Zeitung Heute : Gesuchte Einfachheit

KATRIN BETTINA MÜLLER

Ausstellung zu Lily Hildebrandt im Verborgenen MuseumKATRIN BETTINA MÜLLERDas Hinterglasbild "Die Brücke", 1925 von Lily Hildebrandt gemalt, übt mit seiner Mischung aus naiver Stilisierung, atemberaubender Raumkonstruktion und düsterer Poesie einen starken Reiz aus.Zwar läßt sich die Nähe zum Expressionismus und Neuer Sachlichkeit erraten, doch erscheint es gebrochen durch eine kindliche Sehweise. Die zwischen 1917 und 1943 entstandenen Glasbilder machen in der kleinen Hildebrandt-Retrospektive des Verborgenen Museums den eigenwilligsten Werkkomplex aus.Die Motive umfassen sonnige Ferienbilder, geheimnisvoll nächtliche Szenen zwischen Hauswänden und Fenstern, einen Leichenzug und Kranke in ihren Irrenhausbetten.Man würde in diesen kleinfigurigen Bilderzählungen die Arbeit einer Autodidaktin vermuten, hingen daneben nicht einige früher entstandene Ölbilder der Hölzel-Schülerin.Porträts und Stilleben in gemäßigtem Expressionismus weisen eine Kompositionsdichte und Sicherheit des nah vor Augen gerückten Bildausschnittes auf, daß die merkwürdigen weiten Bildräume mit den nebeneinander gesetzten Figuren in der späteren Glasmalerei nur als Stilisierung des Einfachen zu verstehen ist.Lily Hildebrandt interessierte sich - wie schon die Künstler des "Blauen Reiter" - für die starke Farbigkeit und Konturierung bayerischer Glasmalerei. Diese Vielseitigkeit verrät Lily Hildebrandts Zugehörigkeit zu den Künstler-Zirkeln der Moderne und deren auf eine Reform des Alltags bezogener Kunstpraxis.Ein schon damals viel gelobtes Kinderbuch aus reduzierten Buntpapierformen, Entwürfe für Wandfriese in Kinderzimmern und Fotoreportagen über "Künstlerehen unserer Architekten" und "Stuttgarter Künstler in ihren freien Stunden" belegen ihr berufliches Spektrum, das nicht zuletzt der Notwendigkeit des Verdienens geschuldet war.Gleichzeitig kreisen fast alle Arbeiten um ein familiäres Zentrum: Das war auch der Ort, den eine Künstlerin in den Augen von Lily und ihrem Mann Hans Hildebrandt keinesfalls verlassen durfte. Mit seinem Buch "Die Frau als Künstlerin" von 1928 ist der Kunsthistoriker Hans Hildebrandt berühmt und berüchtigt zugleich geworden.Sein Buch bietet für die Suche nach vergessenen Künstlerinnen zwar eine ergiebige Quelle, aber es liefert der feministischen Kritik mit ausführlichen Definitionen von Weiblichkeit auch schönstes Anschauungsmaterial.Selten kann man die Konstruktion männlicher Überlegenheit so gut beobachten.Er schrieb über seine Frau: "Der Trieb zum Geheimnisvollen, traumhaft Magischen (...) klingt in den farbgeborenen Hinterglasbildern Lily Hildebrandts (auf), deren echt weibliche Mischung aus Naivität und Raffinement mit ihren Reiz begründet." "Der Mann braucht jetzt das Weib, das auch Kamerad ist." Kameradin Hildebrandt hatte begriffen und sah die "Steigerung seiner schöpferischen Kräfte" als höchstes Ziel der Künstlerehe.Ihr Helferinstinkt kam freilich nicht nur dem eigenen Gatten zugute: Schlemmer lobte sie als "Schutzgöttin der Künste", in ihrem Stuttgarter Haus begrüßte sie Le Corbusier, Peter Behrens, Mies van der Rohe, die Gebrüder Taut und nicht zuletzt den geliebten, langjährigen Freund Walter Gropius.Aus dieser Vertrautheit heraus leben ihre Portraits, die Prominente privat und ohne Pose zeigen. Das Verborgene Museum folgt mit der Ausstellung von Lily Hildebrandt (1887-1974) seinem Programm, nicht nur Künstlerinnen aufzuspüren, sondern auch die Gründe ihres Verschwindens zu analysieren.Mehr noch als die freiwillige Zurücknahme der Kunst ins Private ist für das Ende der Kunstproduktion von Lily Hildebrandt die deutsche Geschichte, die Verfemung der Moderne verantwortlich.1933 erhielt sie Berufsverbot als Journalistin, 1934 als Malerin, 1937 wurde ihr Mann aufgrund "jüdischer Versippung" entlassen.Nur noch gelegentlich widmete sie sich der eigenen Kunst. Wahrscheinlich rettete sie ihr Seitensprung mit Walter Gropius vor dem Vergessen, denn seine Liebesbriefe führten in der Bauhausforschung auf ihre Spur.Die Ausstellungsrecherche besorgte Britta Kaiser-Schuster.Ein großer Teil des Werks fand sich noch im Besitz des Sohnes, Rainer Hildebrandt, wieder ein berühmter Mann in Lilys Leben: Er gründete das Museum am Checkpoint Charlie. Das Verborgene Museum, Schlüterstr.70, bis 21.Dezember.Katalog 25 DM.

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