Zeitung Heute : GESUNDHEITSSTADT BERLIN: 9. Folge Herzkatheter

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weiß, ohne Behandlung wäre dieser Mensch nach spätestens einer halben Stunde tot.“ Doch dann, nach zehn Minuten Gefäßeweiten mit einem Spezialinstrument an der Spitze des Katheters – der Ballon – ist der Patient gerettet. „So eine Möglichkeit zu haben, ist doch ein Segen.“

Während er das sagt, bereitet sich zwölf Kilometer vom Kreuzberger Urban-Krankenhaus entfernt Oberarzt Michael Gross im Helios-Klinikum Buch auf einen solchen Notfall vor. Sein Patient – Horst Schmitt*, 78 Jahre alt, aus Pankow, akuter Herzinfarkt – wurde gerade von der Rettungsstelle in das Katheterlabor gebracht. Ein schmuckloser, zweistöckiger Zweckbau am äußersten Rand des weitläufigen Klinikareals, wo gegenüber ein kleines Wäldchen beginnt. Vor den Fenstern breitet sich eine sonnendurchflutete Wiese aus. Drinnen: Lange, dunkle Flure. Doch im Katheterraum steht modernste Technik.

Wenige Minuten später liegt Herr Schmitt schon auf dem Tisch. Ein blaues Operationstuch bedeckt seinen Körper, nur der Kopf, die Arme und das rechte Bein ragen hervor. Er hat Morphium bekommen, der starken Brustschmerzen wegen. Der Oberarzt hat einen schwierigen Fall vor sich. Zehn Minuten Gefäßeweiten reichen da nicht.

Am Ende wird Schmitt über zwei Stunden hier gelegen haben, während der Arzt mit Drähten, Kanülen und kleinen Ballons in seinen Herzgefäßen hantierte. Für beide – Patient und Arzt – ist es eine Tortur. Manchmal stöhnt Herr Schmitt leise, weniger der Schmerzen wegen, sondern wegen der unnatürlichen Körperhaltung. Die meiste Zeit bittet ihn der Doktor nämlich, seine Arme über dem Kopf zu halten, damit das Röntgenbild seines Brustkorbes klar bleibt.

Oberarzt Gross steuert den Katheter behutsam von der Leiste durch die großen Körperarterien bis ins Herz. Der großgewachsene schlanke Mann hat eine kiloschwere Bleischürze übergezogen, die ihn vor den Röntgenstrahlen abschirmen soll. Immer wieder blickt er auf den Bildschirm, steuert mit einem Fußpedal den Röntgenkopf um die Brust seines Patienten herum. So kann er den Weg des Führungsdrahtes im Körper des Patienten verfolgen. An diesem Draht wird er später alle Geräte auffädeln, die er für die Behandlung benötigt, und sie an die Stelle im Körper führen, wo sie gebraucht werden.

Der 46-jährige Arzt mit dem schmalen Gesicht habe „ein Gefühl für den Draht“, sagen Kollegen über ihn mit einer gewissen Bewunderung. Im Gegensatz zu anderen Kardiologen verzichtet Gross auf das kleine geflügelte Endstück, dass die leichten Drehungen des Drahtes zwischen den Fingern erleichtert, um ihn durch die Gefäße zu bugsieren. Gross dreht direkt an dem nicht mal Spaghetti-starken Metallstift. „Ich brauche das unmittelbare Gefühl“, meint er.

Immer und immer wieder spritzt Gross später ein Kontrastmittel durch die Kanüle in der Leiste seines Patienten, das durch den 1,50 Meter langen Katheterschlauch bis in die Herzgefäße gelangt und die Herzgefäße auf dem Röntgenmonitor sichtbar macht. Nur in diesem kurzen Augenblick sind auch die zahlreichen Einschnürungen in Schmitts Gefäßen zu erkennen. Hierhin muss Gross den Katheter führen, an dessen Spitze der kleine Ballon sitzt und darauf wiederum der Stent – ein wenige Millimeter dickes rundes Stück Metallgewebe, das einer Rolle Maschendrahtzaun ähnelt. Hat Gross die Verengung erreicht, drückt er Kontrastmittel in den langgestreckten winzigen Ballon. Der dehnt sich aus und drückt dabei den Stent auseinander. Der bleibt aufgeklappt und hält die Engstelle offen.

Herr Schmitt leidet unter zahlreichen Engstellen. Diese entstehen im Lauf von Jahren, weil sich Fett und Kalk an den Gefäßwänden anlagern. Die Folgen: Atemnot und Leistungsabfall. Vor allem aber haben diese Engstellen Schmitts Infarkt-Risiko erhöht. Ein Infarkt ist der plötzliche Verschluss eines Gefäßes, der zum Beispiel dann entsteht, wenn sich an einer Engstelle ein Klümpchen zusammengeballter Blutplättchen verfängt.

Horst Schmitt hat Glück gehabt, obwohl er trotz der fast unerträglichen Schmerzen viel zu lange gezögert hatte, bis er ins Krankenhaus gekommen war – vier Stunden, nachdem um 7 Uhr morgens die ersten Symptome aufgetreten waren. Denn die ersten zwei Stunden nach einem Infarkt sind die entscheidenden. „Sein Herzmuskel hat zwar was abbekommen,“ sagt Oberarzt Gross. „Aber für die Aktivitäten eines 78-Jährigen wird dessen Leistungskraft schon noch reichen.“ Jetzt muss Schmitt aber erst einmal übers Wochenende auf die Intensivstation der Klinik, zur Beobachtung.

Es passiert gar nicht so selten, dass die Betroffenen zu lange warten, bevor sie den Notarzt rufen. Sie ignorieren die Schmerzen im Brustkorb, die bis in den Unterkiefer ausstrahlen können, die Atemnot, den Schwindel oder die Übelkeit. Wird schon wieder vorbeigehen, denken sie. Aber es geht nicht vorbei. Es bleibt und wird von Minute zu Minute gefährlicher. „Eine Stunde nach den ersten Symptomen ist ein Fünftel der Betroffenen bereits tot“, sagt Oberarzt Stefan Hoffmann im Vivantes-Klinikum am Urban.

Berlin allerdings steht im bundesweiten Vergleich mit seinem Versorgungssystem für Herzinfarkt-Patienten sehr gut da. Das zeigen die Daten des Berliner Herzinfarktregisters (siehe Interview auf Seite 44). Das zeigen auch die Erfahrungen der Ärzte. „Das System der Notarztwagen hat in der Berliner Bevölkerung eine hohe Akzeptanz“, sagt Hoffmann. „Die meisten Leute wissen, dass sie sofort die Notrufnummer 112 wählen müssen.“

*Name geändert

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