Zeitung Heute : Gesundheit: PCB im Olympia-Stadion

Polychlorierte Biphenyle kurz PCB erschweren zurzeit die Sanierung des Olympia-Stadions. Um tropfende Tribünen Anfang 1970 abzudichten, hatte man die Winkelstufen des Stadions mit PCB-haltiger Dichtungsmasse beschichtet. Jetzt muss der schwerflüchtige Weichmacher unter besonderen Sicherheitsvorschriften entsorgt werden. Aber auch in Wohnhäusern ist der seit 1978 eingeschränkte und seit 1989 gänzlich in der Bundesrepublik verbotene Stoff noch nicht verschwunden. PCB befindet sich in Dehnungsfugen zwischen Gebäudeabschnitten und in Fußböden, in Anschlussfugen im Fensterbereich oder zwischen Treppe und Wand. Es gast aus Akustikdeckenplatten heraus, tröpfelt aus defekten Transformatoren oder Kondensatoren alter Elektrogeräte. Auch von Hause aus unbelastete Fußbodenbeläge, Wände, Möbel und Gardinen können sich in PCB-Quellen verwandeln. Auf ihren großen Oberflächen schlägt sich kontaminierter Staub aus der Luft nieder. Prinzipiell sind alle grauen, dauerelastischen Dichtungsmaterialien aus der Zeit zwischen 55 und 75 verdächtig. Davon betroffen sind vorwiegend öffentliche Gebäude und Platten- bzw. Großtafelbauten der 60er Jahre, aber auch Altbauten, bei denen in dieser Zeit Fugenmassen erneuert wurden. Im Osten Deutschlands tritt das Problem seltener auf. Bis auf wenige Ausnahmen verwendete man hier PCB-freie Dichtungsmassen.

PCB steht in Zusammenhang mit dem so genannten Sick-Building-Syndrom. Dazu gehören Symptome wie Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Atemwegsbeschwerden, Kopfschmerzen, Kreislauf- oder Verdauungsstörungen. Bei schlechtem Austausch zwischen Raum- und Frischluft soll PCB zusammen mit anderen Schadstoffen und Krankheitserregern das Syndrom auslösen. Bei Arbeitern, die über mehrere Jahre höheren Konzentrationen ausgesetzt waren, verursachte PCB, neben allgemeinen Krankheitssymptomen, Chlorakne, Haarausfall, Immun- und Leberfunktionsstörungen. Auch Taubheitsgefühle in den Gliedern und Menstruationsbeschwerden wurden beschrieben. PCB steht unter Verdacht Krebs auszulösen. Es ist ein Leber-, Nerven- und Hirngift, durchbricht die Plazentaschranke und kann zu Missbildungen führen. Ab einer Konzentration von drei Milligramm pro Kubikmeter Raumluft empfahl das frühere Bundesgesundheitsamt eine Sanierung.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar