Zeitung Heute : Gesucht: Der ideale Mitarbeiter

In Stellenanzeigen sind kreative, zielstrebige, teamfähige Talente gefragt. Muss man wirklich so perfekt sein?

Oliver Trenkamp

Nennen wir die Bewerberin Erika Schmidt. Sie hat Volks- und Betriebswirtschaft studiert und einen guten Abschluss erreicht. Sie spricht Englisch und Spanisch fließend, ein Auslandssemester hat sie in Barcelona verbracht. In ihrem Lebenslauf stehen auch schon ein paar Praktika bei mittelständischen Unternehmen. Jetzt sucht sie einen Job, am liebsten würde sie als Trainee in einem großen Konzern anfangen. Doch in den Stellenanzeigen wimmelt es von Wünschen, wie sie zu sein hat. Alle wollen mindestens kreative, teamfähige, zielstrebige Bewerber. Und auch Freunde und Familie geben gut gemeinte Tipps: „Nie klein beigeben“, rät ihr die beste Freundin. Eine befreundete Grafikerin bietet an, ihre Bewerbungsunterlagen zu gestalten – schließlich müsse sie ihre individuelle Kreativität unterstreichen.

Doch Erika hält sich für eher zurückhaltend und wenig künstlerisch begabt. Sie fühlt sich eher in der Welt der Zahlen wohl. Hat sie trotz guter Qualifikationen keine Chance bei der Bewerbung? Welche Voraussetzungen müssen Kandidaten wirklich mitbringen? Und bei welchen Anforderungen handelt es sich um Mythen, von denen alle nur glauben, dass man sie erfüllen muss?

SELBSTSICHER

Selbstsicheres, zielstrebiges Auftreten im Bewerbungsgespräch ist entscheidend für eine Anstellung, heißt es in jedem Karriere-Ratgeber. Aber gerade am Anfang der Berufslaufbahn mangelt es Jobsuchern daran, die Prüfungssituation untergräbt bei vielen die Selbstsicherheit. Tröstlich ist es da zu wissen, dass selbstbewusste Menschen nicht generell erfolgreicher sind als unsichere, wie amerikanische Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben. In einer Studie zeigte sich, dass Schüler mit hohem Selbstwertgefühl nicht messbar besser waren als Schüler mit weniger Selbstvertrauen.

Was in der Schule nicht messbar ist, kann trotzdem für den Bewerbungs- und Berufsalltag relevant sein. Der Ratgeber-Autor und Bewerbungstrainer Jürgen Hesse sieht Selbstsicherheit als wesentlichen Erfolgsfaktor: „Wenn ich nicht von mir selbst überzeugt bin, kann ich auch niemand anderen überzeugen“, sagte er. Es gehe aber im Bewerbungsgespräch nicht darum, sich als Überflieger zu präsentieren: „Es geht darum, sich zu kennen und einschätzen zu können“, so Hesse. Die Psychologin Helga Knigge-Illner trainiert Hochschulabsolventen an der Freien Universität Berlin für Prüfungs- und Auswahlgespräche. Sie fügt hinzu, dass auch zurückhaltende Menschen keine Angst haben sollten. „Reflektierte Arbeitgeber schauen eher auf die Qualifikation als auf das Selbstbewusstsein“. Schüchterne brauchen also kein Schauspieltraining für die Bewerbung.

KREATIV

Gerade in der Medienbranche werden in Anzeigen „kreative“ Talente gesucht. Doch unkonventionelle Genies, die ständig neue Wege gehe wollen, haben keine besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. „Kreativität kostet häufig Geld“, sagt Gunther Schnatmann. Der Headhunter rekrutiert Personal für Medienfirmen. Kreative Alleskönner seien heute kaum noch gefragt. „Trotzdem schreiben Firmen die Kreativitätsfloskel in die Anzeige“, so Schnatmann, „selbst wenn sie angepasste Langweiler suchen, die einfach ihren Job ordentlich machen.“

Jürgen Hesse sieht es ähnlich: „Wir können nicht alle Daniel Düsentrieb sein.“ Seine Empfehlung: Nicht zu sehr auf geniale Einfälle und Eigenschaften setzen. Vielmehr gehe es um die Lösung konkreter Probleme. Bewerber und Berufsanfänger sollten nicht die Glühbirne neu erfinden wollen, sondern das streikende Faxgerät bändigen – und danach vielleicht eine Idee zum neuen Vertriebskonzept haben. Mit Kreativität ist also keineswegs Genialität gemeint. „Auch Buchhalter sind kreativ“, sagt Hesse.

ATTRAKTIV

Ein Blick in deutsche Chefetagen verrät: Schönheit ist nicht der entscheidende Schlüssel zum Erfolg. Für den ersten Eindruck spielt das Aussehen natürlich schon eine Rolle: „Wenn Sie aussehen wie Quasimodo, haben sie schlechte Karten“, sagt Hesse. Headhunter Schnatmann ergänzt: „In Personalabteilungen wird intensiv über die Bewerberfotos gelästert.“ Am besten komme der typische Schwiegersohn an. Aber Durchschnittsmenschen seien nicht unbedingt im Nachteil. Auf das Foto solle jeder Bewerber viel Mühe verwenden. Gleiches gilt für das Gespräch. „Lassen Sie sich bei der Auswahl ihrer Kleidung von jemandem beraten, dem Sie vertrauen“, rät Hesse.

Zu schön für den Job? Das Extrem gibt es auch. Sehr attraktive Frauen sollten sich für das Interview zurückhaltend kleiden. „Keine roten Fingernägel, keine roten Lippen“, empfiehlt Hesse. Es gibt Studien, die besagen: Bewerber, die ihre Haare streng nach hinten gekämmt tragen und markante Gesichtszüge haben, wird von Chefs eher Führungskompetenz zugetraut.

TEAMFÄHIG

Logisch, mit den Kollegen sollte ein Bewerber gut zusammenarbeiten können. Headhunter Schnatmann sagt denn auch: „Im Grunde ist fast jeder teamfähig.“ Die Unternehmen wollten oft einfach jemanden, der nicht negativ auffällt. Dafür müsse man kein großer Kommunikator sein. Die Formulierung „teamfähig“ sei meist zu hoch gegriffen. „Autisten finden sowieso keinen Job“, sagt Schnatmann. Teamgeist dürfe auch nicht falsch verstanden werden als „Ein- oder Unterordnung wie beim Militär“, sagt Jürgen Hesse. Im richtigen Moment müsse man auch als Einzelgänger zur Stelle sein. „Sie müssen spüren, wann Sie Ihre Ellbogen ausfahren oder anwinkeln müssen.“

Erika Schmidt muss sich also nicht aufgeben. Stellenanzeigen sind nicht die heilige Schrift. Sie enthalten zum Teil unerfüllbare Forderungen. Es gilt: Sich nicht verunsichern lassen. Den Idealbewerber gibt es nicht. Das wichtigste ist, sich seiner eigenen Stärken bewusst zu sein.

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