Zeitung Heute : Gespräch über die Zeit und die Dinge

ANNELIE LÜTGENS

As time goes by: Maria Eichhorn in der Galerie Barbara WeissANNELIE LÜTGENSDie neue Ausstellung von Maria Eichhorn zu besuchen, heißt an einen vertrauten Ort zurückzukehren.Eine Wohnung, die man lange nicht betreten hat.Alles ist wie immer: Die Möbel stehen an ihrem Platz, die Plakate liegen auf dem Tisch, der Diaprojektor läuft, die Katjes-Skulptur von Andreas Ginkel steht neben dem Fernsehen. Allein, je genauer man sich umsieht, desto mehr machen sich die abwesenden Dinge bemerkbar.Da war doch ein runder Spieltisch, den man damals fälschlich mit einem Eßtisch verwechselte? Und wo ist der Hoêker mit den Stiften und Schablonen, um Sätze an die Wand zu schreiben? Die Fußbank, der Nistkasten? Kaum noch Kleinkram, wie etwa Schachteln mit Holzkugeln darin oder in Seidenpapier eingewickelte Bildbände, liegt in den Regalen, und fort ist das Glas mit dem Wollknäuel, Ariadnefaden im Reich des Fluxus.Zwei Jahre ist es her, daß die Künstlerin zuletzt die drei Räume der Galerie Barbara Weiss bespielt hat, ein sparsames Environment aus Tischen, Regalen, Hockern, Schemeln, Rollwagen, Büchern, Bildern, Diaprojektor, Wandzeichnungen und vielem anderen mehr, was sich zu einer fiktiven Wohnsituation zusammenfügen ließ.Sie hat diese teils selbstentworfenen, teils alltäglichen Gebrauchsgegenständen nachempfundenen Dinge noch einmal so arrangiert wie damals.Was fehlt, hat Käufer gefunden und somit vielleicht einen Platz in einem anderen Wohnambiente. Den Ort der Präsentation von Kunst stets mitreflektierend, denkt Maria Eichhorn nicht daran, in jeder neuen Ausstellung den Markt mit aktuellen Produkten zu beliefern.Wenn es hier um Verweigerung geht, dann gegenüber einer bestimmten Erwartungshaltung des Publikums und der Schnellebigkeit, die auch vor Kunst nicht haltmacht.Verlangsamung zwecks Sensibilisierung für das, was sich ändert und das, was bleibt, ist das Ziel.Und so verwickeln sich Besucherin und Galeristin am großen Arbeitstisch in ein Gespräch über die Zeit und die Dinge.Das Mineralwasser in den blauen Stapelkästen, Teil des Ausstellungsinventars, wurde vor zwei Jahren noch in Glas- statt in Plastikflaschen angeboten.Der mit Schachteln, Leinwandrollen und einer Grafik vom Minimalisten Fred Sandback beladene gelbe Rollwagen muß sich nicht mehr gegen den spektakuläreren Spieltisch behaupten.Die Utensilien, die für die Herstellung einer aus roten Kreisen bestehenden Herzform, einer Wandzeichnung nötig sind, haben jetzt eine schöne Holzkiste erhalten.Die Arbeit wurde prompt verkauft.Die Galeristin und die Besucherin müssen lachen.Über die ersten grauen Haare und die Raffinesse der Künstlerin. Galerie Barbara Weiss, Potsdamer Straße 93, bis 7.November; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr. 

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