Zeitung Heute : Gesellig werden

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Am vergangenen Wochenende waren wir voll in Emmas Terminplanung eingespannt. Als ich noch allein durchs Leben gegangen bin und locker die Nächte durchgemacht habe, hätte ich mir nie vorstellen können, wie anstrengend dagegen das Freizeitleben eines Kleinkinds sein kann – für Eltern. Aber am Sonntagabend war ich echt gerädert.

Ich will hier gar nicht von den festen Programmpunkten eines gewöhnlichen Tagesablaufs reden (6.30 Uhr: ausgeschlafen sein und am Bettgitter rütteln, 6.33 Uhr: ersten Butterkeks anknabbern und die Krümel in den elterlichen Laken verteilen, 6.37 Uhr: Papa mit scharfer Kekskante in die Augen stechen usw.), sondern von den außerplanmäßigen Verabredungen, die wir für unsere Tochter treffen, um ihre soziale Kompetenz zu schulen.

Am Sonnabend stand Jules erster Geburtstag auf dem Programm. Jule und Emma haben sich bei der Rückbildungsgymnastik ihrer Mütter kennen gelernt. Babys können sich ihre Freunde ja nicht selbst aussuchen, über ihren gesellschaftlichen Umgang entscheiden vorläufig noch die Eltern. Auch dies ist allerdings nur ein vorübergehendes Privileg, dessen erzieherische Wirkung auch bei gewissenhaftester Ausübung vollkommen unkalkulierbar bleibt.

Wie sich überhaupt auf Jules Geburtstagsparty einmal mehr zeigte, dass es mit sozialem Bewusstsein bei Einjährigen nicht weit her ist. Jule, das Geburtstagskind, zeigte sich wenig beeindruckt von der allgemeinen Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde. Und auch die übrigen Gäste amüsierten sich eher auf Kosten der anderen als miteinander. Emma beschäftigte sich zu allererst damit, so viel von dem herumliegenden Spielzeug an sich zu reißen, bis in ihrem Schoß kein Platz mehr war und die anderen Kinder ins Leere starrten, bevor sie entdeckte, dass Karl – ein Einjähriger, der Emma um mindestens vier Kilo überlegen ist – auf einem roten Stuhl saß und sie nicht. Achtlos kehrte sie ihrer Spielzeugbeute den Rücken und rüttelte so lange an dem Stuhl, bis Karl der Große seinen Thron räumte und ohne sichtbare Gemütsregung davonkrabbelte.

Bei Kaffee und Kuchen verfolgten wir Erwachsenen das Schauspiel unserer wilden Nachfahren, eine Abfolge unfreiwilliger Besitzwechsel, friedvoller Pausen selbstbezogener Ignoranz und körperlichen Annäherungsversuchen, die meistens für eine Partei schmerzhaft endeten und stellten fest, dass wir noch eine Menge zu tun haben, unsere Kinder zu sozialen Wesen zu erziehen.

Am Sonntag ging das Kinderprogramm bei uns zu Hause weiter. Meine Frau hatte einige Kinder und ihre Eltern vom Babyschwimmen eingeladen. Diesmal ging es schon etwas friedlicher zu, wer Sport treibt, ist eben entspannter. Trotzdem brauche ich jetzt ein bisschen Erholung. Am nächsten Wochenende wird Emma ein Jahr alt. Wir haben uns für eine ganz kleine Party im engsten Familienkreis entscheiden.

Im Labyrinth-Kindermuseum in der Fabrik Osloer Straße 12 in Wedding können Kinder zwischen 3 bis 12 Jahren ihre Geburtstagspartys feiern. Es gibt einen geschmückten Raum und pädagogisch geschulte Betreuerinnen. Nähere Auskünfte erteilt Regina Backhaus unter Tel. 499 131 56.

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