Zeitung Heute : Gestohlene Träume

ALEXANDER BARTL

Bente Kahan singt Gedichte jüdischer Autoren über Trauer und HoffnungALEXANDER BARTLIn Lieder gefaßt bestechen manchmal sogar dürftige Texte durch gefälligen Charme.Der Rhythmus entlohnt für vieles, das besser ungesagt bliebe, vielleicht sogar ungesungen.Darum verstört die Erfahrung, daß in beschwingten Melodien mitunter alle Greuel zur Sprache finden, deren Menschen fähig sind.Wie die Nazischergen mit Juden verfuhren, die bis zuletzt an Illusionen festhielten und ihr trauriges Dasein im Ghetto verklärten, damit sie Trost fanden, davon singt jetzt die norwegisch-jüdische Sängerin Bente Kahan in der Berliner Tribüne. Ihr uraufgeführtes Programm "Wir wollen wachen die Nacht" macht mit Texten jüdischer Autoren vertraut, die im Exil, aber auch im Konzentrationslager ihre Erfahrungen aufschrieben.Kahan selbst hat die Dokumente musikalisch in Form gebracht.Miroslav Kuzniak und Dariusz Swinoga besorgen abwechselnd mit Violine, Mandoline, Akkordeon und Klavier eine überaus versierte Rahmung, die manchmal behutsam ins Komödiantische schwenkt, ohne den Vortrag zu denunzieren.Fugenlos schließt ein Lied an das nächste, manche ganz leise fast ins Unhörbare gehaucht, andere schonungslos herausgeschrien. Der zweite Teil des Abends galt Mordechaj Gebirtig, dem großen Dichter des jiddischen Liedes.Gemessen an dem, was vorher war, mußte das Folgende als ein Akt der Befreiung erscheinen, so ironiebegabt hatte Gebirtig in die längst gestohlene Zukunft geblickt.Er wurde 1942 erschossen.Den Alltag im Krakauer Ghetto fing er in kleinen Episoden ein, die am Rande des Weltbewegenden lagen.Kein Streich ins Gesicht der Zuhörer mit moralisch bewegten Worten, vielmehr Geschichten von phantasierenden Kindern, von entfachter Leidenschaft trotz aller Drangsal, deren furchtbare Wahrheit in Zwischentönen schwingt. Im schwarzen knöchellangen Kleid tritt Bente Kahan herausfordernd an die Rampe, kauert kurz darauf tieftraurig im Bühnenwinkel, wenn sie den vielstimmigen Dialog der Opfer in Gedichten von Ilse Weber oder Theodor Otto Beer führt.Der Miniatur "Versöhnung" von Else Lasker-Schüler wurde zugleich der Titel des Abends entlehnt.Und auch der Abschluß mit Charleston-Einlage, so fröhlich er sein mochte, ließ ein bißchen Wehmut zurück.

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