ost-Berlin und Göttingen. Denn auch wenn die beiden Deutschländer nicht mehr viel verband, so doch die Sprache. Der letzte bearbeitete Buchstabe hieß nicht Z, sondern W wie „Weg(zwitschern)-zwiesel“. 32 Bände, 320 000 Stichwörter. Und kaum war „Wikingerzug“ fertig – das allerletzte Wort –, fingen die Göttinger und die Ost-Berliner wieder von vorn an, so war es längst verabredet. Aber wer macht was? Jacob sprach einst zu Wilhelm: Nimm du B, lass mich A machen! – Wilhelm zu Jacob: Das B kommt mir zu balde, lass mich D nehmen! Jetzt nahmen die Ost-Berliner A bis C und die Göttinger D bis F. Göttingen wird noch dieses Jahr mit F fertig, aber das sei auch keine Kunst, sagt Schmitt. Niemand könne ermessen, was das A für ein Buchstabe sei. Der umfasst 17 Prozent des Alphabets. Allein das Wort „auch“… Achttausend Belegstellen! Fast ein halbes Jahr Arbeit. Das „auch“ im Wandel seiner Bedeutung. Schmitt schreibt gerade die Einleitung zu B nach über 40 Jahren A.

Die Ostler hatten es jedoch schwerer, auch weil die DDR bald Mitarbeiter vom „Grimm“ abzog. Er war ihr doch zu bildungsbürgerlich. Die DDR wollte lieber ein Lexikon der Gegenwartssprache mit vielen sozialistischen Gegenwartswörtern. Dass etwas bei den Grimms nicht stimmte, erkannte sie auch daran, dass keiner von denen in der Partei war. Christina Grimm kann noch heute so gucken. 1982 ist die junge Deutschlehrerin von einer Lichtenberger Schule zum „Grimm“ geflohen. Sie sollte Jungen der fünften Klasse überreden, Offizier der NVA zu werden. Das Wörterbuch hat sie gerettet.

Nichts gegen Jacob, aber da fehlen doch Wörter. „Cultur“ zum Beispiel. Überhaupt Fremdwörter. „Armee“ allerdings vermerkt Jacob Grimm mit dem Kommentar: „ARMEE, … ein mit dem feind überall vorgedrungenes, völlig entbehrliches wort, das unsere sprache längst mit heer und haufen hätte zurückschlagen sollen.“ Natürlich mochte Jacob Grimm das Wort „Armee“ nicht, schließlich schrieb er hier ein deutsches Wörterbuch. Die Grimms waren der Auffassung, dass die Wurzeln der Wörter bis ins Herz der Dinge reichen. Allein die Sprache scheide die Völker, glaubte er. Das ist keine ganz reaktionäre Ansicht, denn sie macht die Dinge einfach: Andersredende, sagte Grimm, dürfen nicht erobert werden. Schmitt lächelt wieder. Ein völlig entbehrliches Wort … Solche Empfehlungen darf er nicht mehr aussprechen. Gar keine.

Die Wortsammler gehen hinüber in die Bibliothek. Ein jüngerer Mitarbeiter in Existenzialisten-Schwarz kommt herein, das ist der „Bagel“-Mann. Marco Scheider hat herausgefunden, dass „Bagel“ eigentlich ein deutsches Wort ist, und zwar ein althochdeutsches. Juden haben es als „Bejgl“ mitgenommen nach Osteuropa, von dort ist es mit ihnen nach Amerika ausgewandert, und nun ist es wieder zurückgekehrt. Es kommt auch von „beugen“, ein „rundes Gebäck“ also. Marco Scheider schaut wie ein Meisterdetektiv. Er ist ein Wörterdetektiv, das ist spannender. Nur Nichtphilologen fürchten sich vor drei Millionen Karteikarten. Der Computerspezialist des Hauses kommt, er will mit dem Bagel-Mann zum Fußball gehen und hat den gut gelaunten Blick von Menschen, die wissen, dass ihnen die Zukunft gehört. Und was wir hier noch alles digitalisieren werden, nicht wahr, Herr Schmitt? Vielleicht die ganze Bibliothek, und die drei Millionen Karteikarten, und die Buchstaben A bis F, wenn sie 2012 fertig sind – oder vielmehr: fertig sein müssen. Peter Schmitt nickt traurig. Er mag gar nicht an das Jahr 2012 denken. Dann werden die drei Original-Grimm-Bände durch neun neue ersetzt sein. Die beiden Fußballer gehen, der Erforscher altdeutscher Gesetzesbücher nimmt eines der Bücher aus dem Regal, die vielleicht schon Jacob und Wilhelm gehörten, und sagt halblaut, mehr zu sich: Aber es ist nicht dasselbe!

Die wahre Welt, wussten die Grimms ebenso wie Peter Schmitt, ist die Welt, wie sie zwischen zwei möglichst alte Buchdeckel passt und nicht auf eine Festplatte.

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