Zeitung Heute : Gestatten, Blond

Alle wollen nach oben, aber keine darf mit rauf

Deike Diening

Es heißt, wenn Robbie Williams ein Mädchen anmacht, sagt er nur: „Du willst es doch auch.“ Das Verlangen kommt auf Keilabsätzen, Cowboystiefeln und Plateauschuhen durch die Lobby des Ritz Carlton. Es kommt im Minirock, mit geföhntem Haar und rasierten Beinen. Es fährt sich nervös durch die Haare und reißt die Augen auf. Endlich bestellt es aus einer monströsen, ledergebundenen Karte ein viel zu teures Getränk.

Während Robbie Williams am Donnerstag noch singt, gehen im Hotel die Groupies in Stellung. Frisch bezogene Mädchen, bereit zu warten.

Robbie, sagen sie, nehme sich gerne was Hübsches mit rauf. Einchecken, auschecken. Das ist die Kernidee eines Hotels. Alle, die ein Hotel benutzen, sind mit dieser Idee einverstanden. Im Prinzip. – Nur einmal war es anders. Ein Mädchen, mit dem Robbie mal geschlafen hatte, tauchte immer wieder in seinen Hotels auf. Wenn er sie erkannt und gegrüßt hat, war sie zufrieden. Sie war der Meinung, es handle sich um eine Beziehung.

Um die Bar schließen sie die Vorhänge, sie ist jetzt von der Lobby getrennt. Eine Blonde in Blockstreifen schiebt ihre Hüfte nach vorne und hält sich am Tresen fest. Es sieht aus, als liege sie auf einer Motorhaube. Jemand muss ihr sagen, dass es noch viel zu früh ist, noch nicht mal zwölf. Dass Robbie ein Nachtmensch ist. Dass sie, wenn es nachher drauf ankommen sollte, sich auf ihre Hüfte nicht mehr wird verlassen können.

Ausnahmslos alle scheinen noch verabredet zu sein. Ärgerlicherweise alle mit demselben. Die Hotelangestellten schließen die roten Kordeln vor der Bar, lassen einige Mädchen ein und andere nicht. Nicht, dass dort drinnen etwas anders wäre als draußen. Die sinnlose Auslese hat etwas Willenloses, Schafiges. Und auch etwas Aggressives. Die Würde ist schon nach Hause gegangen. Aufgestanden, Platz vergangen. Vermutlich sitzt Robbie schon längst oben im Zimmer und wackelt mit den Zehen. Eigentlich ist er ja auch ganz überflüssig hier. Er muss gar nicht abschätzig an den Frauen entlanggucken, das erledigen sie schon untereinander. Herauf und herunter. Weil es verschiedene Arten gibt, Robbie Williams nicht zu treffen.

Eine namenlose Live-Band versieht ihren Job. Take Five. Take That. Take me. Take one for the road. Vielleicht sollte man besser dahinten sitzen? „Sorry, hier ist reserviert. Für Robbie.“ – Es sind sechzehn leere Sessel, die für hundert volle garantieren.

Frauen fischen mit glänzenden Nagelspaten Oliven aus den Etageren, Salznüsse und Meerettichknusper. Ihre Takelage ist noch da, nur die Segel sind schlaff. Gesichter, die über Stunden versucht haben, frisch und erwartungsvoll auszusehen, entgleisen. Ist auch egal jetzt, dass Knoblauch an den Oliven ist. Oder wird hier jemand heute noch geküsst?

„Warum ist das denn hier so voll?“, fragen zwei Chemnitzerinnen. Kann hier jeder rein? Sie sind etwas pikiert, schließlich haben sie ein Zimmer gebucht, drei Nächte, und jetzt sitzen 100 Lieschen Müller in der Bar. Hunderte Euro und kein Wettbewerbsvorteil für Hotelgäste! „Aber morgen“, sagt eine, „da steigt er irgendwann in den Whirlpool, und danach steigen wir in den Whirlpool.“ Da wird sich schon was vermischen.

Oben, wo Robbie wohnt und wo ihre Magnetkarte im Aufzug nicht mehr funktioniert, da solle es alles noch einmal geben. Rezeption, Bar. Warum sollte er hierher kommen, wo die Schwerkraft minütlich zunimmt? – Drei Uhr. Am Nebentisch kassiert der Kellner sieben Margaritas ab. „Ihr könnt nach Hause gehen, Robbie kommt nicht mehr“, lallt ein Typ. Dann sorgt er dafür, dass im Sessel neben ihm nichts verkommt.

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