GESPRÄCHMichael Krüger : Liebe und Passion

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Von ihm würde man sich, wie es so schön heißt, auch das Telefonbuch vorlesen lassen – und als Zugabe gleich noch das Umsatzsteuergesetz, die Lippmann-Schwinger-Gleichung und die Wochenangebote von Aldi. Die Michael Krüger eigene Emphase, deren Wirkung auch auf einer tief in der Kehle ansetzenden und teils durch die Nase ausströmenden Stimme beruht, wäre allerdings verschwendet, wenn sie nicht auch seiner Kunst, schlechte Gedichte vorzutragen, zugutegekommen wäre. Es gibt keine vernichtendere Art der Literaturkritik, als zu erleben, wie er schiefe Bilder, verbrauchte Metaphern und hohlen Gefühlsüberschwang mit kaum merklichem Gift einspeichelt.

In solchen Momenten sitzt er, der Lyrik von ganzem Herzen Liebende, über Dichtung unerbittlich zu Gericht und würde, wenn ihm nicht die wahren Verbrechen dieser Welt vor Augen stünden, furchtlos die Todesstrafe verhängen. Zugleich sieht man ihm an, wie enttäuscht er über die Dummheit, die Sorglosigkeit oder das Unvermögen von Schriftstellern ist, die doch dazu berufen sind, Glück und Erkenntnis zu stiften. Wie stehlen sie uns im Jammertal der Endlichkeit die Lebenszeit, und was tun sie erst sich selber an! Vielleicht ist das der Moment, in dem die ganze Doppelnatur seines Charismas aufblitzt: jene Mischung aus Machtbewusstsein und melancholischer Empfindsamkeit, mit der er bis zu seinem 70. Geburtstag die Geschäfte des Hanser Verlags führte. Mit dem 81-jährigen Berliner Lyriker und Literaturwissenschaftler Harald Hartung unterhält sich Krüger, der sich selbst einen Namen als Dichter gemacht hat, nun über das Schreiben und Verlegen von Poesie. Gregor Dotzauer

Literaturwerkstatt Berlin, Do 16.1., 20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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