Zeitung Heute : Gespenster erschrecken

VOLKSBÜHNE David Marton umkreist in „Das Schottenstück. Konzert für Macbeth“ ein mörderisches Paar.

PATRICK WILDERMANN

Den Titel des Stücks zu nennen, bringt Unglück. In England gehört das zum Fundus des Bühnenaberglaubens, wie bei uns das verpönte Pfeifen. Statt „Macbeth“ schreibt man also „The Scottish Play“ auf die Plakate. Entsprechend heißt auch der Shakespeare-Abend, den David Marton an der Volksbühne zur Premiere bringt, „Das Schottenstück. Konzert für Macbeth“. Nicht, dass der ungarische Regisseur besondere Antennen fürs Esoterische hätte. Er versucht, sagt er, ein rationaler Mensch zu sein. Aber er gibt zu bedenken: „Unser Leben ist durchwoben von Aberglauben, von bewusstem und unbewusstem.“ Und erzählt, ausgehend von einem Buch des dänischen Physikers Nils Bohr, die Anekdote eines pragmatischen Menschen, an dessen Tür ein Hufeisen prangt. Und der dazu nur bemerkt: „Angeblich hilft es auch Leuten, die nicht daran glauben.“

Der Aberglaube ist freilich nicht das zentrale Thema in „Macbeth“. Marton, hoch konzentriert beim abendlichen Gespräch trotz eines langen Probentages, umreißt das weite Spannungsfeld des Irrationalen. Spricht über Tyrannen, die sich seit der Antike die Legitimation für ihre Taten holen, und sei es wie im Falle des Shakespeare-Schotten durch die Prophezeiung. Redet über die Einflüsterungen und Meinungen, denen wir alle täglich ausgesetzt sind, „die Wegweiser, auf die wir fortwährend treffen, auch wenn wir gerade keine Suchenden sind“. Gedankenscharf und sorgsam formuliert Marton und hadert zwischendrin zu Unrecht mit seinem eingerosteten Deutsch, weil er ein Jahr in Ungarn verbracht hat.

Die Anfrage, sich dem Macbeth zu widmen, hat ihn kurzfristig erreicht, die Produktion springt für eine andere ein. Entsprechend rotiert der Regisseur derzeit, durchaus im energetischen Sinne: „Extrem zündende Erlebnisse“ habe er stets an der Volksbühne gehabt, sagt er. Zudem weiß Marton treue Weggefährten an seiner Seite: von Sir Henry, der bereits musikalischer Kopf bei seinen Alban-Berg-Abenden „Wozzek“ und „Lulu“ am Rosa-Luxemburg-Platz war, über die Geigerin Nurit Stark, den Trompeter Paul Brody, die Sängerin Yelena Kuljic bis zur Schauspielerin Lilith Stangenberg, die 2009 die Lulu gespielt hat.

Martons „Schottenstück“ wird ja ohnehin keine werkergebene Shakespeare-Inszenierung, sondern eben ein Konzert. Die Musikauswahl trifft Marton gerade unter Hochdruck. Der ausgebildete Pianist, der vor seiner Regiekarriere als Bühnenmusiker an der Schaubühne und der Volksbühne wirkte, gilt als seltener Freigeist in einem Betrieb, in dem Schubladendenken und Partiturhörigkeit verbreitet sind. Wobei Marton es nicht mag, die Oper zu generalisieren: „So, wie über Fußball gesprochen wird.“ Er zielt mit seinem grenzüberschreitenden Schauspielmusiktheater nicht darauf ab, ein Genre als solches zu revolutionieren. Er beweist nur, dass auch Opernwerke sehr verschiedene und persönliche Zugänge erlauben. Bedenklich findet er dagegen, „wie indifferent die meisten Menschen, die sich im Opernbetrieb bewegen, gegenüber Theater sind“. Auf Probebühnen hat er schon in leere Sängeraugen geblickt: „Nicht der Widerstand ist das Problem. Sondern die Widerstandslosigkeit.“

Was auch in größeren Zusammenhängen gilt. Im Juni hat Marton am Gorki-Theater mit der Intervention „Radio ohne Frequenz Berlin-Budapest“ die fatalen Entwicklungen in Ungarn ins Visier genommen. Der Künstler sieht sich nicht als Aktivist. Aber die Politik in seinem Heimatland sei an einem Punkt, „wo jeder, der die Chance hat, sich öffentlich dagegen wenden sollte“. Seinen „Macbeth“ auf die ungarische Gegenwart umzudeuten, fiele ihm wiederum nicht ein. „Eitel“ fände es Marton, „die eigenen künstlerischen Ambitionen mit der überdimensionalen Realität zu verbinden“. Da suche man sich besser andere Plattformen für den Einspruch. „Oder man unternimmt konkret etwas. Das wäre am allerbesten.“PATRICK WILDERMANN

Premiere 9.10., 19.30 Uhr

Auch 10. und 19.10., 19.30 Uhr

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