Zeitung Heute : Getürkte Flugblätter im Netz?

Welche Freiheiten das Internet bietet, hat eine anonyme Hate-Page über "B.Z."-Chefredakteur Franz Josef Wagner in diesen Tagen vor Augen geführt.Womöglich hatten dort "B.Z."- Redakteure selbst ihren Chef an den virtuellen Pranger gestellt (wir berichteten).Wer wirklich dahintersteckt, bleibt weiterhin im Dunkeln.

Denn eine Homepage kann jeder erstellen, der die Angaben zur Person auf dem virtuellen Anmeldeformular des Anbieters vollständig ausfüllt und eine funktionsfähige E-Mail-Adresse angibt.Das ist bei dem Provider "Tripod", über den die "FJWagner"-Homepage läuft, nicht anders.Eine E-Mail-Adresse wird von Anbietern wie "gmx", "yahoo" oder "hotmail" sogar kostenlos vergeben.Namensangaben sind zwar grundsätzlich erforderlich, doch ob der fiktive Benutzer Rainer Redakteur sich nun unter eigenem Namen, als "Willi Weißnicht" oder "Grobi" anmeldet, ist letztlich egal: "Die Richtigkeit dieser Angaben können wir nicht überprüfen", gibt Kaspar von Mellentin zu.Er ist stellvertretender Geschäftsführer von Lycos Deutschland, dessen Tochterunternehmen "Tripod" ist.

Ein Anonymus kann also problemlos Lästereien über FJWagner verbreiten.Doch was, wenn der derart Geschmähte sich in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt sieht? Wie könnte er sich wehren? "Zunächst einmal könnte er gegen denjenigen vorgehen, der den Inhalt der Homepage selbst ins Netz gestellt hat", sagt der Potsdamer Rechtsanwalt und Multimediaexperte Gerhard Michael.Nun hat unser fiktiver Rainer Redakteur aber geschummelt und sich ein Pseudonym verpaßt."In diesem Fall wird derjenige belangt, der fremde Inhalte bereithält, also der Provider", gibt Rechtsanwalt Michael Auskunft.Obwohl der Anbieter nichts weiter getan hat, als eine Plattform zur Verfügung zu stellen.Nicht einmal der Hinweis in seinen Geschäftsbedingungen, daß "für die Inhalte einer privaten Homepage keine Verantwortung übernommen wird", hilft ihm vor Gericht weiter.So richtig geht es dem Provider aber nur dann an den Kragen, wenn erstens überhaupt ein (Persönlichkeits- oder sonstiges) Recht verletzt worden ist, wenn er zweitens davon auch weiß und es ihm außerdem technisch und wirtschaftlich zuzumuten ist, die fragliche Homepage aus dem Angebot zu streichen.

"Wenn wir auf strafbare Inhalte aufmerksam werden, nehmen wir sie sofort aus dem Netz", beteuert Lycos-Chef Christoph Mohn.Überdies besteht die Gefahr, daß Hacker das Paßwort, das der Homepage-Gestalter für den Zugriff zur Änderung der Inhalte angegeben hat, knacken, und die Seite verändern.Anonyme Flugblätter im Netz? "So ein Paßwort ist eigentlich eine sichere Sache", sagt Mohn.Grundsätzlich aber können Seiten im Netz verändert werden.Wie leicht, ist eine Frage des Aufwandes, mit dem verschlüsselt wurde.Der wiederum ist je nach Anbieter unterschiedlich.Bei privaten Homepages ist der Ansporn zum Hacken gering.Sehr viel gefragter sind dagegen prominente Internet-Seiten wie die von CIA oder FBI.

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